Auftritt
Theater Ulm: Der Zauber des Unausgesprochenen
„Die Familie Schroffenstein“ von Heinrich von Kleist – Regie Kay Metzger, Bühne und Kostüme Heiko Mönnich, Licht Johannes Grebing
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Kritiken Baden-Württemberg Theater Ulm

Von zerrissenen Herzen erzählt Heinrich von Kleist in seiner ersten Tragödie „Die Familie Schroffenstein“. Die Dynastie aus dem mittelalterlichen Schwaben ist verfeindet, hat sich in die Häuser Rossitz und Warwand gespalten. In dieser Welt des Hasses hat die Liebe keinen Platz. Dennoch lassen Agnes und Ottokar ihre Gefühle zu. Mit einem brillanten Ensemble hat Kay Metzger, der scheidende Intendant des Theaters Ulm, die Tragödie im Großen Haus inszeniert. Dabei horcht er mit den Schauspieler:innen tief in die Leerstellen, in das Unausgesprochene hinein, die Kleists Sprache so einzigartig machen.
Als Kleist die Tragödie Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb, mag ihn Shakespeares Tragödie von „Romeo und Julia“ inspiriert haben. Seine Familie Schroffenstein ist durch einen Erbvertrag geknebelt. Stirbt eine Linie aus, fällt der ganze Besitz an die andere. Das treibt die Machtmenschen Rupert und Sylvester in grausame Kämpfe hinein. Heiko Mönnichs Bühne ist anfangs von einer kalten, grauen Mauer aus textilem Material begrenzt. Dann öffnet sich der Raum in ein leeres, eisiges Nichts. Mit seiner Lichtkomposition legt Johannes Grebing die Wucht der Gefühle offen, die Kleists Menschen umtreiben. Die Atmosphäre, die er so erschafft, ist bemerkenswert. Mönnichs Kostüme sind modern, stylisch geschnittene Anzüge mit Nadelstreifen und kraftvollen Farben. Diese Aktualität setzt der Ausstatter bewusst: Die Schroffensteins könnten eine Unternehmerfamilie modernen Zuschnitts sein.
1804 wurde „Die Familie Schroffenstein“ in Graz uraufgeführt. Schon in diesem frühen Text offenbart sich Kleists radikale Sprachkunst, die ihn als Autor auch für ein heutiges Publikum so spannend macht. Rupert, den Grafen von Schroffenstein aus dem Hause Rossitz, interpretiert Markus Hottgenroth als brutalen Machtmenschen, der den Besitz auf jeden Fall in der Familie halten will. Dass er mit seiner Sprachgewalt die eigene Frau in Depression und Schmerz treibt, zeigt der Schauspieler überzeugend. Anne Simmering lässt ihre Eustache nicht nur am Weltschmerz zerbrechen. Dass ihr jüngster Sohn Peter beim Spiel ertrunken ist, macht sie krank.
Nicht weniger unglücklich sind die Menschen im Hause Warwand. Blutige Morde prägen auch das Leben des Grafen Sylvester. Stephan Clemens zeigt ihn als smarten Businessman, durch dessen harte Schale doch immer wieder das Gewissen spricht. Dazu trägt Stefanie Schwab als seine Frau Gertrude bei, für die Moral noch eine Bedeutung hat. Am Ende verstrickt sich das Ehepaar aber auch in betrügerische Machenschaften um das Erbe.
Hoffnung gibt in dieser hasserfüllten Welt nur die Liebe zwischen Ottokar und Agnes. Der Sohn aus dem Hause Rossitz konkurriert mit seinem unehelichen Bruder Johann um die Gunst der schönen Agnes, vielschichtig interpretiert von Emma Lotta Wegner. Henning Mittwollen übersetzt den Schmerz der Ausgrenzung in eine Körpersprache, die tief berührt. Doch für die vermeintliche Familienehre wird er zum Rächer. Sein ehelich geborener Bruder Ottokar dagegen strotzt vor Selbstbewusstsein und Kraft. Vincent Furrer kostet die Liebesgeschichte mit der Tochter des Hauses Warwand leidenschaftlich und ungestüm aus. Doch diese Liebe endet im Tod.
Kleists Sprachkunst zelebriert Kay Metzgers letzte Inszenierung als Intendant am Ulmer Theater betörend schön. Doch auch die schroffe Wortgewalt erfasst sein Ansatz. Wie viel der Intendant, der 2018 das Ulmer Theater übernommen hat, mit seinem Schauspielensemble erreicht hat, zeigt „Die Familie Schroffenstein“ aufs Schönste. Dass Kleists Dramen gerade durch die kunstvolle Kombination zwischen tragischen und komischen Momenten faszinieren, reizt den Regisseur. Klug erfasst er die Komplexität und die Zerrissenheit des preußischen Dichters, der sich 1811 im Kleinen Wannsee in Berlin das Leben nahm.
Im Auftritt von Barnabe, der verwirrten Tochter eines Totengräbers, schöpft die zauberhaft schrullige Schauspielerin Christel Mayr aus dem Vollen der Groteske. Mit unbändiger Spiellust taucht sie das Publikum in ein Wechselbad von Lachen und Schrecken. Babypuppen baumeln kopfüber von der Bühnendecke. Danach finden die Liebenden ihr tragisches Ende. Dass sich die verfeindeten Patriarchen am Grab ihrer Kinder doch noch die Hand reichen, ist in Metzgers Lesart nichts als eine schale Farce. Wie der Hass die Sprache zerfrisst, zeigt Metzgers kluge, sehr genaue Arbeit am Text. Im Kampf der Machtmenschen gibt es keine Gewinner. Das war in Kleists Zeiten nicht anders als in unserer Gegenwart, da Kriegsrhetorik und falsche Wahrheiten die Demokratien aushöhlen.
Erschienen am 26.1.2026





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