Auftritt
Landesbühne Niedersachsen Nord Wilhelmshaven: Nein zur Fügsamkeit
„Medea“ nach Euripides – Regie Mona Sabaschus, Bühnen- & Kostümbild Susanne Wilk
von Jens Fischer
Assoziationen: Theaterkritiken Niedersachsen Mona Sabaschus Landesbühne Niedersachsen Nord

Das soll, das darf nicht sein! Kein moralisches Denken oder Empfinden kann gutheißen, dass eine Frau den Bruder, die eigenen Kinder, einen König und die neue Partnerin ihres Ex mordet. Da Medea mit diesen Gräueltaten dem Konsens zivilisierten Miteinanders widerspricht, wird sie als erschreckend starke Frau wahrgenommen. Als blindwütige Barbarin, rachsüchtige Furie, giftmischendes Ungeheuer gebrandmarkt – als die, als das Fremde. Das, was nicht sein soll. Theaterinszenierungen des Mythos versuchen heutzutage zumeist, das verstörend Menschliche an Medeas Verhalten herauszuarbeiten. Soziologisch, philosophisch und vor allem psychologisch. Zuschauer:innen sollen Abscheu und Mitleid empfinden, wenn Medeas Gedanken und ihr „wilder Zorn des Herzens“ auflodern.
So ambivalent versucht Mona Sabaschus’ „Medea“-Abend an der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven die Kolcherin vor der schnellen Aburteilung zu retten. In einer Textfassung der Regisseurin wird die Täterin als Opfer kenntlich: hat sie doch ihre Familie und ihr Land für den Gatten verraten, um dann von ihm verlassen und entrechtet zu werden. Für Sabaschus folgt daraus weniger ein Rosenkrieg aus Eifersucht, vielmehr eine Generalabrechnung mit dem Diktaturjoch des Patriarchats. Wobei der Kindermord als provokanter, wenn auch tragischer Ausdruck einer durch Männermacht unterdrückten und in ihrem Menschsein herabgewürdigten Frau verstanden werden soll.
Drei Spieler:innen zeigen zum Stichwort Medea die üblichen Reaktionen: ängstlich stottern, wütend gucken, angeekelt kotzen – und verehrungswürdig strahlen, schließlich wird sie auch als Feministin bezeichnet. Zu erleben ist des Volkes Stimme, die sich weniger rituell als antiker Chor, eher kurzatmig modern artikuliert – wie Menschen, die Kommentarspalten des Internets mit Meinungsmüll füllen. Soweit der Prolog vorm Bühnenvorhang. Darauf sind eine abschreckende Schreifratze und züngelnde Flammen zu sehen. Dahinter schreit Medea (Anne Weise) flamboyant los. Gibt also das wilde Tier und macht deutlich, mit klassischen Frauenrollen nichts zu tun zu haben: „Lieber wollte ich dreimal ins Grau’n der Schlacht mich stürzen, als zu gebären nur einmal.“ Wie eine Heldin hockt sie auf einem goldenen Podest, drumherum sind locker arrangierte Relikte aus dem Fundus zu sehen, die irgendeinen assoziativen Bezug zum antiken Stoff haben. Ach, den kennt keiner? „Ihr wurdet gar nicht abgeholt?“, fragen die Spieler:innen rhetorisch das Publikum. Und starten übermütig eine Comedy-Lecture zur Vorgeschichte der Handlung – mit dem Hinweis, dass Medea aus Liebesblödheit einst nur Bekümmerin von Männerwünschen war, wovon sie sich nun zu emanzipieren habe.
Aber was sie einst an Jason zum Verlieben fand, ist nicht mehr auszumachen. Gregor Scheil spielt ihn als aufstiegsgeilen Besserwisser. Simon Ahlhorn „mackert“ König Kreon auf die Bühne, der Medea in Trump-Manier als ihn befremdende Migrantin abschieben will. Zusammen reproduzieren beide vor Schäferhund-, Adler-, Wildkatze-Skulpturen kaum erträgliche Forderungen nach dominanter Männlichkeit und devoter Weiblichkeit – Aussagen, die Mona Sabaschus in Social-Media-Posts des misogynen Manosphere-Netzwerks gefunden hat. Woraufhin Medea, bestens nachvollziehbar, aufbegehren will, „ich sage Nein zur Fügsamkeit“, und zu misandrischem Fanatismus aufputscht. Das Ensemble skandiert „Ich bin eine Frau“, schlägt sich stolz auf die Brust und will die Weltordnung der Männer zerstören: „Auch wir können hassen! Auch wir können töten!“ Medeas Kampfansage gegen die Ungerechtigkeiten der Welt kann leider vom Ensemble sprachlich nicht getragen werden. Der Abend läuft Gefahr, zu übersteuern. Immer wenn der Text der Vorlage des Euripides und damit der schroffen Wucht des Archaischen nahekommt, versagen die Sprechkünste des Ensembles. Die Figur Medea kann nicht facettenreich genug erscheinen. Für den Kindsmord findet die Inszenierung das Pressen von etwas Erde aus einem schwarzen Sack, ein schwaches Bild. Da sich Medea jedweden Kommentar dazu verbeten hat, muss das erst mal hingenommen werden. Nicht aber ihr Legitimierungsversuch, die vorsätzliche Tötung der Söhne rette diese davor, „von meinen Feinden gemordet“ zu werden – als Kinder einer Geflüchteten im ausländerfeindlichen Korinth.
Morde als Rettung zu verkaufen, das ist schon perfide. Sie aus vorangegangenen Demütigungen herzuleiten und das als Rechtfertigung der Taten zu nutzen, muss zudem als inakzeptabler Kurzschluss bezeichnet werden. Und der Versuch, Medea als empowerte Emanzipationsheldin zu inszenieren, funktioniert schon deshalb nicht, da sie rücksichtslos egoistisch und selbstgerecht ihren Willen über das Leben anderer stellt, sich also wie die zurecht kritisierten Männer verhält. Der Abend gewinnt also inhaltlich, dramaturgisch und darstellerisch wenig Überzeugungskraft für einen Katharsis-Effekt, prunkt allerdings erfolgreich mit exzessiver Verspieltheit und den plakativen Mitteln einer radikal sein wollenden Kunst. Widerspruchsloser Premierenjubel.
Erschienen am 6.2.2026



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