Theater der Zeit

Auftritt

Oldenburgisches Staatstheater: Dem Erwachsensein entwachsen

„Die große Entwunderung des Wilbur Whittaker“ von Dan Giovannoni, entwickelt mit Luke Kerridge (DSE) – Regie Ebru Tartıcı Borchers, Bühne & Kostüme Sam Beklik, Musik Simon Dietersdorfer

von Jens Fischer

Assoziationen: Kinder- & Jugendtheater Niedersachsen Theaterkritiken Ebru Tartici Borchers Oldenburgisches Staatstheater

Der irdischen Logik entschweben und durch Galaxien düsen, um Kindheitserinnerungen zurückzuholen: „Die große Entwunderung des Wilbur Whittaker“ von Dan Giovannoni in der Regie von Ebru Tartıcı Borchers in Oldenburg.
Der irdischen Logik entschweben und durch Galaxien düsen, um Kindheitserinnerungen zurückzuholen: „Die große Entwunderung des Wilbur Whittaker“ von Dan Giovannoni in der Regie von Ebru Tartıcı Borchers in Oldenburg.Foto: Stephan Walzl

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Kindern können gar nicht früh genug davor gewarnt werden, im Erwachsenenleben nicht zu verspießern. Sie sind also nachdrücklich zu animieren, die neugierige Haltung des Staunens, Fragens und Ahnens beizubehalten. Auch damit Erwachsene später nicht daran erinnert werden müssen, ihren vernünftig tristen Alltag vielleicht noch einmal aus der Perspektive der kindlichen Träume, Sehnsüchte und Vorstellungskraft zu überdenken. Gerade auch angesichts des rasenden Stillstands unserer Gegenwart, deren Sinnressourcen nahezu aufgebraucht sind. Wohl aus einem solchen Impetus heraus schweifte die Suche von Matthias Grön, Leiter des Jungen Staatstheaters Oldenburg, durch die ganze Welt nach einem passenden Stoff für diesen Themenkomplex. In Australien wurde er fündig und machte sich gleich ans Übersetzen von Dan Giovannonis „Die große Entwunderung des Wilbur Whittaker“, uraufgeführt 2022 am Heath Ledger Theatre in Perth. Um dem moralischen Märchen in Deutschland noch mehr Gewicht zu verleihen, inszeniert Ebru Tartıcı Borchers, die mit dem Intendantenwechsel zur nächsten Spielzeit als Hausregisseurin ans Staatstheater kommt.

Sie beeindruckte bisher damit, nicht jedem Stück das gleiche ästhetische Konzept als ihr Markenzeichen aufzuzwängen, sondern stets eine eigene Form zu entwickeln. Mal eher abstrakt, mal tänzerisch oder kammerspielklassisch. Immer höchst präzise. In diesem Fall setzt die an der Universität İhsan Doğramacı Bilkent und dem Salzburger Mozarteum ausgebildete Theatermacherin in einer temporeich-dichten Szenenfolge, mit farbenprächtigem Lichtdesign und fantasievollen Kostümen, auf einen Stand-up-Comedy-Gestus, mit dem der Science-Fiction-Nostalgie-Spaß der Vorlage und seine Möglichkeiten zu opulenten Theatereffekten nur angedeutet werden, wohl um möglichst wenig vom Handlungskern abzulenken, der Umkehr des Erwachsenwerdens. Allerdings gehen aufs Geschehen immer wieder üble Synthesizer-Plastikschlagersounds der 1980er Jahre nieder.

Titelheld Wilbur buhlt von Beginn an in direkter Ansprache um die Aufmerksamkeit des Publikums. Er stellt sich mit Biedermann-Anzug, -Scheitel, -Brille, -Schlips als 41-Jähriger vor. Ein Tattoo am Oberschenkel verweist später allerding auf weitere Image-Potenziale. Aus dem aufgeweckten Hans-guck-in-die Luft, der Weltraumreisen geplant und Bauanleitungen für einen Raketenrucksack entworfen hatte, ist kein Astrophysiker, Astronaut oder Flugzeugkapitän geworden, sondern ein Reisepassstempler im Flughafen. Die „dunkle Art von Leere“ in seinem Inneren ist ihm durchaus bewusst. Daheim in einer roten Kiste versteckt und im Stich gelassen schlummern aber weiterhin „die Wunderungen seines Herzens und seines Verstandes – all seine Hoffnungen und Wünsche, seine kostbaren Fundstücke, seine Kritzeleien von heute und Pläne für morgen“ aus der Kindheit. Da sie seit Langem ungenutzt sind, rücken Recycling-Beamte an. „Sie verwerfen, wir verwerten“, so erklären sie Wilbur ihr Arbeitsmotto. Und entsorgen die Kiste.

Traumblau sind die Szenen nun eingefärbt und abgedeckte Planetenkugeln werden enthüllt. Prinzessin Fantastic gesellt sich aus dem Königreich der Sterne zu Wilbur. Beide entschweben der irdischen Logik und düsen durch Galaxien, um die Kindheitserinnerungen zurückholen. Denn ohne sie zerfällt Wilbur so peu à peu, auch das Universum gerät aus dem Gleichgewicht. Die Abenteurer:innen begegnen auf ihrer Reise extraterrestrischen Figuren (mit feinem Humor verkörpert von Julia Friede und Matthias Kleinert) und auch einen im freien Fall durch Raum und Zeit die intergalaktischen Mülleimer leefutternden Fuchs: amüsante Puppenspieleinlage. In diesem Theater für Menschen ab neun Jahren gibt es auch Extra-Gags für die Älteren – etwa ein Shakespeare-Zitat, eine Anspielung auf Wilburs Krawattenfarbe („deine Persönlichkeit ist braun?“) und seinen Versuch, nochmal kreativ zu sein, wobei ihm kaum mehr einfällt als die Idee, Parkplätze müssten – wohl für SUV-Panzer – vergrößert werden.

Das Ensemble tobt durchs Bühnenbild wie Kinder, geradezu überbordend agieren dabei die Hauptfiguren. Weniger aus der Ruhe einer fast 6.000 Jahre gereiften Weisheit, sondern flatterig grell gestaltet Anna Seeberger die Prinzessin als Re-Infantilisierungsmanagerin. Mit Konstantin Gries ist es der Regisseurin nicht gelungen, eine Figur differenziert zu entwickeln, die in der Midlife-Crisis entdeckt, noch nicht am Ende des Wollens angelangt zu sein, sich also wieder wundern, die Welt freudig hinterfragen möchte und mit neuer Daseins-Euphorie und alter Verspieltheit gern nochmal frisch loslegen. Der Autor schickt Wilbur auf den Weg der poetischen Verwandlung zur lebenslangen Jungenhaftigkeit. In Oldenburg hat er wenig von dieser Identifikationsfigur, bietet den Text lauthals in einem rasend einförmigen Tonfall dar, ergänzt von höchst zappeliger Körpersprache. Was eher wie die Parodie aufs Kind im Manne, denn seine im Stück angelegte Ehrenrettung wirkt, die ja Welt- und Ich-Rettung in eins sein soll. So geht der magische Realismusansatz unter, Wunder in allen und allem zu entdecken. Aber vielleicht ist das auch eine Infragestellung des Textes, der mit Sinnsprüchen wuchert wie „Manchmal ist der Weg, dem du folgen musst, der, von dem du es am wenigsten erwartest“ und auch die kitschverdächtige „Le Petit Prince“-Botschaft „Um richtig zu sehen, muss man mitdem Herzen schauen“ nicht verschmäht.

Alles in allem erwächst aus der Kritik an der großen „Entwunderung“ der Erwachsenen aber eine ergebnisoffene Familienproduktion für den anschließenden Austausch von ermahnten Eltern und bestärkten Kindern über Lebenswege, die noch so verbogen oder mehrfach geknickt sein können, aber bitte ihren Anfang nicht verleugnen, in ihm wurzeln sollten.

Erschienen am 13.3.2024

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