Theater der Zeit

Vorwort

Erschienen in: Recherchen 109: Reenacting History: Theater & Geschichte (02/2014)

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Mit dem Geschichtsboom seit der Jahrtausendwende erfährt das Reenactment als populärkulturelle und künstlerische Praxis eine ungeahnte Aufmerksamkeit. Schlachten-Reenactments wie The Battle of Gettysburg, die in den USA schon seit langem beliebt sind, finden auch in Europa in wachsendem Maße Anklang, wie jüngst die Nachstellung des historischen Gefechts der Völkerschlacht bei Leipzig zeigte. Reenactments von politischen Ereignissen, Auseinandersetzungen und Verbrechen wie Jeremy Dellers The Battle of Orgreave, das den britischen Bergarbeiterstreik 1984/1985 rekonstruiert, Rod Dickinsons Milgram Experiment oder Artur Żmijewskis Repetition, welches das Stanford-Prison-Experiment im osteuropäischen Kontext wiederholt, sowie Milo Raus Die letzten Tage der Ceauşescus, Hate Radio und Die Moskauer Prozesse stoßen auf ein interessiertes Publikum.

 

Aber auch die Wiederholung der Vergangenheit stärker reflektierende Arbeiten wie Elfriede Jelineks Theatertext Rechnitz (Der Würgeengel), eine Annäherung an ein Verbrechen der Kriegsendphase, Thomas Harlans Film Wundkanal mit dem SS-Obersturmbannführer Alfred Filbert als Hauptdarsteller, oder Janez Janšas Slovene National Theatre über die Verfolgung einer Roma-Familie lassen sich als Reenactments verstehen, genauso wie die Wiederaufführung der Montagsdemonstrationen in The Monday Walks von plan b oder der Silent Walk von Britta Wirthmüller und Petra Zanki durch das alte jüdische Viertel in Leipzig. Eine besondere Spezies unter den Reenactments stellen schließlich solche von künstlerischen Performances und Artefakten dar, wie etwa Marina Abramovićs Seven Easy Pieces, Gob Squad’s Kitchen, die Museums- und Sammlungsrekonstruktion Masyw kolekcjonerski von Robert Kuśmirowski oder Tanzreenactments wie Martin Nachbars Urheben Aufheben oder Fabian Barbas A Mary Wigman Dance Evening. Es gibt keinen Zweifel: Die Wiederaufführung der Geschichte im Reenactment ist zu einem Paradigma der Erinnerungskultur und des Gegenwartstheaters geworden.

 

Mit der Vielzahl und Vielfalt an Praktiken der wiederholenden Aneignung von Geschichte rückt das Reenactment verstärkt in den Fokus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Für die Hinwendung zum neuentdeckten Paradigma der Geschichte und zur Praxis des ‚Geschichte Aufführens‘ steht allerdings vielerorts noch kein angemessenes begriffliches Instrumentarium bereit. Um hier Grund zu legen, stellen die Autorinnen und Autoren dieses Bandes die Frage nach der Erscheinung und Erfahrung der Vergangenheit in den unterschiedlichen Formen des Reenactments in den Kontext einer umfassenderen Untersuchung des Verhältnisses von Theater und Geschichte.

 

Im Fokus steht dabei eine doppelte Verflechtung von Theater und Geschichte: Zum einen in Gestalt des ästhetischen Historismus, in dem sich Theater und Geschichte verbinden, um die Kontinuität und Präsenz der Geschichte zu beglaubigen. Theatrale Künste des Vergegenwärtigens und Dramatisierens, des Erzählens, Einbildens und Affizierens sind darin unverzichtbar, um Geschichte als Sinnzusammenhang darzustellen, die Vergangenheit zu enthistorisieren und als Legitimationsgrund gegenwärtiger Mächte und Ordnungen zu behaupten. Der ästhetische Historismus ist kein Phänomen des 19. Jahrhunderts. In jeweils aktuellen Varianten seiner zentralen Figur des ‚Dramas der Geschichte‘ begegnet er uns in der Gegenwart in der Populärkultur ebenso wie im Theater, im Film und in der Wissenschaft.

 

Den zweiten Pol der Verflechtung von Theater und Geschichte bildet die Vorstellung von Geschichte als einem Theater der Wiederholung. Kennzeichnend dafür sind die Metaphern des Schauspiels, der Maskerade, der Posen und Kostüme, die uns bei Schriftstellern und Denkern wie Büchner, Marx, Kierkegaard, Nietzsche, Deleuze und Heiner Müller begegnen. Sie unterstreichen die Uneigentlichkeit und Sekundarität geschichtlicher Vorgänge und dekonstruieren den legitimatorischen Anspruch der Geschichtsbilder und Geschichtskonstruktionen. Gleichzeitig wird das Konzept des Theaters der Wiederholung der Historizität der Gegenwart gerecht, indem es diese als von allen Effekten der Wiederkehr und des Nachlebens anderer Zeitschichten und Zeiträume durchzogen begreift. Es ermöglicht so, Theater als einzigartigen Ort der Aushandlung und Aneignung der Vergangenheit in der Gegenwart zu begreifen und ‚Geschichte in Zukunft‘ im Medium des Theaters zu erkunden.

 

Reenacting History: Theater & Geschichte geht dieser doppelten Verflechtung von Theater und Geschichte nach. An zeitgenössischen Theaterproduktionen, Stücken sowie populären und künstlerischen Reenactments ebenso wie an historischen Dramen und Aufführungspraktiken sowie philosophischen Konzepten untersuchen die Autorinnen und Autoren die prekäre Figur des ‚Dramas der Geschichte‘, folgen dem Verhältnis von Lebens- Geschichte und Szene und beschreiben und analysieren die Theorie und Praxis des künstlerischen Reenactments.

 

Der Band ist aus einem Symposium und Vorträgen im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts Das Theater der Wiederholung und einer Kooperation mit dem Theater an der Ruhr, Mülheim, hervorgegangen. Die Herausgeber danken der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die finanzielle Unterstützung der Publikation. Zugleich gilt der Dank Andrea Hensel, Tamar Pollak, Eva Döhne und Marianne Seidler für ihre Mitarbeit bei der Einrichtung des Bandes.

 

Leipzig, im März 2014

Die Herausgeber

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