Theater der Zeit

Auftritt

Göttingen: A Nightmare before Theben

Deutsches Theater Göttingen: „Antigone“ von Sophokles. Regie und Bühne Christian Friedel, Kostüme Ellen Hofmann

von Joachim F. Tornau

Erschienen in: Theater der Zeit: Playtime! – Der Theatermacher Herbert Fritsch (05/2017)

Assoziationen: Deutsches Theater Göttingen

Das muss man sich erst einmal trauen: eine griechische Tragödie mit Happy End. Christian Friedel war bislang vor allem als Schauspieler bekannt, hat den Dorflehrer in Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ oder den Hitler-Attentäter Georg Elser in Oliver Hirschbiegels „Elser“ gespielt. Am Deutschen Theater in Göttingen versuchte sich der 38-jährige Dresdner nun zum erst zweiten Mal in seiner Karriere auch als Regisseur. Er präsentierte eine mutige und moderne Fassung der „Antigone“ von Sophokles, die ganz anders ist als alles, was man von dem schon endlos bearbeiteten Allzeitklassiker der Zivilcourage kannte. Und die dem Stück trotzdem keine Gewalt antut. Chapeau.

Etwas ratlos steht das Publikum im kleinen Saal des Theaters, weiße Plastikplanen bedecken zunächst noch die Sitzplätze und ein großes Etwas, das sich später als langer Esstisch entpuppen wird. Über das rohe Mauerwerk flimmern, wie auch fürderhin immer wieder, Videobilder. Sprechende Köpfe, ein riesiges Auge, klagende Frauen, die blinde Justitia mit ihrer Waage. Dazu ertönen aus dem Off elegische Geigentöne und Fragmente dessen, was bei Sophokles der antike Chor vorträgt. Nicht in der ewigen Übertragung von Friedrich Hölderlin, sondern in einer neuen, frischeren Übersetzung von Simon Werle: „Vieles Gewaltige lebt. Aber Gewaltigeres nicht als der Mensch.“

Da öffnet sich die Saaltür, und zu Triumphmusik zieht die Herrscherfamilie ein, lächelnd, winkend und badend in der Menge, in die sich die Zuschauer unverhofft verwandelt sehen. Die neuen Machthaber von Theben tragen Anzug und Kostüm, eine Kanone spuckt Konfetti, wir wohnen einer Politikinszenierung der Gegenwart bei. Und nicht Kreon tritt dann ans Mikrofon, um sein Volk zu begrüßen und das fatale Bestattungsverbot für den Aufrührer Polyneikes zu verkünden – gegen das Antigone, die Schwiegertochter in spe und Schwester des Verstoßenen, bekanntlich verstoßen wird. Sondern Eurydike, seine Frau. Friedel macht sie zur Herrscherin, lässt sie mit Kreon die Rollen tauschen. Ein genialer Schachzug. Kein Tyrann oder Patriarch ist es bei ihm, der den Widerstreit von Macht und Moral auszuhalten hat, sondern eine moderne Realpolitikerin. Die nicht testosterongesteuert mit Schaum vor dem Mund agiert, sondern eher dem Mantra der Alternativlosigkeit folgt. Die wohl auch deshalb keine Schwäche zeigen will – „Nachgeben ist schrecklich“ –, weil sie sich das als Frau nicht leisten zu können glaubt. Gaby Dey spielt diese Eurydike mit Härte und Nüchternheit in der Sache – und gleichzeitig mit Wärme, wenn die Politikerin in die Mutterrolle wechselt und mit der Familie heiter am Esstisch sitzt. Birgitte Nyborg, die Premierministerin aus der dänischen Politfernsehserie „Borgen“, könnte das Rollenmodell sein.

Friedels „Antigone“ ist eigentlich eine „Eurydike“. Nicht die moralisch kompromisslose Rebellin, die für ihre Prinzipien sogar in den Tod zu gehen bereit ist, steht im Vordergrund – Antigone (Christina Jung) bleibt sogar geradezu blass. Nein, es geht um die Mächtige, der nach und nach die Kontrolle entgleitet. Kreon (Florian Eppinger) emanzipiert sich vom schwachen Politikerinnengatten zum Berater und schließlich zum wütenden Warner, der ausspricht, was im Original dem blinden Seher Teiresias vorbehalten ist: „Den Toten töten: Was ist das für eine Heldentat?“ Selbst Haimon (Florian Donath), ihr Sohn und der Verlobte Antigones, ein Streber mit Brille und Seitenscheitel, der zunächst jede Zumutung hinnimmt, erlaubt sich irgendwann den Widerspruch. Auch wenn er dafür lange Anlauf nehmen muss.

Und dann kommt das Erstaunliche: Der blutige Showdown mit dem Tod nicht nur Antigones, sondern auch Haimons und, hier, Kreons – er findet nicht statt. Oder richtiger: Er findet statt, aber nur im Kopf Eurydikes. Mit weiß geschminkten Gesichtern und grell kostümiert, umtanzen dämonenhafte Gestalten, zu denen die Figuren des Stücks geworden sind, die Herrscherin. Wirbeln mit der weißen Abdeckfolie, die das Amphitheater der Stuhlreihen zu Beginn der Inszenierung noch verhüllt hatte. Stoßen gellende Schreie und diabolisches Gelächter aus. Bühnennebel wabert. Ein Albtraum, schmerzhaft und anstrengend, der vielleicht auch für das Publikum ein bisschen länger dauert als nötig. Und der mit seiner Ästhetik an Filme von Tim Burton erinnert. A Nightmare before Theben, sozusagen. Daraus erwacht, gibt Eurydike tatsächlich klein bei. Und anders als bei Sophokles ist es dafür wohl auch noch nicht zu spät. Wow. Das muss man sich nicht nur trauen, man muss es auch unfallfrei hinkriegen. Christian Friedel ist dieses Kunststück geglückt. //

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