Theater der Zeit

Auftritt

Staatstheater Nürnberg: Helden von gestern

„Parzival“ nach Wolfram von Eschenbach, Textfassung Kieran Joel & Fabian Schmidtlein, Regie Kieran Joel, Bühne und Kostüme Barbara Lenartz, Video Leon Landsberg

von Anne Fritsch

Assoziationen: Theaterkritiken Bayern Kieran Joel Staatstheater Nürnberg

Ist er ein zeitgemäßer Held? Nicolas Frederick Djuren als Parzival im gleichnamigen Schauspiel am Schauspiel Nürnberg.
Ist er ein zeitgemäßer Held? Nicolas Frederick Djuren als Parzival im gleichnamigen Schauspiel am Schauspiel Nürnberg.Foto: Konrad Fersterer

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Kling, klang, klong. Schwerter treffen aufeinander, Rüstungen klappern. Dieser „Parzival“, den Kieran Joel im Staatstheater Nürnberg sehr frei nach Wolfram von Eschenbach inszeniert, startet wie ein Ritterturnier oder wie „eine Geschichte von wahrer Männlichkeit des Mannes“, wie der Erzähler Sascha Tuxhorn aus dem Off kommentiert. Gahmuret von Anjou ist es, der da im Zentrum kämpft, „der größte Ritter seiner Zeit“. Wie es sich also gehört, ist er tapfer und unerschrocken und ein rechter Haudrauf – bis ihn Zweifel überkommen ob des Sinns des Ganzen: „Ich hab keine Lust mehr, der Held zu sein“, sagt Schauspieler Thomas Nunner und legt die Rüstung weg. Das mit dem Gral hat ihn weder erfüllt noch überzeugt: diese ewige Suche nach etwas, das im Grunde niemand versteht.

Zeitenwende also. Ab jetzt: beige Bürokleidung statt glänzender Rüstungen, gepflegte Langeweile statt blutiger Kämpfe. Er will sein wie die anderen: eine bedeutungslose Nebenfigur. Sagen, was die Rolle verlangt. Viel rumsitzen und warten. Der Held entsagt dem Rittertum, sein Sohn soll nichts von all dem je erfahren, „ein gewöhnlicher Mann“ werden. Die Krise des Helden kommt hier schon nach 15 Minuten, aus der Heldensage macht Kieran Joel eine Heldendekonstruktion. Das war’s mit den alten Rittersleut. Stattdessen laufen die „Nebenrollen“, die Sasha Weis, Stephanie Leue, Matthias Luckey und Luca Rosendahl mit viel Lust am Komödiantischen übernehmen, nun als fade Büro-Menschen mit Coffee-to-go-Bechern und Aktentaschen über die Bühne.

Doch wie das so ist, wenn Eltern ihre Kinder vor der Realität beschützen wollen, indem sie sie von eben dieser fern halten: Klein Parzival zeigt sich äußerst verführbar für das Versprechen eines abenteuerlichen Ritterlebens, das ihm in Form des „König Artus Gym“ von einer Leinwand entgegen strahlt: „Du hast das Gefühl, da muss doch noch mehr sein?… Komm zu König Arthus und lasse dich zum Ritter schlagen.“ Ein Heldenleben für 19,95 € im Monat, was will der junge Recke mehr? Und so macht Nicolas Frederick Djuren sich als Parzival auf den Weg, von seinem Vater mit Clownsnase maximal lächerlich ausgestattet, um ihn davor zu bewahren, ernst genommen zu werden. Aus dem Pferd wird ein Mofa; an der Tafelrunde wird über Sinn und Unsinn debattiert – und alles auf der Folie des Theaterspiels. So sieht man hier Schauspieler:innen um Auftritte und Sätze konkurrieren, um ein paar Minuten im Rampenlicht. Es ist ein großer Spaß, wenn Sasha Weis sich zu Recht beschwert, als sie den Baum spielen muss: „Ich habe keine Back-Story, die mich anspornt, aber ich habe Gefühle.“

So witzig das Spiel beginnt, so schnell geht ihm doch die Luft aus. Parzival ist ein Held der alten Schule, man könnte sagen: einer, dessen Heldentum in die Jahre gekommen ist. Kein Kämpfer für Gerechtigkeit, sondern eher einer für den eigenen Vorteil. Was mit den anderen ist, ist ihm dabei ziemlich wurscht. Er will die Macht, ergo: den heiligen Gral, und geht dafür über Leichen. Er tarnt, täuscht und tötet, bis er am Ende da ist, wo er hinwollte. Indem Joel ihn der Lächerlichkeit preisgibt, stellt er nicht nur (zu Recht) patriarchale Strukturen in Frage, sondern immer wieder auch die Notwendigkeit, diese Geschichte auf die Bühne zu bringen. Charakterstudien oder gar Persönlichkeiten sucht man vergebens, gekränkte Eitelkeit ist das höchste der Gefühle.

Alles ist hier ein bisschen zu meta, voll lustiger Einfälle zwar, aber irgendwie nicht abendfüllend. Am Ende gerät selbst Parzival in eine Sinnkrise ob der verwirrenden Wirklichkeit um ihn herum: „Es muss doch jemanden geben, der das steuert, der einen Plan hat!“ Spoiler: Tut es nicht. Willkommen in der Realität. Am Ende steht Parzival an der Rampe, allein, auf dem Haupt die Krone, in einer Hand das Schwert, in der anderen den heiligen Gral. Beides streckt er in die Höhe, bis seine Arme anfangen zu zittern. Die alten männlichen Allmachtsfantasien haben doch wieder die Oberhand gewonnen, Parzival hat sich vom albernen Dummerchen zum machthungrigen Despoten entwickelt: „Wenn es niemanden gibt, der die Realität bestimmt, warum soll ich mich nach ihr richten?“, fragt er. „Wenn die Antwort in mir liegt, warum soll ich nicht die Realität bestimmen?“ Das Machtvakuum will gefüllt werden, und er übernimmt diese Aufgabe wie selbstverständlich. Ob es ihn glücklich macht, ist die Frage. Dass die Menschheit sich anscheinend im Kreis dreht, ist dagegen mehr als offensichtlich.

Erschienen am 25.3.2024

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Das Ding mit dem Körper. Zeitgenössischer Zirkus und Figurentheater
Theaterregisseur Yair Shermann