Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Russian Underdogs – Victoria Lomasko und Kirill Serebrennikov (03/2020)
Eigentlich wollten wir Kirill Serebrennikov in Berlin treffen. Doch der russische Regisseur sitzt nach wie vor aufgrund eines vom russischen Staat gegen ihn geführten Gerichtsverfahrens in Russland fest. Nichtsdestotrotz ist er unter Hochdruck dabei, in Moskau seine neueste Produktion vorzubereiten, die am 8. März am Deutschen Theater in Berlin Premiere feiern wird: Giovanni Boccaccios „Decamerone“. Vor dem Hintergrund nicht nur innen-, sondern auch außenpolitischer Machtverschiebungen in Russland haben wir diese russisch-deutsche Koproduktion zwischen dem Moskauer Gogol Center und dem Deutschen Theater in Berlin zum Anlass genommen, in unserem Heft-Schwerpunkt einen Blick auf Russland und die Konflikte und Verflechtungen zwischen Ost und West zu werfen: Tom Mustroph traf Kirill Serebrennikov zum Gespräch in Moskau. Jakob Hayner sprach mit der Slawistin Sylvia Sasse über den neuen russischen Autoritarismus und die Auswirkungen auf die Kunst. In einem Essay beschäftigt sich Gunnar Decker mit slawophiler Geistesgeschichte und europäischer Ignoranz. Michael Bartsch berichtet vom Karussell-Festival für zeitgenössische Positionen russischer Kunst in Dresden-Hellerau. Im Künstlerinsert stellt Anja Nioduschewski die Künstlerin Victoria Lomasko vor.
Auch in Thüringen sollte Anfang Februar ein Machtumbau vollzogen werden, als sich FDP-Kandidat Thomas Kemmerich mit den Stimmen von CDU und AfD zum Ministerpräsident wählen ließ. Ein Tabubruch, der vermeintlich korrigiert ist, doch gehe es sowieso nicht nur um Anstand und Moral, schreibt Jakob Hayner in seinem Kommentar. Die Brutalisierung des bürgerlichen Lagers rühre, so Hayner, aus dem Selbstwiderspruch der Gesellschaft selbst, der nun auch die CDU zerreiße: „Der bourgeois, der ökonomische Bürger, hat den cityoen, den Staatsbürger, im Würgegriff. Profit und Gewalt gehen Hand in Hand.“
In eine permanente Machtverwirrung wiederum stürzt uns der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, der sich im Gespräch mit Regisseur Felix Ensslin über sein soeben zur deutschsprachigen Erstaufführung gebrachtes Theaterstück „Die drei Leben der Antigone“ unterhält. Ein Schlagabtausch über das Misstrauen gegen vermeintliche Helden, den Golfspieler Donald Trump, Gottes barbarische Seite und die fatale Sehnsucht nach Authentizität.
















