Theater der Zeit

Auftritt

Oper Frankfurt: Sie kamen, sangen und siegten

Giulio Cesare in Egitto von Georg Friedrich Händel – Musikalische Leitung Simone Di Felice, Inszenierung Nadja Loschky, Bühnenbild Etienne Pluss, Kostüme Irina Spreckelmeyer

von Teresa Pieschacón Raphael

Assoziationen: Hessen Theaterkritiken Musiktheater Oper Frankfurt

Lawrence Zazzo (Giulio Cesare), Nils Wanderer (Tolomeo; in der Wanne liegend) und Jarrett Porter (Curio) in „Giulio Cesare in Egitto“ von Georg Friedrich Händel an der Oper Frankfurt. Foto Monika Rittershaus
Lawrence Zazzo (Giulio Cesare), Nils Wanderer (Tolomeo; in der Wanne liegend) und Jarrett Porter (Curio) in „Giulio Cesare in Egitto“ von Georg Friedrich Händel an der Oper FrankfurtFoto: Monika Rittershaus

Anzeige

Anzeige

Anzeige

„Eine Oper, die Schönheit aller Art im Überfluss bietet“, nannte der Musikschriftsteller Charles Burney 1784 Händels „Giulio Cesare in Egitto“ – 60 Jahre nach ihrer Uraufführung am 20. Februar 1724 im King’s Theatre am Londoner Haymarket. Eine Oper, die menschliche Gelüste und Perversionen aller Art bietet, könnte man ergänzen. Macht, Politik, Verrat, Liebe und Eifersucht, Mord und Totschlag. Das zieht immer, auch drei Jahrhunderte später. Händels Oper spielt im Jahr 48 vor Christus im ägyptischen Alexandria – in den letzten Lebensjahren Cäsars zwischen der Schlacht gegen Pompeius und seiner Ermordung in Rom. Regisseurin Nadja Loschky versetzt die Handlung in ein elegant stilisiertes Ambiente ganz in strengem klassizistischem Weiß (Bühnenbild Etienne Pluss), das von Joachim Klein kühl ausgeleuchtet wird. Szene für Szene zieht von rechts nach links unmerklich am Publikum vorüber, in Slowmotion wechseln die einzelnen Räume. Mal fällt der Blick auf die Vitrine mit dem blutigen Rumpf des enthaupteten Pompeius im ersten Akt, dann wieder in einen Zaubergarten, den Sehnsuchtsort für Cäsar und Kleopatra, wo sie einander ihre Liebe gestehen. Ansonsten nur wenig Requisiten und Bühnenelemente: eine Treppe, eine Krone, einige Ziersockel mit Cäsarbüsten. Und eine gut sortierte Waffenkammer, aus der Cornelias Sohn Sesto sich bedienen wird, um Tolomeo, den Mörder seines Vaters Pompeio, zu töten. Im dritten und letzten Akt ist Kriegsfeuer im Hintergrund zu erahnen.

Die Ägypter zeigt Kostümbildnerin Irin Spreckelmeyer in weißer Dekadenz – Chanel-Perlenketten, Netz und Rüschenhemden. Den Wüstling Tolomeo, Bruder und Konkurrent von Kleopatra, stattet sie mit einem Umhang mit gerafften Protzschultern und allerlei Perlen-Geschmeide aus, das auch Kleopatra über ihren antikisierend weiten und in mehreren Lagen schwingenden Chiffon-Kleidern trägt. Nonnenhaft und hochgeschlossen in Schwarz kommt das römische Personal daher, die Soldaten mit ledernen Faltenröcken, optisch an die Legionärsuniformen angelehnt. Und auch Cäsar trägt einen ledernen Gladiatoren-Rock kombiniert mit modernen Soldatenstiefeln. Im Verlauf der Handlung wird der ägyptische Feldherr Achilla die Seiten wechseln, da er sich von Tolomeo betrogen fühlt, und dabei seine helle gegen eine schwarze Kleidung eintauschen. In diese Kleidung schlüpft später auch Sesto, als er Rache an Tolomeo nimmt.

Wir halten uns heute in unserer Überheblichkeit für ungeheuer progressiv, wenn wir von diversity, von unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten sprechen und uns dafür einsetzen. Zu Händels Zeiten aber war es mehr als selbstverständlich, dass in der Oper Töne erklangen, die jenseits von ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ lagen. Genderfluid sozusagen. Die Stimme der Macht etwa, die eines großen römischen Feldherrn und Imperators wie Julius Cäsar, des Herrschers aller Herrscher, sollte selten sein, also göttlich und nicht von dieser Welt, weshalb Händel ihn mit einem Mezzosopran-Kastraten besetzte. Countertenor Lawrence Zazzo als Cesare gelingt es stimmlich wie mimisch, komische und ernste Register zu ziehen, ganz seiner Figur entsprechend, die den wenigsten Stress in der Oper hat. Schließlich muss Cäsar nicht eine einzige Heldentat vollbringen, darf eitel in einer Galerie von Cäsar-Büsten sich selbst bespiegeln, sadistische Machtspiele mit dem ägyptischen König Tolomeo in der Badewanne treiben oder zärtelnd mit Kleopatra anbandeln. Diese (Pretty Yende) konterte mit kühl kontrolliertem Sopran und glasklar präzise geführten Koloraturen. Die Wandlung von einer machthungrigen ägyptischen Herrscherin mit weiblichen Reizen zur ernsthaften, liebenden und zu wahrer Trauer fähigen Geliebten und Königin, die Händel in der eindringlichen Lamento-Arie „Se pietà di me non senti, giusto ciel, io morirò“ musikalisch so anschaulich beschreibt, gelingt ihr nicht. Die Innigkeit, das Nachklingen der inneren Stille einer Simone Kermes, einer Magdalena Kožená liegen Yende nicht. Sie bleibt in allen Lebenslagen gleich: mehr neckisch-verspielte Dienerin Lydia mit offenem Haar, als die sie sich vor Cäsar tarnt, als innerlich gereifte, mythische Frau von Welt. Doch nicht Kleopatra und Cäsar sind das Paar des Abends. Sondern Sesto und seine Mutter Cornelia (Cláudia Ribas). Sesto, ideal mit der Mezzosopranistin Bianca Andrew aus Neuseeland besetzt, liefert in dieser Hosenrolle eine furiose Psychostudie: als androgyner Junge zerrissen zwischen Wut, Angst, Selbstzweifel und Tatendrang. Ribas‘ schöner dunkler Mezzo unterstreicht die große Trauer Cornelias. Wenn Mutter und Sohn im bewegenden Duett „Son nata a lagrimar“ am Ende des ersten Aktes Abschied nehmen, ist im Publikum kein Halten mehr. Genialisch Nils Wanderer in der Partie des Psychopathen Tolomeo. Ein widerwärtiger Triebtäter, füllig, bleich, blond, dekadent. Scharfe Höhen im Wechsel mit einer sehr dunkel gefärbten, rauen Bruststimme unterstreichen seine Rolle als Schurken. Als ob er mit zwei unterschiedlichen Stimmen singen würde. Viel Applaus wegen seiner makellosen Koloraturtechnik gab es auch für Iurii Iushkevich als Kleopatra-Vertrauten Nireno, obwohl ihm nur eine einzige Arie vergönnt war. Božidar Smiljanić als Feldherr Achilla und Jarrett Porter als Curio rundeten mit kraftvollem Bass bzw. Bariton das Ensemble ab.

Ein „Lieto fine“ leitete das Ende der Musik ein, was nichts anderes in der Oper heißt als: Ende gut, alles gut. Cäsar krönt seine Geliebte zur Königin von Ägypten. Einzigartig zu Händels Zeiten war die Verwendung von vier Hörnern in der Sinfonia und im Schlusschor. Der Kampf mit der Intonation war jetzt bei der Premiere bei den Naturhörnern durchaus zu hören. Simone Di Felice am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters gelang es dennoch, die Feinheiten der Partitur herauszuarbeiten. Jubel und viel Beifall.

Erschienen am 3.4.2024

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Das Ding mit dem Körper. Zeitgenössischer Zirkus und Figurentheater
Theaterregisseur Yair Shermann