Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Frontmann Hamlet – Der Dresdner Musiker-Schauspieler Christian Friedel (03/2013)
Vor ein paar Jahren stellte Friedrich Kittler die These auf, Popstars verkörperten den wiedergekehrten Dionysos als elektrifiziertes Format. Nun sei dem Pop die metaphysische Aufwertung seiner Helden gegönnt, hatte doch bereits Martin Heidegger hervorragenden Fußballspielern den Status von Halbgöttern eingeräumt. Allerdings ist Dionysos nicht eine beliebige Adresse im metaphysischen Who’s who, sondern Gott des Theaters und seiner Chöre. Von da aus scheint es absehbar, dass er sich über kurz oder lang an die Stätten seines Wirkens erinnert. Und tatsächlich macht er jetzt Ernst mit dem Einbruch des Pop in die moralische Anstalt, die Schiller zufolge die Schaubühne hierzulande darstellt.
Die britische Szenografin Es Devlin ist längst in beiden Welten zu Hause. Sie arbeitet, so Matt Trueman, „gleichzeitig für das Londoner Royal Opera House am Bühnenbild für ‚Les Troyens‘ … und am Bühnendesign der Progress-Tour von Take That“. Zwischen Theater, Pop und Oper macht die Ausstatterin von Simon McBurney, der Punkband Wire, Kanye West, Mika und Lady Gaga keine Unterschiede.
Ähnlich sieht man es in Dresden, wo Hamlet als Popstar reüssiert. Gespielt von Christian Friedel, dessen Auftrittslied „I’ll call thee Hamlet“ Gunnar Decker als Kampfansage einstuft – „noch voller unverdorbener Sehnsucht und Trauer um den Vater. Aber dann geht es Schlag auf Schlag, Song für Song. Wenn man nicht schreien kann, soll man singen. Wenn man nicht weinen will, muss man Musik machen.“ In München traf Sebastian Kirsch den Autor, Musiker und DJ Thomas Meinecke und den Intendanten der Münchner Kammerspiele Johan Simons, um neben der neuen Virulenz des Pop auch über den Sound der Sprache als das eigentliche Moment theatralischen Geschehens zu sprechen. Weiter geht es mit Sebastian Kirsch nach Oberhausen, wo Schorsch Kamerun die Hochzeit von Pop und Theater feiert. Arno Raffeiner macht sich derweil daran, Kameruns Songtext „Ich meine ich weine“ unter das analytische Besteck zu legen.
Dem Verhältnis von Musik und Text geht Frank Raddatz bei Richard Wagner, dem Vorläufer von Pink Floyd – so Friedrich Kittler – nach, indem er mit dem „Ring“-Regisseur Hansgünther Heyme und dem versierten Wagner-Exegeten Dieter Borchmeyer jenen Abgrund aufsucht, in den sich die Rezipienten stürzen müssen, wenn sie voll auf ihre Kosten kommen wollen.
Weniger abgründig dürfte es in unserer neu eröffneten Theoriereihe zugehen, die Luhmannist Dirk Baecker mit einem Aufsatz über Vertrauensspiele eröffnet. Dass Betrug und Verrat dabei das Salz in der Suppe bilden, dürfte sich von selbst verstehen. Doch Theater als eine Strategie zu begreifen, um dem Misstrauen zu begegnen, wirft einige neue Bezüge auf. Reflexe des Misstrauens werden schlagartig wach, wenn EU-Programme in Millionenhöhe in die Theatermetropole Neapel fließen, um dort Weltkünstler wie den 88-jährigen Peter Brook auf die Regiepiste zu schicken. Dass Festivalleiter Luca de Fusco mit den Kultursubventionen „einen industriellen Fließfertiger wie Wilson tatsächlich über längere Zeit binden kann“, scheint für Tom Mustroph nicht ausgeschlossen. Auch dieser Beitrag besitzt Auftaktcharakter: So werden in unregelmäßiger Folge weitere europäische Städte und ihre Visionen von Theater unter die Lupe genommen. In der Sprache der Bakchantinnen (Anhängerinnen des Dionysos, neudeutsch: Groupies): „Theben ist überall!“ //
Die Redaktion
















