Theater für die Stadt
Vorwort des Intendanten des Schauspielhauses Bochum
von Anselm Weber
Erschienen in: Schichtwechsel. Das Detroit-Projekt – Ein Handbuch für Städte im Wandel / A handbook for changing cities (12/2014)
In seiner langen und bewegten Geschichte engagierte sich das Schauspielhaus Bochum immer für die politischen und sozialen Belange der Stadt. Ein wesentliches Anliegen war stets die Öffnung des Hauses: Kein elitärer Ort der Hochkultur, sondern engagiertes Theater für alle war das Schauspielhaus Bochum in seinem Selbstverständnis. Jeder Intendant, der hier arbeiten durfte, entwickelte sein Programm in dem Bewusstsein, Theater in einer Arbeiterstadt zu machen, die erst vom Bergbau, dann durch das Opel-Werk geprägt wurde. Dieses Selbstverständnis tat dem Schauspielhaus Bochum gut, denn so entstanden viele neue und erfolgreiche Theaterformen, die den Ruf des Bochumer Theaters begründeten. Seien es die Revuen von Zadek oder das politische Theater Peymanns: Hier wurde Theater gemacht, das sich vehement einmischte in die Geschichte der Stadt.
Nun wird mit der Schließung des Opel-Werks im Dezember 2014 ein wesentliches Kapitel in der Geschichte der Stadt beendet. Deshalb war es für mich selbstverständlich, dass sich das Schauspielhaus zu diesen gravierenden Veränderungen verhalten musste. Denn die Schließung der Autofabrik bedeutet nicht nur den Verlust zahlreicher Arbeitsplätze in der Region, so dass es schon eine Frage der sozialen Verantwortung ist, sich zu engagieren, sondern es geht um mehr. Diese Schließung berührt die Identität der Stadt, denn sie markiert das Ende der großen Industrien. Bochum steht vor der Aufgabe, einen neuen Strukturwandel gestalten zu müssen. Nach den Erfahrungen des DETROITPROJEKTS bin ich überzeugt davon, dass die Stadt und seine Einwohner diesen Wandel aktiv und kreativ gestalten werden. Denn diese Botschaft war die wichtigste, die wir als Theater mit dem Projekt vermitteln wollten: Bochum ist nicht Detroit. Bochum wird sich nicht der Krise ergeben, sondern Chancen mutig ergreifen. Denn in dieser Stadt verstehen sich nicht nur das Schauspielhaus, sondern viele Institutionen wie auch die Universitäten als Akteure des Strukturwandels. Bildung und Kultur entwickeln gemeinsam neue Perspektiven für die Zukunft der Stadt.
Neue Wege ging auch das Schauspielhaus in der Partnerschaft mit den Urbanen Künsten Ruhr: Wir verließen die Bühnen des Theaters und bespielten die Stadt. Installationen und Architekturprojekte wie auch theatrale Arbeiten gehörten zu den zahlreichen Kunstwerken. Durch die vielen Kunstaktionen des DETROIT-PROJEKTS zeigten wir beispielhaft, wie Kunst im Stadtraum Bewegung erzeugen kann. Sei es die Leuchtschrift von Tim Etchells’ „How Love Could Be“ oder die Fotoausstellung „Mein Bochum – Unsere Zukunft“, für die so viele BochumerInnen ihre Fotos einreichten: DAS DETROIT-PROJEKT ließ Bochum in neuem Licht erscheinen. Beim Zukunftsfest beteiligten sich Hunderte von BochumerInnen und zeigten eindrücklich, welch großes kreatives Potential in der Stadt liegt. DAS DETROITPROJEKT konnte diese Energien und Potentiale sichtbar machen. Es ist uns gelungen, gemeinsam mit den BochumerInnen ein neues Kapitel der Stadtgeschichte zu schreiben. Es ist das Kapitel nach Opel, aber es ist ein Neuanfang. Diese Erfahrung verdanken wir allen Künstlern und Künstlerinnen, die ein Jahr lang dieses außergewöhnliche Projekt lebendig gemacht haben. Ich danke der Kulturstiftung des Bundes wie der Kunststiftung NRW, der Sparkasse Bochum sowie allen weiteren Förderern für das Vertrauen, das sie in uns gesetzt haben.
Anselm Weber
Intendant Schauspielhaus Bochum



















