Ja, seh’ ich recht?
Vorwort
Erschienen in: Kunst ist nicht erlaubnispflichtig – Das Landestheater Tübingen in der Intendanz von Simone Sterr (06/2014)
Schon das erste Spielzeitheft 2005/06 war ein Kuriosum: ein roter Reiseatlas, in dessen Karten so wunderliche Orte wie „Fluchtpunkt“ und „Siebter Himmel“ eingezeichnet waren. Theater als Navigationshilfe in unübersichtlichen Zeiten – warum nicht? Das LTT unter Intendantin Simone Sterr ging mit dem Publikum auf Erkundungsreise und prägte ein eigenwilliges Profil aus: Unbekanntes von bekannten Autoren, viel zeitgenössisches, viel osteuropäisches Theater – und immer wieder der Blick in die Weite, in die Ferne, Stücke von Kanada bis Sibirien. Theater der Welt!
Jetzt sind es neun Jahre geworden. Simone Sterr war die erste Frau an der Spitze des LTT, die erste Intendantin in der Geschichte des Hauses. Sie hat es am zweitlängsten von allen Chefs hier ausgehalten (2005 – 2014) – nur Fritz „Papa“ Herterich war noch länger hier. Die Ahnenreihe, wir wissen es, ist gewaltig. Gerade auch für langjährige LTT-Geher wie mich, die noch Yaak Karsunkes „Bauernoper“ (UA 1973) unter Intendant Manfred Beilharz im Ohr haben, als das studentenbewegte Publikum mitsang: „1525, dran, dran, dran!“
Das vorliegende Buch will die neun Spielzeiten der Intendanz Simone Sterr nicht noch einmal herunterbeten. Es soll eher den kreativen Unruhe-Geist beschreiben, der in dieser Ära das LTT beflügelte. Mitarbeiter und Weggefährten kommen zu Wort: Eine Ex-Dramaturgin erinnert sich noch gut an die „kindliche Anarchie“ der Anfänge, die ihr ein bisschen wie theatrales „Guerilla- Gardening“ vorkamen, und ein Gast-Autor fasst rückblickend „Tübinger Auffälligkeiten“ zusammen – es sei sogar möglich, sich auf dem kurzen Weg zum Theater „zu verlaufen“. Die Intendantin wiederum weiß noch genau, wie der erste Satz hieß, der ihre erste Spielzeit 2005/06 auf der Bühne eröffnete: „Ja, seh’ ich recht?“ Und manch LTT-Neuling, wie zu lesen ist, hielt das Wort „Abstecher“ – die LTT-Gastspiele im Umland – zunächst für eine „blutrünstige“ Angelegenheit. Am LTT dichten auch die Souffleure, da reimt sich dann böswillig holpernd „Turn- und Liederhallen“ auf „ins Probenkoma fallen“.
Das Buch soll keine Chronik, kein Presseecho und keine Grußwort- Abwurfstelle sein. Es möchte eher einen lockeren Längsschnitt bieten, eine vielstimmige Sammlung verschiedener Perspektiven aufs LTT. In rund 70 Beiträgen wollten wir die thematischen Schwerpunkte dieser neun Spielzeiten anreißen, unvergessene Momente dieser Zeit zurückholen und ein bisschen Rückschau halten. Ein Gastregisseur beschreibt mit milder Rückblicks-Ironie die wilden Krisen im Probenprozess: „Tränen fließen, Fäuste werden geschwungen, wir verfluchen uns.“ Am Ende fanden die meisten am LTT den Ensemblegeist beein - druckend, so eine Schauspielerin: „Ich fühlte mich sehr aufge - hoben“ – kein schlechtes Kompliment in einer Hegel-Stadt. Und was wäre das LTT ohne die Kulturamtsleiter im Land, in der angeblichen „Provinz“: Sie sind die Abnehmer der LTT-Gastspiele draußen, und sie rühmen tapfer den Mut des LTT zum Unbekannten, auch wenn der nicht immer quotentauglich war.
Wo immer die Sterr-Truppe spielte, ob im Stammhaus oder unterwegs, ob auf der Neckarinsel oder im Freibad: Sie sorgte für Gesprächsstoff und schuf, auch in der Reibung, so etwas wie eine regionale Theater-Identität. Klar, auch gelegentliches Scheitern gehörte dazu. Aber was blieb, typisch für die Ära Sterr, war die Chuzpe, die Spielfreude, die Entdeckerneugier. Davon soll dieses Buch erzählen.















