Auftritt
Kunsthaus Bregenz: Ritual und Spektakel
„Bodensee Étude“ Konzept, Regie Florentina Holzinger von und mit Andrea Baker, Annina Machaz, Anja Müller, Bärbel Schwarz, Bláthin Eckhardt, Florentina Holzinger, Fibi Eyewalker, Katharina Ernst, Maartje Pasman, Natasha Vergilio, Netti Nüganen, roya the destroya, Sofia Borges, Xana Novais, Live Drums Anja Müller, Bärbel Schwarz, Katharina Ernst, Sofia Borges, Sounddesign, Komposition, Live-Musik Stefan Schneider, Katharina Ernst, Setdesign Nikola Knežević
von Max Glauner
Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Performance Florentina Holzinger Nikola Knežević

In einem hatte sich Florentina Holzinger verschätzt: Das Wetter. Auf der Pressekonferenz zu ihrer „Bodensee Étude“ am Donnerstag rechnete sie mit einer Negativ-Serie, «bei unseren Étuden war das Wetter bisher immer schlecht. Und verschmitzt fügt sie hinzu: „Der Bodensee ist unberechenbar.“ Sie sollte nicht recht bekommen. Zum Aufführungssamstag herrschte – Felix Austria, glückliches Österreich – wie man hier immer noch sagt, „Kaiserwetter“. Optimale Bedingungen also für eine Show, die bei freiem Eintritt auf den Sunset Steps des Bregenzer Hafens weit über dreitausend Gäste verzückte und zu Begeisterungsstürmen hinriss.
Das Phänomen Holzinger speist sich im Wesentlichen aus drei Momenten: Körpereinsatz, Spektakel und kluge Kontextualisierung. Holzinger beherrscht das In between meisterhaft, rhetorisch, choreografisch, künstlerisch. Seit Januar steht sie bei der angesehenen Salzburger Galerie Thaddaeus Ropac unter Vertrag. Die „Bodensee Étude“ wird auch nicht, wie zu vermuten wäre, von den Bregenzer Festspielen veranstaltet, sondern durch das experimentierfreudige Kunsthaus Bregenz. Die Kontextualisierung im Bereich der Performative Visual Arts wurde spätestens mit Holzingers Nominierung für den österreichischen Pavillon auf der 61. Venedig-Kunstbiennale sichtbar. Ihre dortige „Seaworld Venice“ gibt nun von Mai 2026 bis November gleichsam die „Base“ für drei Veranstaltungen unter dem Titel „Étude“. Bregenz war nach der Eröffnungsperformance in Venedig die dritte. Eine zweite fand im Juni in Wien und im Schloss Prinzendorf statt, der ehemaligen künstlerischen Heimat von Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater.
„Die Étuden bedeuten mir viel“, erklärt Holzinger, „es sind eigentlich nur Übungen, aber sie zeigen besser als jedes aufgeführte Stück Arbeitsprozesse. Sie sind dadurch entstanden, dass wir Orte gesucht haben, an denen wir Dinge machen können, die im Theater unmöglich sind. Die Natur und die stinkende, motorisierte, echte Welt draußen hat uns im Theater immer gefehlt.“
Trotz aufwendiger Planungen, Aufbauten und Proben bleiben die Étuden einmalige Ereignisse, Happenings im ursprünglichen Sinn, die sich der Kommodifizierung entziehen. Ökonomische Fragen, die bei vergleichbaren Performance-Formaten wie dem kanadischen Cirque du Soleil oder den katalanischen La Fura dels Baus mit hemmungsloser Kommerzialisierung beantwortet wurden, können bei den Étuden, auch das eine Kontextfrage, mäzenatisch und von der öffentlichen Hand beziehungsweise dem Kunsthaus Bregenz finanziert, im Hintergrund stehen – so muss der Hubschrauber, der zum Auftakt der „Bodensee Étude“ aus dem gleißenden Gegenlicht der Sonne fliegt, um nach einigen Schlaufen über dem See vor den Augen der staunenden Augen der Zuschauer eine angehängte Glocke im Wasser zu versenken, nicht von einer Energy-Getränke-Firma gesponsort werden.
Der Hubschrauberflug, die Glocke, ein dramatischer Auftakt, der auch das Narrativ von Verlust und Bergung bedienen soll. Die Bühne, Sonne, flirrendes Licht, der See sind nun ausgemessen. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf den gewaltigen Kran auf einem Ponton mitten im Wasser. Er reckt seinen Ausleger atemberaubend hoch in den Himmel, während die vier Schlagzeugerinnen auf Podesten am Ufer ein klassisches Crescendo ansetzen, um die folgenden vierzig Minuten der Performance akustisch genial zu begleiten. Zu Anfang ist es das lauter werdende Trommelrühren des zirzensischen Spannungsaufbaus. Und siehe, an der Krantrosse wird ein Metallreif aus dem Wasser gezogen, an dem wie leblos sechs Frauenkörper hängen – wie haben sie die ganze Zeit unter Wasser ausharren können? Sie erwachen und vollziehen zu den Klängen am Boden ihre luftig-schöne Choreografie, ein wenig wie die himmlische Engelschar auf Barockaltären. Und dann kommt auch die Glocke an einer Krantrosse wieder zum Vorschein und Florentina hängt kopfüber als Klöppel und läutet den Bregenzern heim. Sturmglockenläuten, Festtagsläuten? Dazu steht nichts Eindeutiges im Skript, aber ein andächtiges „Ah“ geht durch die Menge und zum Ende der „Bregenzer Étude“ spendet sie minutenlang begeisterten Applaus.
Ich kann das nur in Superlativen künden: Das war atemberaubend, berührend.
Erschienen am 14.7.2026


















