Auftritt
Theater Osnabrück: Der Einsamkeit ein Schnippchen schlagen
„Frau Yamamoto ist noch da“ von Dea Loher – Inszenierung Alina Fluck, Bühne und Kostüme Marleen Johow, Kostüme Svenja Mangold, Video & Musik Oskar Smollny, Choreographie Miyuki Shimizu
von Jens Fischer
Assoziationen: Theaterkritiken Niedersachsen Alina Fluck Theater Osnabrück

Zusammen einsam, das macht empfindlich – so Dea Lohers Eindruck von immer volatiler werdenden sozialen Beziehungen im urbanen Raum. In ihren düsteren, geradezu mythisch aufgeladenen Stücken waren die Figuren bisher hilflos auf sich selbst zurückgeworfen, aber zumindest noch durch Schuldzusammenhänge, Traumata, Sinnfragen und Erlösungssehnsucht miteinander verstrickt. In ihrem jüngsten Werk „Frau Yamamoto ist noch da“ ist die Isolation weiter vorangeschritten. Gleichzeitig erzählt die Autorin nun lakonisch leichter, diskreter und humorvoller davon, wie die Angst vor Eigeninitiative und Verantwortung wächst. Wie Misstrauen wuchert gegenüber allen und allem außerhalb der eigenen Wirklichkeitsblase.
Auf die Ab- und Verkapselung deuten in Alina Flucks Inszenierung am Theater Osnabrück bereits die gestapelten Wohnzellen auf der Bühne hin (Ausstattung: Marleen Johow). Drumherum ist Platz für die kurzen, zufälligen Begegnungen der aneinander vorbeiredenden und -lebenden, daher auch gern mal einfach nur herumstehenden Menschen. Die Distanzverhältnisse sind Ausdruck einer allgemeinen Verunsicherung, die vom teilweise überwältigenden Wunsch nach Nähe konterkariert wird. Das Stichwort „Fernbeziehung“ spuckt ein Psychotherapeut im Tonfall beißenden Spottes wie das verhasste Symbol des größtmöglichen Miteinanderglücks seiner Geliebten entgegen. Mit ihr würde er gern zusammenziehen, sie schiebt aber die pflegebedürftige Mutter als Grund vor, nur für gelegentliche Begegnungen Zeit zu haben. Ein junger Mann bastelt derweil an einer Liebeserklärung – hat sicherheitshalber aber keine Adressatin dafür.
Nur Frau Yamamoto ist anders, eine stille, würdevoll Vereinsamte, die mit unsentimentaler Neugier ihr Lebensumfeld beäugt und als alleinstehende Rentnerin nicht weiter so zurückgezogen vor sich hindämmern will wie viele andere. Daher lässt sie ihre Haustür einfach offenstehen. Offen für frische Luft, den Sound der Hausflur-Gespräche und mögliche Kontaktaufnahmen. „Meinst du, wir sollten sie mal zum Essen einladen“, fragt Nachbar Nino seinen Freund Erik. Der geradezu in Panik gerät. „Da würden wir was anfangen ... das können wir am Ende gar nicht mehr kontrollieren … was haben wir in ihrem Leben verloren. – Nichts.“ Thema beendet. Ein erneut gescheiterter Versuch des schwulen Paares, sich wirklich einmal zuzuhören und auszutauschen. Also bleibt alles, wie es ist. Woraufhin Erik die Gefühlslage der Loher-Figuren zusammenfasst: „Nichts zu fühlen, also nichts Besonderes, ist normal. Und nicht handeln zu können – nichts Entscheidendes vollbringen oder verändern zu können –, ist auch normal. Und in dieser Suppe schwimme ich so dahin, schwimmen wir so dahin. Ich meine, nicht wir hier, wir in unserer Gesellschaft, mutlos und überfordert.“
20 schmerzhafte Miniaturen dieser Diagnose hat Loher komponiert und locker auf der Zeitachse arrangiert. Erste Inszenierungen des Stoffes verbanden den episodischen Reigen mit Musik, Spielgestus und Betonung der Leitmotive zu atmosphärisch dichten Panoramen der Verlorenheit in den Wirren der Welt. Alina Fluck versucht das Gegenteil. Sie entkoppelt die Erzählstränge, verzichtet auf eine dramatische Entwicklung und reiht Szene an Szene mit surrealen Einlagen aneinander wie Sketch an Sketch. Das Geschehen wirkt nicht mehr zart aus dem Alltag abstrahiert, sondern wird in seiner Beispielhaftigkeit mit geradezu satirischer Theatralität ausgestellt. Darauf lastet eine emotionale Kälte, im Kern gähnt eine große Leere. Zu erleben ist ein Zeitgeist-Panoptikum der Orientierungslosigkeit. Darin sind auch die Figuren nicht als Individuen einer sich atomisierenden Gesellschaft psychorealistisch ausformuliert, sondern mit wenigen Eigenschaften auf Klischees verkürzt. Was das Ensemble zu unterfordern scheint, während Gaststar Angelika Thomas als Frau Yamamoto etwas überfordert wirkt.
Von den beiläufig angetippten globalen und privaten Krisen wird eine fokussiert – die schwierige Suche nach einem tröstlichen Umgang mit dem entsetzlich gewöhnlichen Tod. Niemand weiß ja, ob ein gewisser Gott den Himmel zum postmortalen Chillen gemütlich hergerichtet hat oder ob auf den Tod nichts anderes folgt als nichts. Rückkehr zum Ursprung, zur toten Materie. Erde zu Erde. Das möchte Loher ihrer Protagonistin nicht gleich zumuten und wiederholt zum Finale die erste Szene.
Eine Frau will Yamamotos Wohnung besichtigen, die aufgrund ihres Todes nun zu vermieten sei. Aber Nino behauptet: „Frau Yamamoto ist noch da“ – und zwar so lange Menschen da seien, die sich an sie erinnern. Schon steht das gesamte Ensemble erinnerungsblickend vorm Publikum. Gibt ihm sozusagen mit auf den Heimweg, es sollte sich in möglichst viele Gedächtnisse oder zumindest in einige tief einschreiben, um der endlichen Anwesenheit auf Erden ein kleines, der Einsamkeit ein großes Schnippchen zu schlagen. So wärmt zumindest das Schlussbild des ausgeglühten Vorzeigetheaters mit anrührendem Pathos.
Erschienen am 19.2.2026


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