Theater der Zeit

Fazit

von Maria Nesemann

Erschienen in: Digitale Reihe: Demokratisches Theater – Teilhabe am öffentlich geförderten Theater in Deutschland, England und Frankreich (08/2026)

Originaltitel in der Printausgabe: 7. Fazit

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Es ist höchste Zeit, die Art, wie wir arbeiten, zu ändern. Sonst wird das Theater sterben. Es reicht nicht, ein schönes Theater und Künstler:innen und schöne Inszenierungen zu haben. Es geht darum, wie man alles und alle miteinbezieht.1

Das Zitat der Leitung des Marseiller Theaters LE ZEF steht exemplarisch für Aussagen, die an den Fallbeispieltheatern in Deutschland, Frankreich und England zu beobachten waren: Die Theater nehmen wahr, dass sie nicht divers genug sind, und sehen sich mit dem Auftrag konfrontiert, sich für Themen, Formen und Personen, die aktuell nicht im Theater zu finden sind, zu öffnen. Die erste Forschungsfrage hat diese Entwicklung in den Blick genommen: Welche Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, mehr Teilhabe zu ermöglichen, entwickeln die öffentlich geförderten Theater in Deutschland, Frankreich und England? Welches Verständnis von Teilhabe liegt dem zugrunde?

Die Theater, mit denen sich diese Arbeit beschäftigt hat, sind öffentlich geförderte Theater. In allen drei untersuchten Ländern macht die Förderung dieser Theater einen großen Anteil des Kulturbudgets aus. Das bedeutet, dass die Frage danach, welche Rolle Kulturpolitik für die Öffnung der Theater spielt, auch eine zentrale kulturpolitische Frage ist. Die zweite Forschungsfrage lautete dementsprechend: Welches Verständnis von Teilhabe ist in den untersuchten Theatergovernance-Regimen (staatliche Kulturpolitik, aber auch bestimmte Stakeholder und kulturell-kognitive Institutionen) präsent und welchen Einfluss haben diese auf die teilhabeorientierte Arbeit am Theater in Deutschland, England und Frankreich? Es handelt sich hierbei um eine aktuelle, komplexe und hoch explosive Frage, denn: Auch kulturpolitische Vertreter:innen, die eindeutig antidemokratische Bestrebungen verfolgen, fordern auf den ersten Blick mehr Teilhabe am Theater, wie sich beispielsweise an diesem Zitat des kulturpolitischen Sprechers der baden-württembergischen AfD-Fraktion zeigt:

Wenn sich Theaterintendanten und Regisseure im eigenen Saft braten wollen und eine Kunst für immer weniger Zuschauer hervorbringen, können sie das gern tun – aber ohne Steuergelder […] Wenn die Theater mit Steuergeldern subventioniert werden, dürfen sich die Intendanten und Theaterregisseure nicht von der Bevölkerung entfremden.2

Es wird deutlich: Teilhabe kann auch von Vertreter:innen mit demokratiefeindlichen Gesinnungen instrumentalisiert werden. Es ist also unabdingbar, genau hinzuschauen: Was macht das Theater zu einem demokratischen Ort und welche Rolle spielt kulturelle Teilhabe in diesem Zusammenhang?

Die vorangegangenen Kapitel haben eine Kartierung dieser Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Methoden vorgenommen. In einer kurzen historischen Auseinandersetzung wurden ausgewählte Aspekte beleuchtet, die das Verhältnis von Theater, Staat und Öffentlichkeit im europäischen Kontext zu unterschiedlichen Zeitpunkten illustrieren. Hier wurde deutlich, dass zum einen bestimmte länderspezifische Entwicklungen bis heute Auswirkungen auf die jeweilige Theaterlandschaft haben, zum anderen aktuell diskutierte Fragen der Öffnung und Teilhabe zumeist eine lange Geschichte haben. Aus dem Neoinstitutionalismus wurden die Begriffe Governance und Legitimation eingeführt, um grundlegende Kriterien für die Steuerung und Veränderung von Organisationen beschreibbar zu machen. Neben der organisationstheoretischen Perspektive wurde durch eine hermeneutische Herangehensweise der Blick für unterschiedliche Öffentlichkeits-, Demokratie-, Kunst- und Teilhabeverständnisse geöffnet, die im Folgenden erlaubten, die empirischen Ergebnisse zu beschreiben und kritisch einzuordnen. Bestrebungen zur Öffnung der Theater basieren auf der Annahme, dass das Theaterpublikum wenig divers und tendenziell abnehmend ist. Die Sekundäranalyse von quantitativen Studien zu Theaternutzung und Einstellungen zum Theater in Deutschland, England und Frankreich konnte diese Annahme empirisch überprüfen: Die Theaternachfrage ist insgesamt abnehmend und ein „nachwachsendes“ Theaterpublikum nicht zu erwarten. Ausschlaggebend für die Zusammensetzung des Publikums ist vor allem das Kriterium des formalen Bildungsabschlusses. In neun qualitativen empirischen Fallbeispielstudien wurde daraufhin zum einen das Verständnis des Auftrags im Hinblick auf Teilhabe, dem sich Theater verpflichtet sehen, untersucht, zum anderen wurden konkrete „Stellschrauben“ teilhabeorientierter Maßnahmen im Programm und in der organisationalen Struktur in den Blick genommen. Durch den Vergleich von Theatern unterschiedlicher Größe, Trägerform und Lage aus Deutschland, England und Frankreich konnte ein differenziertes Bild für öffentlich geförderte Theater im westeuropäischen Kontext gezeichnet werden. In dem internationalen Vergleich zeigte sich auch, dass sich trotz der geografischen Nähe der drei Nachbarländer die kulturpolitische Ausgangslage deutlich unterscheidet. Eine Analyse und Auswertung von Gesetzestexten, kulturpolitischen Organisationsstrukturen, Förderhöhen und -vorgaben sowie qualitativen empirischen Interviews mit kulturpolitischen Akteur:innen in den drei Ländern waren demnach unabdingbar, um Zusammenhänge zwischen der teilhabeorientierten Arbeit am Theater und dem jeweiligen Governance-Regime zu klären.

Im Folgenden werden die Forschungsbausteine unter drei zentralen Aspekten zusammengeführt: In Kapitel 7.1 werden unter Berücksichtigung der hermeneutischen und empirischen Ergebnisse die wichtigsten Erzählungen darüber, was Theater demokratisch macht bzw. was seine Rolle als öffentlich geförderte Einrichtung in einem demokratischen System ist, zusammengefasst. Mit den in Kapitel 2.2 vorgestellten Kategorien für Legitimitätsquellen, -kriterien und -risiken werden diese eingeordnet. In Kapitel 7.2 und 7.3 werden die Teilhabeverständnisse, die in dieser Arbeit in Demokratisierung von Kultur und Kulturelle Demokratie unterschieden wurden, auf die zentralen Maßnahmen an den Theatern und in der kulturpolitischen Steuerung angewendet und in ihren Zusammenhängen verdeutlicht. Kapitel 7.4 stellt sich der Frage „So what?“. Welche Erkenntnisse aus der Analyse dessen, was war und was ist, können für das, was kommt, gezogen werden? Welche methodischen Überlegungen entwickeln sich für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Teilhabe am Theater? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Erkenntnissen für eine Kulturpolitik, die Teilhabe am Theater fördern möchte? Welchen Ausblick bieten die Ergebnisse für Theater, die teilhabeorientiert arbeiten wollen?


Anmerkungen

  1. Interview LE ZEF Intendanz.
  2. Rainer Balzer, zitiert nach Brosda 2020, S. 66 f.
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