Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Feuer und Eis – Theater im ostsibirischen Jakutsk (01/2015)

Berlin. Regierungsviertel. Eine Handvoll Menschen macht sich an einem Zaun zu schaffen. Nahezu unbemerkt von Passanten, Presse, Polizei werden an diesem Tag aus der hochsicherheitsüberwachten Bannmeile des Bundestags 14 Kreuze entwendet. Gedenktafeln an die Mauertoten, die nun, pünktlich zum 25. Jahrestages des Mauerfalls am 9. November 2014 auf Reisen geschickt werden sollen: an die „Mauern“ der Europäischen Union, an denen nach wie vor Menschen sterben. Wenige Tage später wird das Gebäude des Maxim Gorki Theaters in Berlin von rund 100 Beamten der Bundespolizei umstellt. Am Himmel kreisen Hubschrauber.

Es sind Aktionen wie der „Erste Europäische Mauerfall“, mit denen das Berliner Künstlerkollektiv Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) immer wieder bis in den inner circle der Macht vordringt. Kunst als fünfte Macht im Staat – so zumindest sieht es ZPS-Gründer Philipp Ruch. Doch wie weit kann bzw. darf Aktionskunst gehen? Und was bewirkt sie wirklich? In unserem Januar-Schwerpunkt konfrontiert Matthias Dell das ZPS mit zwei weitere Aktivisten in Sachen politischer Schönheit: Matthias Wermke und Mischa Leinkauf, die im Sommer 2014 auf der New Yorker Brooklyn Bridge die amerikanischen Flaggen gegen weiße austauschten und damit einen Großeinsatz der Polizei auslösten. Ruch nennt dies das Prinzip Mausefalle: Wie in Shakespeares „Hamlet“ sorge Kunst dafür, dass eine Gesellschaft sich selbst erkennt.

Voraussetzung für die Wirksamkeit dieser Aktionen ist ihre Ereignishaftigkeit. Sie treten ohne Vorwarnung auf, nicht im Theater, sondern im öffentlichen Raum, und zielen dadurch auf das, was Wolfgang Engler in seinem grandiosen Essay Geschieht es? als Komfortzonen des Westens beschreibt. Ausgehend von Heiner Müllers Erfahrung mit der „Weltenwende“ von 1989, analysiert der Kultursoziologe das Verhältnis von Demokratie, Ereignis und Schrecken. „Gefragt ist eine Währung“, konstatiert er schließlich, „die uns weithin ausgegangen ist: kollektive Zuversicht, die Lust, gemeinsam in offener Landschaft unterwegs zu sein, statt allein ans vorher festgelegte Ziel zu kommen.“

Unmittelbar verstörend ist Englers Verweis auf die „Leerstelle im Zentrum unseres Denkens“, diese „tief sitzende Müdigkeit, gespeist aus der fehlenden Antwort auf die Frage nach dem Wozu“. Denn diese Leerstelle wird im Zweifelsfall anders gefüllt. Mit Fanatismus, Hass, Gewalt. Von derartigen Tendenzen berichten Gunnar Decker und Michael Bartsch aus Bautzen und Dresden. Während sich in Bautzen Angriffe rechter Gruppierungen neuerdings auch gegen die dort seit Jahrhunderten lebenden Sorben richten, gehen in Dresden die Demonstrationen der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ immer weiter. Tilmann Köhlers Uraufführung von Thomas Freyers neuestem Stück Mein deutsches deutsches Land erhielt dadurch makabre Aktualität. Im direkten Spannungsverhältnis dazu steht das mutige Stück der algerischen Autorin Rayhana, das wir in diesem Heft abdrucken. In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich handelt von Frauen, die sich in einem algerischen Hamam ungeschminkt über männliche Gewalt, Ehrenmorde und die Radikalisierung des Islam unterhalten.

Meilenweit entfernt von religiösen oder auch ethnischen Konflikten erschien demgegenüber Dorte Lena Eilers und dem Berliner Fotografen David Baltzer ihr Aufenthalt in Jakutsk, einer Stadt im äußersten Osten Sibiriens, in der die Temperaturen im Winter auf bis zu minus 60 Grad fallen. Eine Stadt der Extreme, die nichtsdestotrotz eine lebendige Theaterszene besitzt. Auf Einladung des Sacha-Theaters, des Nationaltheaters des dort lebenden Turkvolkes der Jakuten, erlebten sie Inszenierungen, in denen sich Schamanismus, Naturreligion und neue theatrale Formen auf faszinierende Weise begegnen. Eine Ästhetik, die Kunst und Landschaft verbindet. Ein Theater im ewigen Eis. //

Die Redaktion

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