Theater der Zeit

Auftritt

Theaterhaus Jena: Diese Frau ist nicht zu fassen

„Kassandra: coming of age at the end of the world“ von Azeret Koua und Marion Hélène Weber – Regie Azeret Koua, Bühne Elizaweta Veprinskaja, Kostüme Melanie Kintzinger, Choreografie Jasmin Avissar, Musik Florian Friedel

von Michael Helbing

Assoziationen: Theaterkritiken Thüringen Azeret Koua Theaterhaus Jena

Ein Gott will seiner Priesterin an die Wäsche: Saba Hosseini als Kassandra und Jonathan Perleth als Apollon in Jena.
Ein Gott will seiner Priesterin an die Wäsche: Saba Hosseini als Kassandra und Jonathan Perleth als Apollon in Jena.Foto: Oskar Schlechter/Theaterhaus Jena

Anzeige

Ihr Stück beginnt nach der Pause, ein Stück zu werden. Da gehen die Schrecken des trojanischen Krieges, die Kassandra am Ende des ersten Teils vor dem inneren Auge vorüberziehen sah, ohne dass er bereits ausgebrochen wäre, ins zehnte Jahr. König Priamos, zuvor ein alberner Wurm im Goldgewand (Jonathan Perleth), berichtet komplett hilflos davon, wie es sich zutrug und zählt die Toten auf, darunter all seine Söhne. Nur Hektor lebt noch. Paris aber nicht mehr. Und die schöne Helena (Thato Kämmerer), die er nach Troja führte, hockt hinterm Hackblock und spaltet Äpfel ohne Unterlass.

So lässt sich ein atmosphärisch dichtes Theaterstündchen an, in dem sich Monolog an Monolog reiht, eine Live-Band Musik und Songs beisteuert und dabei ein innerer Zusammenhang erkennbar wird: Frauen tragen Leid und Lasten des Krieges. Sie kämpfen mit stoischem Pragmatismus ums Überleben.

Andromache (Saba Hosseini) wickelt im Sanitätslager wie selbstvergessen Mullbinden auf und steckt tagtäglich, laut Erzählung, bis zum Ellbogen in Eingeweiden fremder Männer. Gerade wird ihr eigener, Hektor, von Achill geschlachtet. Das weiß sie noch nicht und glaubt’s auch nicht, als die prophetische Schwägerin Kassandra bereits sein Blut und Eisen auf der Zunge spürt.

Hinter Gaze und zwischen verdorrten Bäumen hat diese Seherin ihr Domizil, wie in Isolationshaft befindlich: „Ich stehe hier. Ich bin nicht unsichtbar. Hört mich an“, schreit Luana Velis, die sie nun spielt. Zuvor hatte sie an ähnlicher Stelle im Hintergrund noch als Kassandras Mutter Hekabe ein grünendes und blühendes Gärtchen bewirtschaftet.

Eine Frau sieht die Zukunft in allen Einzelheiten voraus. Das war Apollons Geschenk an Kassandra. Aber niemand glaubt ihr, was sie prophezeit. Das war seine Rache an ihr, weil sie ihn nicht ranließ, als er ihr an die Wäsche wollte. Gegen die Behauptung, eine so unfassbare wie fassungslose Figur in einer einzigen Verkörperung fassen zu können, haben sie in Jena deren Fragmentierung gesetzt. Hier übergibt eine Schauspielerin diese Rolle an die nächste und übernimmt dafür eine andere.

Mutter Hekabe ist nach der Pause bei Rebecca Thoß gelandet, die daraus eine Kriegerin macht, die vom Schlachtfeld kommt. Denn in dieser Version haben sie Trojas Königin ein Vorleben als Amazone Myrina angedichtet. Jetzt muss sie Odysseus Paroli bieten, der sich, getarnt als Überlebender Thebens, eingeschlichen hatte, um Helena zu holen (wieder Jonathan Perleth). Unverrichteter Dinge, aber siegesgewiss trollt er sich wieder. Bald darauf, so hört man, öffnet ein Tier aus Holz die Tore …

Hier kommt eins zum anderen, hier geht eins ins andere über. Eine Kette der Ereignisse, eine Verkettung unglücklicher Umstände – wovon Thato Kämmerers Helena mit Wucht und Kraft und Fleetwood Mac gleichsam singt („The Chain“). Sehenden Auges der Katastrophe entgegen. Kassandra aber geht ins Licht und der Abend ab ins Offene. Keine Rede davon, dass Ajax die Priesterin des Apollon vergewaltigen, dass Agamemnon sie versklaven und verschleppen würde.

Szene aus „Kassandra“ am Theaterhaus Jena.Foto: Oskar Schlechter/Theaterhaus Jena

Vielleicht wäre das alles dann doch zu lang geworden. Aber lang und länglich sowie einigermaßen belanglos geriet Azeret Kouas ihre Freiluftinszenierung vor dem Theaterhaus bis zur Pause auch so. „Kassandra: coming of age at the end of the world“ nannte die Regisseurin ihr mit Dramaturgin Marion Hélène Weber verfasstes Stückwerk, mit dem sie sich, an fünf ausverkauften Juli-Abenden zur traditionellen Eröffnung des Festivals Kulturarena, nach zwei Jahren aus dem künstlerischen Leitungsteam des Hauses verabschiedete.

Die probate Idee dahinter scheint gewesen zu sein, einen mythologischen Stoff der Antike für die Gegenwart fruchtbar zu machen und dabei aus der Perspektive, die auf eine Frau blickt, in deren eigene zu wechseln. Das war im Falle Kassandras allerdings einer Christa Wolf vor über vierzig Jahren sehr viel eindringlicher und sprachmächtiger gelungen als hier.

Es beginnt gleichsam in Hekabes Gebärmutter, die Kassandra keinesfalls verlassen mag, weil sie wohl schon ahnt, was ihr da draußen blüht. Umspielt von einem FLINTA*-Bewegungs- und Gesangschor, der den ersten Teil durchsetzt, wird uns der Geburtsvorgang so ungeschminkt beschrieben wie zuletzt häufiger in Stücken und Abenden zur Mutterrolle. Und Kassandra, die hier ohne Zwillingsbruder in die Welt geworfen wird, ist entsetzt: „Fremde Hände tasten mich ab. Es ist das erste Mal, dass jemand mich berührt hat, ohne mich zu fragen. Das erste Mal, aber nicht das letzte.“

Das gibt den Ton vor für Erfahrungen fremdbestimmter Weiblichkeit, die diese auf und hinter der Bühne beinahe ausschließlich weiblich bestimmte Aufführung aneinanderreiht. Der Mutter tut jetzt schon leid, was Kassandra widerfahren wird. Die erlebt als Zehnjährige die arrangierte Hochzeit Hektors mit Andromaches, nur wenig später will ihr Vater sie selbst an den Mann bringen. Apollons Tempel scheint einen Ausweg zu bieten. Bis sich der Gott seiner Priesterin nähert wie ein Kriechtier …

Diese Art der Fortbewegung macht sich zunächst auch dieser Abend zu eigen. Griechische Mythologie als kriechendes Drama, das an seiner linearen Erzählung scheitert. Es setzt vor allem auf Texte und ein paar Bilder dazu, es baut dabei auf Kraft und Präsenz seines Ensembles. Fünf Frauen und ein Mann werden auf der Bühne beschäftigt, aber kaum mit Spielanlässen versorgt. Es ist indes interessant zu sehen, wie ein an Kassandras Geschichte und Perspektive orientierter Abend an Format gewinnt, als die Titelfigur später buchstäblich aus dem Zentrum in den Hintergrund rückt.

Um dem Ganzen etwas Spektakel abzuringen, kamen zuvor ansatzweise und etwas halbherzig Ansätze von Seiltanz und ein bisschen Stangenakrobatik ins Spiel, wofür man mit der Zirkusschule MoMoLo kooperierte. Beides ließen sie aber sehr schnell wieder links liegen: wie zum Beleg dafür, dass man sich für den Abend zu viel auf einmal vorgenommen und zugemutet hatte, als dass daraus von Anfang an ein Stück hätte werden können.

Erschienen am 15.7.2026

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige