Theater der Zeit

Auftritt

Hessisches Landestheater Marburg: Ein gedritteltes Ich

„Die Welt im Rücken“ nach Thomas Melle – Regie Eva Lange, Bühne und Kostüme Ulrike Obermüller

von Joachim F. Tornau

Assoziationen: Hessen Theaterkritiken Hessisches Landestheater Marburg

Mechthild Grabner, Zenzi Huber und Christian Simon in „Die Welt im Rücken“ nach Thomas Melle in der Regie von Eva Lange am Hessischen Landestheater Marburg. Foto Jan Bosch
Mechthild Grabner, Zenzi Huber und Christian Simon in „Die Welt im Rücken“ nach Thomas Melle in der Regie von Eva Lange am Hessischen Landestheater MarburgFoto: Jan Bosch

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Die Stimme aus dem Off klingt panisch und zugleich nach geheimen Botschaften. „Can you hear the drums?“, raunt sie. „I am so afraid.“ Dazu herrscht Hektik, ein riesiges weißes Bücherregal wird leergeräumt, sinn- und ziellos beklettert, bis eine der drei in identische lachsfarbene Anzüge gekleideten Personen ganz oben sitzt. Bereit zum Sprung in den Tod, vielleicht. Doch dann lösen sich die englischen Satzfetzen auf in das, was sie eigentlich sind: der Text von ABBAs Gassenhauer „Fernando“. Das Trio spielt ihn auf unsichtbaren Instrumenten, ekstatisch singend die Eine, mit düsterer Miene ein Schlagzeug traktierend der Zweite, gespenstisch grinsend als Harfenistin die Dritte.

In dem autobiografischen Roman „Die Welt im Rücken“ hat der Schriftsteller und Dramatiker Thomas Melle von seinem Leben mit einer bipolaren Störung erzählt. Oder, diesen alten Begriff findet er treffender für sich: von seinem Leben als Manisch-Depressiver. Immer wieder hat Melle erlebt, wie manische Schübe mit Wahn- und Allmachtsvorstellungen in tiefste Dunkelheit mündeten. Bis hin zum Wunsch, „weg zu sein“, zu sterben. Ausgerechnet „Fernando“, ein Lied, das er nie mochte, dessen Zeilen sich aber ständig ungewollt in sein Hirn drängten, bewegte ihn bei einem Suizidversuch zur Umkehr in letzter Minute. Vorläufig jedenfalls, eine bipolare Störung kann allenfalls in Schach gehalten werden, niemals ganz verschwinden. „If I had to do the same again I would, my friend, Fernando.“

Das 2016 erschienene Buch war ein Ereignis, schonungslos offen, ein Versuch, sich erzählend selbst zu verstehen, dabei hochliterarisch, doch ohne das Elend hinter wohlgesetzten Worten zu verstecken. Am Hessischen Landestheater in Marburg kam es jetzt auf die Bühne, in einer Fassung von Dramaturgin Christin Ihle und inszeniert von Intendantin Eva Lange, die das Haus in der Universitätsstadt an der Lahn seit 2018 zusammen mit Carola Unser leitet.

Ein „Reenactment“ nennen sie die Produktion mit leiser Ironie, ursprünglich nämlich hätte bereits vor mehr als vier Jahren Premiere sein sollen, im März 2020. Dann kam Corona, einen Tag vor der Premiere begann der erste Lockdown, und nichts mehr war wie zuvor. Was allerdings irgendwie auch passte zu einem Text, der – unter anderen Vorzeichen natürlich und persönlich, nicht gesellschaftlich – von ganz Ähnlichem handelt: „Die Zeit war tatsächlich aus den Fugen“, schreibt Melle, „und ich war auch noch aus ihr rausgefallen, aus der Zeit, zwischen die Fugen.“      

Damals, vor Corona, wäre Marburg erst das zweite Theater gewesen, das sich an „Die Welt im Rücken“ gewagt hätte, nach dem Solo von Joachim Meyerhoff am Wiener Burgtheater. Seither haben sich zwar auch andere Häuser an dem Stoff versucht, doch soweit ersichtlich stets als Ein-Personen-Stück. Ihle und Lange dagegen dritteln Melles zersprungenes Ich. Zenzi Huber, Mechthild Grabner und Christian Simon, das Trio in den lachsfarbenen Anzügen, teilen sich zwei Stühle und den Text. Das erscheint anfangs noch sauber sortiert, mit einem manischen Ich, das vom angeblichen Sex mit Pop-Ikone Madonna erzählt, einem reflektiert-distanzierten Ich, das sachlich über Neurotransmitter doziert, und dem gebeutelten Ich, das mit alledem klarzukommen versucht. Doch je länger der Abend dauert, je tiefer es hinabgeht in den Wahn, desto mehr wird daraus ein atemloses Neben- und Durcheinander, gipfelnd in einer Kakophonie der verzweifelten Besessenheit. Beklemmend.

„Ich möchte Ihnen von einem Verlust berichten.“ So beginnt der Roman und so beginnt auch die Marburger Bühnenfassung. Konkret geht es da um Melles Bibliothek, die ihm einst viel bedeutete und die er in einem manischen Schub verramschte, weil ihm die Bücher mitzuwispern schienen in der großen Verschwörung gegen ihn. Wie schon das Fernsehen, das Internet und alle Menschen auf der Straße. Aber verloren geht in Wahrheit eigentlich alles. Freundschaften, das Zuhause, die Kontrolle über das eigene Leben, die Realität. Letztlich: das Ich.

In der von Ulrike Obermüller ausgestatteten Inszenierung taucht nicht nur, groß, weiß und bühnenbeherrschend, das Bücherregal auf. Da gibt es auch die Kopfhörer, mit denen Melle sich abzuschirmen versucht von den Stimmen, die überall auf ihn einzuprasseln scheinen. Da sind die Zeitungsstapel, die er nach Hinweisen auf sich durchwühlt. Herausgerissene Seiten stopfen sich die Schauspieler:innen zerknüllt unter ihre Unterhemden, bis sie dieser Ballast vermeintlichen Wissens zur Unförmigkeit verunstaltet hat. Ein eindringliches Bild.

Regisseurin Lange findet viele solcher Bilder. Ihre Inszenierung ist klug choreografiert, das Ensemble, fast unablässig in Bewegung, hält die Spannung trotz der ausgedehnten zu bewältigenden Textflächen hoch. Und doch fehlt etwas. Wer 350 Seiten Romanseiten zu nicht einmal zwei Theaterstunden machen will, muss Entscheidungen fällen, das ist klar. Hier fiel sie zu Gunsten des tiefen Blicks in die Abgründe, in die Thomas Melle von seiner Krankheit geführt wird. Immer schneller dreht sich die Abwärtsspirale aus Paranoia und Depressionen, aus gefühlter Grandiosität und mentaler Auswanderung in die Parallelwelt, in der Melle der Messias ist und selbst Hitler versucht haben soll, Melle zu sein.

Für alles andere bleibt da kein Raum – die Aufenthalte in der Psychiatrie, die scheiternden Versuche, irgendwie trotz allem noch zu arbeiten, das Metaebenen-Räsonnement über psychische Krankheiten im Allgemeinen und Bipolarität im Besonderen. Zu erleben ist in Marburg vor allem die schmerzhafte Unmittelbarkeit von Melles Text, weniger seine, oftmals ähnlich erbarmungslose, Nüchternheit. Und gänzlich von den seelischen Abgründen verschlungen wird der im Buch immer wieder trotzig aufscheinende Galgenhumor. Der besondere Ton geht damit verloren, dabei ist er es, der den Roman so außerordentlich macht. Es ist von einem Verlust zu berichten, auch hier, leider.

Erschienen am 25.4.2024

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