Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: 75 Jahre Theater der Zeit – Ein Jubiläumsheft (05/2021)
Mehrere Regalmeter aktueller Ausgaben plus ein Stahlschrank voll von historischem Material. Theater der Zeit wird 75! Und hinterlässt uns, die erst spät dazugekommen sind, ein reichhaltiges Archiv voll raunendem Papier. „Von allen Tauschgeschäften, in die wir jemals verwickelt werden, ist dasjenige zwischen den Generationen das komplizierteste und undurchsichtigste“, wusste die Performance-Gruppe She She Pop in „Testament“, ihren „Verspäteten Vorbereitungen zum Generationswechsel“, vor elf Jahren zu berichten. Erben ist ein kniffliger Vorgang, selbst wenn es nicht um Autos, Eigenheime, Goldbarren, sondern, ganz im Gegenteil, vollkommen unmonetär: um Geschichte geht.
Theater der Zeit steht, 1946 als Theaterfachmagazin in Berlin gegründet, quasi exemplarisch für die Geschichte einer deutsch-deutschen Transformation, die wiederum Teil einer viel längeren kulturellen Erzählung ist, deren Erbe uns alle betrifft. Was aber stellt die Generation von heute mit dieser Tatsache an? In unserer Jubiläumsausgabe zum Thema Archiv haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, mit einem großen enthusiastischen Sprung voller Neugier, aber auch Fragen in das Meer der Archivmaterialien abzutauchen, welche uns die Vergangenheit, insbesondere die Theatervergangenheit, hinterlassen hat. Was nehmen wir mit? Was kann weg? Was wird vererbt? Was verheimlicht? Welche Schätze stecken in den Taschen der Grand Old Lady Geschichte? Was ging bereits durch Löcher im Stoff unwiederbringlich verloren? Was wurde archiviert? Und was – vielleicht mit Absicht – nicht?
Vor dem Hintergrund dieser Fragen begeben wir uns in unserem großen Jubiläumsschwerpunkt gemeinsam mit der Szenografin Franziska Ritter in einer sensationellen VR-Experience zurück ins Jahr 1927 und besuchen das Große Schauspielhaus Berlin, dessen visionäre Architektur 1919 von Max Reinhardt und Hans Poelzig ersonnen wurde. Mit dem Theaterduo Herbordt/Mohren erkunden wir die wunderbare Welt der Spinner-Akten, die uns beweisen, dass selbst die irrsten gesellschaftlichen Utopien, einst von Experten verworfen, heute das Zeug hätten, unsere Zukunft zu retten. Die Dramaturgin Anna Volkland verschneidet Fundstücke aus alten Heften von Theater der Zeit und Theater heute zu einem spannungsreichen Ost-West-Vergleich, mittels dessen sie unser heutiges Normalitätsverständnis in Bezug auf das Theaterschaffen befragt. Die Soziologin Katharina Warda lenkt im Gespräch mit Paula Perschke den Blick auf die Lücken im deutsch-deutschen Archiv – insbesondere auf die bislang ausgesparten ostdeutschen Perspektiven of Color. Mit Hans Rübesame und Rita Czapka stellen wir zwei der engagiertesten Theaterarchivare vor und tauchen schließlich mit Harald Müller, Friedrich Dieckmann, Thomas Stecher und Frank Raddatz ab ins sagenumwobene TdZ-Archiv, in dem wir auch auf die Dramatik der Schriftstellerin Barbara Honigmann gestoßen sind, deren Monolog „Die Schöpfung“ wir in diesem Heft drucken.
Einem der umfangreichsten und weltweit größten Theaterarchive indes wäre es just in diesen Monaten fast an den Kragen gegangen: Anfang März verkündete das Victoria and Albert Museum in London, seine Sammlungen derart umstrukturieren zu wollen, dass es für die dort beheimatete Theatersammlung de facto die Schließung bedeutet hätte. Stephan Dörschel, Abteilungsleiter des Archivs Darstellende Künste der Akademie der Künste Berlin, beschreibt, warum derartige Pläne auch andere nationale Theatersammlungen bedrohen.
Gegen die Archivierung des Jahrhundertkünstlers Joseph Beuys, der am 12. Mai 100 Jahre alt geworden wäre, spricht sich in dieser Ausgabe der Filmemacher Andres Veiel vehement aus. Beuys, sagt er im Gespräch mit Martin Krumbholz, sei mehr gewesen als lediglich ein Künstler des 20. Jahrhunderts. Er entdecke ihn über Fragen des 21. Jahrhunderts immer wieder neu: Klimakrise, Ökonomie, die Notwendigkeit des Verzichts, Anerkennung und Würde des Menschen. „Wenn wir verhindern wollen, dass wir den Planeten gegen die Wand fahren, müssen wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen.“
Auch ein Projekt wie eine Theaterzeitschrift lässt sich – à la Beuys – nur gemeinschaftlich denken. Verglichen mit der Zeitspanne von 75 Jahren sind wir, die wir hier schreiben, bloß ein Wimpernschlag der Geschichte, die in der Vergangenheit mal langsamer ihre Lider bewegte und mal aus dem Blinzeln gar nicht mehr herausfand. Menschen kamen und gingen. Auch bei Theater der Zeit. Wir möchten uns ganz herzlich bei all jenen bedanken, die über all die Jahre mit ihrem Einsatz, ihrer Leidenschaft, ihren Ideen und Anregungen diese Zeitschrift mitgestaltet haben. Die Zukunft beginnt jetzt. Und sie ist ohne Euch und ohne Sie, liebe Leserinnen und Leser, nicht zu haben. //
Die Redaktion
Anlässlich des 75. Jubiläums von Theater der Zeit fand am 01.06.2021 ein Online-Geburtstagszoom mit Wegbegleiter:innen, Autor:innen und Redakteur:innen von Theater der Zeit statt. Die Aufzeichnung der Veranstaltung finden Sie hier:















