Auftritt
Münchner Volkstheater: Episches Theater
„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht – Regie Christian Stückl, Bühne und Kostüme Stefan Hageneier, Musik Tom Zimmer & Max Bloching
von Anne Fritsch
Assoziationen: Theaterkritiken Bayern Christian Stückl Münchner Volkstheater

Selten verrät der Titel eines Stückes so viel wie hier: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht erzählt von einem kleinen Gangster, der in Chicago die Macht übernimmt und aus der Unter- in die Oberwelt aufsteigt. Und davon, dass das nur möglich ist, weil niemand ihn aufhält. Brecht schrieb sein Stück 1941 im finnischen Exil. In seiner Arbeitsfassung finden sich Zeittafeln, die das Geschehen im Stück mit der Machtübernahme Adolf Hitlers in Deutschland parallel setzen. Die Wirtschaftskrise, der Korruptionsskandal um Reichspräsident Hindenburg, die daraus folgende Übergabe der Macht an Hitler, der Reichstagsbrand und der Einmarsch in Österreich: Brecht nimmt die Vorgänge in seiner alten Heimat und verlagert sie in die Gangsterwelt Chicagos.
Sein Arturo Ui ist ein Kleinkrimineller, der droht, in die Belanglosigkeit abzurutschen, aber erkennt, dass die allgemeine Verunsicherung ihm in die Karten spielt. Der „Grünzeughandel“, genauer gesagt der Handel mit Karfiol ergo Blumenkohl, steckt in der Krise. Die Gewerkschaften verlangen mehr Lohn für die Arbeiter, die Mitglieder des „Karfioltrusts“ fürchten um ihre Gewinne. Und die Politik – personifiziert durch den „alten Dogsborough“ – verfranzt sich in eigenen Problemen und Gelüsten, statt die Krise anzugehen. Ui nun erkennt das Machtvakuum und füllt es. Er schafft ein Klima der Gewalt und der Angst, in dem er gekommen ist, um die „friedlichen Amerikaner“ zu schützen. Seine Anhänger schießen Gegner in vorauseilendem Gehorsam über den Haufen, Ui selbst muss das nicht mal explizit befehlen. Aus dem Kampf um Blumenkohl wird einer um die Herrschaft.
Brechts Arturo Ui ist eine Hitler-Karikatur, sein Stück eine Parabel auf das, was geschehen kann, wenn Menschen zu lange zuschauen, wie Werte und Gesetze abgebaut werden. 85 Jahre später können wir täglich mitansehen, wie diese Parabel in den USA zur Realität wird, wie einer Stück für Stück die sicher geglaubte Demokratie zerlegt und Gewalt an die Stelle von Recht tritt. Das Stück ist also leider aktuell, nicht nur mit Blick über den Atlantik. Nun hat Christian Stückl es im Münchner Volkstheater inszeniert.
Bühnen- und Kostümbildner Stefan Hageneier hat eine Art fliederfarbenen Art-Déco-Herrenclub auf die Bühne gebaut, der sich in dreifacher Ausführung um sich selbst dreht. Dazwischen finden sich düstere Gänge voller Müll, in denen auch mal die Leichen abgelegt werden, die beim Aufstieg des Arturo Ui nun mal anfallen. Die Mode in diesem Gangsta’s Paradise ist 1970er-Jahre-Schick: Schlaghosen und Pelzbesatz, Lederanzug und bunt gemusterte Hemden zu Föhnfrisuren. Offensichtliche Hitler- oder Trump-Assoziationen finden sich nicht, Stückl und Hageneier geht es mehr um die zeitlosen Mechanismen der Angst und der Macht. Anton Nürnberg spielt den Ui als abgehalftertes Bürschlein im Feinrippunterhemd, das im Grunde keine großen politischen Ambitionen hat, aber entdeckt, dass die anderen sich erstaunlich leicht manipulieren lassen. Wie Hitler nimmt er Schauspielunterricht, um wirkungsvoller zu gehen, zu stehen und zu sprechen. Pascall Fligg spielt den Schauspiellehrer, dem seine Shakespeare-Obsession sichtbar nicht gutgetan hat. Vielleicht wäre es nicht nötig gewesen, ihn derart abgehalftert mit Mülltüte in der Hand und Wampe über der Trainingshose auszustatten. Dennoch: Als er zu seinem Monolog aus Shakespeares „Julius Cäsar“ ansetzt, versteht Ui, was Sendungsbewusstsein ist. Es ist einer der an diesem Abend eher seltenen Gänsehaut-Momente.
Brechts Impetus ist in diesem Text noch mehr als in anderen Stücken ein belehrender. Sein Publikum soll verstehen, nicht fühlen. Und leider sind größere Eingriffe in den Text – noch – von der Brecht-Erben-GmbH verboten. Stückl verzichtet auf eine große theatrale Setzung. Er arbeitet die Mechanismen und Motivationen innerhalb der Ui-Gang wie auch die Einschüchterung der anderen präzise heraus, entdeckt aber wenig Überraschendes in der Vorlage. Und so zieht sich diese Lehrstunde über das Aufkommen autoritärer Strukturen trotz Kürzungen und trotz eines durchweg motivierten Ensembles immer wieder in die Länge. Wenn Alexandros Koutsoulis als Ernesto Roma aus einer Mülltonne aufersteht und seinen ehemaligen Freund Ui mit seinen Taten konfrontiert, nachdem er von diesem geopfert und erschossen wurde, ist das von einer Lust am Absurden, die dem Abend sonst über weite Strecken fehlt.
Also: Ein wenig mehr Durchgeknalltheit und Verrücktheit hätten der Inszenierung gutgetan. Dass wir alle auf unsere Demokratie aufpassen müssen, wäre auch ohne „Brandmauer“- und AfD-Wahlplakat-Zitate klar geworden. Brecht neigt bekanntlich ohnehin zum Epischen, ein wenig dramatische Überdrehtheit wäre da als Gegengewicht schön gewesen. Die Botschaft hätte darunter nicht gelitten. Unsicherheit verbreiten und dann Stärke demonstrieren. So ging es damals. Und so geht es heute wieder.
Erschienen am 23.3.2026
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