5.6. Atemspannung
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Wenn Schauspielstudierende im Probenprozess auf hohem Erregungsniveau miteinander in Kontakt treten, erlebt man oft deren körperliche Verfassung am eigenen Leibe mit. Man kann dann unter Umständen an sich selber beobachten, wie die Bauchdecke in Verteidigungshaltung kontrahiert, die Kehlkopfmuskulatur sich mit hoher, gepresster Stimme anspannt, das Kinn angriffslustig nach vorne strebt. Alle diese Phänomene sind nachvollziehbar: Auf eine spannungsreiche Situation antwortet die Muskulatur der Akteure mit Spannungszuwachs! Es wäre höchst vermessen, an dieser Stelle davon zu sprechen, solches Körperverhalten auf der Bühne sei prinzipiell ungünstig, »nicht richtig« und daher abzulehnen. – Vielleicht sollen – in dieser Situation und zu diesem Zeitpunkt der Auseinandersetzung – die Figuren mit genau dieser Spannung gegeneinander antreten: um besonders extreme Charakterzüge ausagieren zu können! Die entscheidende Frage ist eine andere: Sind solche Spannung, solches Körperverhalten als spezifische Figurencharakteristik frei gewählt, oder erwächst die Spielweise aus der Angst der Darstellenden davor, nicht engagiert genug, nicht authentisch genug zu agieren?
Auch hier kann der Blick auf die Nachbarfächer die Situation klären: Wenn im Bühnenkampf, beim Fechten oder beim Ausüben der japanischen Kampfkunst Aikido zwei Partner miteinander kämpfen, wäre eine Verspannung der Rumpf- oder Halsmuskulatur nicht anzuraten. Sie würde sowohl die Fähigkeit zum wirkungsvollen, überraschenden Angriff wie auch die...
















