Vladimir Sorokin ist auf dem Sprung. So lebt er immer im Unterwegs. Eine Dazwischen-Existenz, halb in Berlin, halb in Moskau. In einigen Tagen fährt er wieder dorthin. Wo wohnt so jemand? Natürlich in Charlottenburg. Fragt man hier nach der richtigen Straße, kann man sicher sein, jemand mit russischem Akzent weist einem die Richtung.
Die Russen in Berlin kennen ihr Charlottengrad, wie man in den 1920er Jahren sagte, als 300 000 von Emigranten auf der Flucht vor der roten Macht hierherkamen. Dutzende russische Verlage und Zeitungen etablierten sich. Charlottenburg ist der Mythos für die Russen in Berlin, so wie der Prenzlauer Berg es für die Ostberliner Underground-Szene ist. Aber die Zeiten ändern sich, die Erinnerung verblasst. Nein, da ist Vladimir Sorokin schon mal ganz anderer Meinung: Erinnerungen verblassen nicht, sie werden stärker. Aus Traum und Erinnerung, wird er sagen, seien seine Bücher gemacht.
In der Tür steht ein schlanker, weißhaariger Mann, der etwas von einem elegischen Tennisspieler an sich hat, der sich nur noch fürs Spiel und nicht für die Resultate interessiert. Trotz seiner über sechzig Jahre scheint Vladimir Sorokin eine Art Restjugend konserviert zu haben. Er bittet in sein Atelier, wie er es nennt, überall hängen Bilder an den Wänden,...