Theater der Zeit

Auftritt

Theater der Altmark Stendal: Die innere Front

„Das große Heft“ nach Ágota Kristóf – Regie Johanna Schall, Ausstattung Mark Späth, Musik Elias Weber, Christian Kaiser

von Erik Zielke

Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen-Anhalt Johanna Schall Theater der Altmark Stendal

Endlich die „Premieren-Vollendung“: „Das große Heft“ in der Regie von Johanna Schall am Theater der Altmark Stendal
Endlich die „Premieren-Vollendung“: „Das große Heft“ in der Regie von Johanna Schall am Theater der Altmark StendalFoto: Nilz Böhme

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Der Schlussapplaus ist nach diesem schweren Abend im gut besuchten Theater der Altmark durchaus beachtlich. Er gilt sicher zum einen der künstlerischen Leistung, zum anderen aber ist er auch als Anerkennung zu verstehen, war das Haus doch einer für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter strapaziösen Zeit ausgesetzt.

Bereits Ende Januar wurde zur Premiere von „Das große Heft“ geladen. Ein kurzes Vergnügen, das in einem Desaster endete. Drei der beteiligten Schauspieler hatten während der Vorstellung Verätzungen im Gesicht erlitten und mussten ins Krankenhaus gebracht werden. Als Ursache vermutete man eine chemische Reaktion durch das Maskenbild. Auch Dorotty Szalma, die als Intendantin seit der laufenden Spielzeit das Theater der Altmark leitet, spricht von einem Schock. Ein Schock, der nun mit dreimonatiger Verspätung Erleichterung Platz macht. Von einer „Premieren-Vollendung“ war vonseiten des Theaters die Rede.

Die Vorlage der ungarisch-französischen Schriftstellerin Ágota Kristóf ist erschütternd. Krieg, Verrohung, Grausamkeit und unerbittliche Härte als letzte Überlebensstrategie in einer unwirtlichen Welt sind die großen Themen dieses ersten Teils einer Romantrilogie, der 1986 zuerst erschien. Kristófs Prosa hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere auf deutschsprachigen Theaterbühnen hingelegt, deren Höhepunkt sicher Ulrich Rasches Fassung desselben Romans am Staatsschauspiel Dresden bildete, die auch zum Theatertreffen eingeladen wurde.

Nun zeigte Johanna Schall ihren Bühnenabend in Sachsen-Anhalt, der in einem krassen Gegensatz zu Rasches formalisiertem, überlautem Theater steht. Der Regisseurin ist eine leise Arbeit über den Krieg gelungen, die für ein Haus wie in Stendal durchaus opulent daherkommt. Mit neun Spielerinnen und Spielern, die zahlreichen Rollenwechsel übernehmen, mit Videoprojektionen (Christian Kaiser) und Live-Musik (Elias Weber) wartet sie auf.

Am Anfang steht das kalte Verhältnis zwischen einer Mutter und ihrer Tochter. Nach Jahren der Kontaktlosigkeit bringt Letztere dennoch ihre beide Kinder – Zwillinge, gerade neun Jahre alt – zu deren Großmutter. Sie, eine Fremde, soll sie hüten. Denn – so heißt es immer wieder – in der großen Stadt fallen Bomben. Viel Raum für Assoziationen lässt diese Bühnenadaption von „Das große Heft“. Wem kämen bei solchen Worten nicht Bilder in den Sinn aus dem Ukraine-Krieg oder aus Nahost? Zumal Irans Drohnen und Raketen bereits Richtung Israel flogen, als die Premiere am Stendaler Theater der Altmark noch nicht ganz über die Bühne gegangen war.

Es ist eine Geschichte aus dem Ungarn des Zweiten Weltkriegs. Nach der Flucht aus der „großen Stadt“ wachsen die Zwillinge also bei ihrer Großmutter heran, ziehen sich aber doch selbst groß. Körperlichen und psychischen Qualen setzen sie sich aus – um sich abzuhärten. Das Extrem Krieg fordert dem Menschen alles ab, die Jungen wollen dem gewachsen sein. Dabei wird wie nebenbei ein Gesellschaftsbild gezeichnet, das auch die die Geschwister umgebende Welt in all ihrer Rohheit zeigt. Lebendigkeit, so wird bald klar, kommt in einer untoten Gesellschaft nur im Sexuellen zu tragen, das sich aber nicht weniger gewaltvoll entäußert.

In dem titelgebenden „Großen Heft“ schreiben die Kinder ihre Aufsätze nieder. Eine weitere der vielen an sich selbst gerichteten Aufgaben der beiden. So erfahren die Leser:innen diese Kriegsgeschichte als Zeugnis der zwei Heranwachsenden. Es ist die Lakonie der Sprache, die das ganze Ausmaß der Brutalität aufscheinen lässt. Sie macht die Lektüre zu einem eindringlichen Ereignis. Der Krieg ist hier nicht nur ein rein äußerliches Geschehen, sondern er geschieht in den Menschen.

Davon geht bei dieser zweistündigen Übertragung auf die Stendaler Bühne leider vieles verloren. Die für den Roman prägende, durch die Aufsätze vorgegebene Struktur wird in der Theaterfassung zu Beginn angedeutet – und sogleich wieder aufgegeben. Die Entwicklung der beiden Hauptfiguren bleibt in der episodischen Erzählweise zu unklar und auch die zahlreichen weiteren Figuren bekommen wenig Tiefe. Zu uneindeutig bleibt der Ton der gesamten Inszenierung, der zwischen Schock und Leichtigkeit, Bitterkeit und Zuversicht changiert, ohne Brüche kenntlich zu machen.

Erschienen am 18.4.2024

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