Auftritt
Bayerische Staatsoper München: Voller Sehnsucht in den Tod
„Káťa Kabanová“ von Leoš Janáček – Musikalische Leitung Marc Albrecht, Regie Krzysztof Warlikowski, Bühne und Kostüm Małgorzata Szczęśniak, Choreografie Claude Bardouil
Assoziationen: Theaterkritiken Musiktheater Bayerische Staatsoper München

63 Jahre war Leoš Janáček (1854–1928) alt, als er sich unsterblich in die 26-jährige Gattin eines Freundes, in Kamila Stösslová (1891–1935) verliebte. Mit ihr glaubte er – im Gegensatz zu seiner eigenen Frau – einen Menschen für den Austausch seiner Gedanken und Gefühle gefunden zu haben. Mit über 700 Briefen bombardierte er die „Traumfrau“ und „Muse“. Die Liebe blieb unerwidert, doch die Sehnsucht und Alexander Ostrowskis Schauspiel „Gewitter“ inspirierten Janáček zu einer hoch psychologischen Oper: „Káťa Kabanová“.
Uraufgeführt wurde sie 1921 in Brünn. Über hundert Jahre ist das her und dennoch hat das Werk Relevanz, denn es ist „Musik, die immer brennt, die immer ganz nah an der handelnden Person dran ist“, wie der Dirigent Marc Albrecht findet.
Worum geht es? Die Geschichte spielt in einer russischen Kleinstadt an der Wolga in den 1860-er Jahren. Die junge sensible Káťa Kabanová lebt mit ihrem charakterschwachen Mann Tichon, der von seiner Mutter Kabanicha und ihren Standesvorurteilen beherrscht wird, in einer freudlosen Ehe. Einzig Varvara, Tichons Schwester, hält zu ihr und unterstützt sie bei einem geheimen Stelldichein mit dem Liebhaber Boris. Doch auch die Affäre wird Káťa nicht von der Tragödie, die sich in ihr anbahnt, schützen können. Ein heraufziehendes Gewitter verstärkt ihre Gewissensbisse. Vor der Dorfgemeinschaft gesteht sie ihren Ehebruch und sucht in ihrer Sehnsucht und ihrer Angst vor der Verdammnis und sozialen Ächtung den Tod im Fluss.
Langsam treibt Káťas Leiche durch die Wolga. Ein übermächtiges Bild, mit dem man nach Hause geht aus Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Leoš Janáčeks „Káťa Kabanová“ an der Bayerischen Staatsoper.
Kritiker bemängelten seinerzeit, dass die Oper keine flüssige äußerliche Handlung habe. Tatsächlich sind es Káťas Lieben und Leiden, die Janáček interessieren. Für sie schuf er Musik, die es in sich hat. Eine erbarmungslose Partie. Dazu in einer Sprache, der tschechischen, die voller Zungenbrecherlaute ist und gerne mal in einem Wort vier Konsonanten aufeinanderfolgen lässt. Wie soll man dies als Nicht-Muttersprachlerin bloß singen? Die amerikanische Sopranistin Corinne Winters, die unlängst in Brüssel mit einem Opera-Award als beste Sängerin ausgezeichnet wurde, bestätigte erneut, was alles in ihr steckt. Ihr Debüt an der Bayerischen Staatsoper als Káťa war wirklich bemerkenswert. Ungemein authentisch, anrührend und intensiv gelang ihr die Darstellung der verzweifelten Káťa. Von hochfliegender Lust bis hin zu tiefster Verzweiflung; Winters zog alle Register. Stimmlich, spielerisch. Und auch sprachlich. Janáček liebte nun mal die tschechische Sprache, hatte ihren Sprachfall und die „Sprachmelodie“ von Erwachsenen und Kindern systematisch studiert und sie in seiner Musik umgesetzt – was zu einem bis dahin unbekannten ‚Realismus‘ führte. „Diesen Text authentisch auszusprechen, aber auch die Stimme legato schweben zu lassen, Linie und Schönheit zu zeigen, das ist immer eine Herausforderung“, so Winters vorab im Interview. Dennoch sang Winters buchstäblich alle an die Wand. Auch eine gestandene Interpretin wie Violeta Urmana, die die herrische Schwiegermutter Kabanicha mimte, kam gegen Winters nicht an und erhielt nur verhaltenen Beifall. Blass in der Charakterzeichnung blieben auch die anderen Figuren: Tichon (John Daszak), dem unterdrückten Sohn, war seine Frustration kaum anzuhören. Váňa Kudrjaš (Tenor James Ley) als Partner von Varvara und Káťas verspielter Liebhaber Boris (Pavel Černoch) überzeugten nur halbwegs. Lediglich die Spitzentöne der Mezzosopranistin Emily Sierra als Varvara ragten heraus. Den Interpreten und Interpretinnen muss man zugute halten, dass Janáček den Nebenfiguren keine psychologische Entwicklung zugesteht und sich allein für die Nöte seiner Titelfigur interessiert. Das konnte selbst die beste Personenregie nicht ausgleichen. Janáčeks spätromantische, pulsierend aufbrodelnde Musik war bei Marc Albrecht am Pult des Bayerischen Staatsorchesters in besten Händen. Detailliert lotete er die Extreme dieser komplexen und sehr farbenreichen Partitur aus und hielt straff, über fast zwei Stunden, die Zügel in der Hand in der ohne Pause durchgespielten Oper.
Krzysztof Warlikowskis Inszenierung, es ist seine achte an der Staatsoper, kam ohne allzu große Regie-Einfälle und Interpretationsideen daher: Ein öder Tanzsaal mit Spielautomaten und einer Jukebox in sozialistischer 60-er Jahre-Ästhetik. Bunte Klamotten (Ausstattung Małgorzata Szczęśniak). Und einige Videoeinspielungen, von denen die letzte, wie eingangs erwähnt, in Erinnerung blieb. Immerhin.
Erschienen am 24.3.2025