Theater der Zeit

Auftritt

Staatstheater Darmstadt: Varieté am Wolfgangsee

„Im weißen Rössl“ von Hans Müller und Erik Charell, Musik von Ralph Benatzky, Gesangstexte von Robert Gilbert – Regie Philipp Moschitz, Musikalische Leitung & Arrangement Michael Nündel, Bühne Matthias Engelmann, Kostüme Claudio Pohle, Choreografie Natalie Holtom

von Anne Fritsch

Assoziationen: Hessen Musiktheater Theaterkritiken Staatstheater Darmstadt

Julian Culemann, Louisa von Spies und das Ensemble von „Im weißen Rössl“ in der Regie von Philipp Moschitz am Staatstheater Darmstadt. Foto Martin Sigmund
Julian Culemann, Louisa von Spies und das Ensemble von „Im weißen Rössl“ in der Regie von Philipp Moschitz am Staatstheater DarmstadtFoto: Martin Sigmund

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Frisch gezapftes Bier im Foyer, dazu Weißwürste und Brezn, allenthalben Dirndl und Lederhosen: Im Staatstheater Darmstadt ist das Bayern-Fieber ausgebrochen, oder eher der Austria-Virus. Gefeiert wird die Premiere von Ralph Benatzkys Operette „Im weißen Rössl“, und für die Regie hat sich Schauspieldirektor Oliver Brunner einen Musiktheater-Experten aus Bayern geholt, Philipp Moschitz. Einen, der keine Angst hat vor Kitsch und Schmonzette, sondern sich mit großer Lust mitten reinwirft in diese Salzburger-Nockerl-Leichtigkeit, sie gehörig aufmischt und sich so zu eigen macht.

Geschrieben wurde der heitere Liebesreigen am Wolfgangsee 1930, und so liegt es gar nicht fern, dass in Moschitz’ Inszenierung nicht nur allerlei Gäste aus Berlin ins Salzkammergut reisen, sondern auch ein bisschen Goldene-20er-Stimmung aus der Metropole durch die alten Balken weht. Michael Nündel hat die berühmten Musikstücke neu arrangiert und dabei eine gehörige Portion Jazz und Swing einfließen lassen. Dezent genug, um den Ohrwurmcharakter der Klassiker wie „Im Salzkammergut, da ka’ mer gut lustig sein“ oder „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“ nicht anzurühren, aber doch hörbar genug, um allem neuen Schwung und Leichtigkeit zu geben.

Moschitz, der selbst auch Schauspieler ist, verlangt seinem Ensemble viel ab. Man kann nur ahnen, wieviel Schweiß hinter der Leichtigkeit steckt, mit der nun alle auf der Bühne abliefern, herausfordernde Choreografien, Musiknummern, blitzschnelle Umzüge und Wortgefechte scheinbar mühelos meistern. Matthias Engelmann hat einen überdimensionierten Stadel voller Heuballen auf die Bühne gebaut, eine famose Kulisse für dieses Spiel mit Klischees einer Welt, in der es keine größeren Probleme gibt, als wer nun mit wem in die Kiste ergo ins Heu steigt. Die Balken täuschen eine Perspektive vor, die keiner Überprüfung standhält, sondern, wie alles hier die Behauptung feiert, ein Theater, in dem alles möglich ist oder wird. Im Hintergrund werden mal Bergkulisse mit See, mal Tal und Wiesen, mal Gewitterregen projiziert. Eine Welt wie aus dem Österreich-Bilderbuch.

Serviert werden hier Herz am Spieß und Liebesknochen, es geht um die Liebe, also um alles und um nichts. Moschitz stellt einiges an Sehgewohnheiten auf den Kopf, lässt die Kühe im Stall nach dem Melken zu Varieté-Tänzerinnen mutieren („Eine Kuh, so wie du“) und die Sommergäste zwischen blauen Tüchern mit den Fischen planschen und kraulen. Der Hilfskellner „Piccolo“ verwandelt sich mit großer Freude in ein queeres „Stubenmadl“ und lenkt seinen Chef Leopold fast von dessen unsterblicher Liebe zur Rössl-Wirtin ab. Dass auch Männer sich mal ein Busserl (oder auch mehr) geben, ist in dieser Welt, die Moschitz mit unglaublich viel Liebe zum Detail zeichnet, ebenso normal wie dass am Ende selbstverständlich niemand traurig alleine zurückbleiben muss. Wir schreiben das Jahr 2024, da kann ein Happy End eben auch in einer Ménage à trois liegen. Und so liegen sich am Ende hier eben Leopold, Wirtin und Piccolo strahlend und knutschend in den Armen. Nonchalant verwandelt Moschitz all die scheinbar so in die Jahre gekommenen Irrungen und Wirrungen in ein einziges großes Plädoyer für mehr Humor, mehr Liebe und mehr Toleranz.

Denn irgendwo lauert in jedem und jeder etwas Liebenswertes, wenn man nur genau hinschaut. Das tut Moschitz und schenkt jeder Figur, so verworren, eitel oder dusselig sie auch daherkommt, Individualität und Charakter. Wenn Stefan Schuster sich als Sigismund auf einem Strohballen in Pose wirft und effektvoll mit Nebel umhüllt; wenn Tobias Licht als Leopold alles durcheinander bringt, aus dem Zahlkellner schließlich ein „Zahlmann und kein Ehekellner“ wird; wenn Louisa von Spies als Wirtin erkennen muss, dass ihre Schwärmerei für den Anwalt nicht erwidert wird; wenn Jörg Zirnstein als grantelnder Berliner über alles Alpenländische schimpft („Der Müggelsee ist mir lieber!“); wenn Hubert Schlemmer als Hinzelmann von seinen sparsamen Reisen mit Tochter Klärchen schwärmt oder wenn Jacky Smit als eben diese einen Sprachfehler vortäuscht, um dem Sigismund seine Oberflächlichkeit vor Augen zu führen: Dann ist da eine Wärme und Zugewandtheit, die man gerne mitnimmt in die Welt da draußen.

Dass Barbara Raunegger vor der Pause noch einen kollektiven Jodelkurs für alle Darmstädter:innen anbietet und dass statt des Kaisers Franz Joseph I. in dieser Inszenierung die Kaiserin Sissi zum Finale anreist, wundert da schon längst niemanden mehr. Hier in Darmstadt also, da ist es nicht gelogen, wenn sie singen: „Im Weißen Rössl am Wolfgangsee, da steht das Glück vor der Tür!“ Große Leistung. Chapeau, chapeau! Oder, wie die Kaiserin höchstselbst sagen würde: „Es war sehr schön. Es hat mich sehr gefreut!“

Erschienen am 19.3.2024

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