Theater der Zeit

Auftritt

Neues Theater Halle: Gefangen im Text

„Gabriel“ von George Sand – Regie Alice Buddeberg, Bühne & Kostüme Emilia Schmucker, Musik Mirjam Beierle

von Lina Wölfel

Assoziationen: Sachsen-Anhalt Theaterkritiken Dossier: Queeres Theater Alice Buddeberg Neues Theater Halle

Annemarie Hörold in „Gabriel“ in der Regie von Alice Buddeberg. Foto Falk Wenzel
Annemarie Hörold in „Gabriel“ in der Regie von Alice BuddenbergFoto: Falk Wenzel

Anzeige

Anzeige

Anzeige

„Was mich angeht, so habe ich nicht das Gefühl, dass meine Seele ein Geschlecht hätte“, der Satz fällt bereits nach einigen Minuten. Queerness gab es schon immer – eine Feststellung, die nicht nur im Programmheft zu Alice Buddebergs Inszenierung „Gabriel“ am Neuen Theater in Halle steht, sondern der als Leitsatz sich durch den Abend zu ziehen versucht. Die Kritik am binären Geschlechterkonstrukt ist also nicht erst seit ein paar Jahren zum „Trend“ geworden, keine „neumodische Erfindung“, kein „Hype“, der schon wieder vorbei geht.

Im Gegenteil. 1839 wird der Dialogroman „Gabriel“ der damals als rebellisch geltenden Schriftstellerin George Sand veröffentlicht. Gabriel, Protagonist:in ihres Romans, wächst fernab der Gesellschaft und unter den strengen Augen seiner Erzieher:innen als junger Mann auf. Als Prinz, als Alleinerbe des Fürsten von Bremante. „Erst“ als Jugendlicher erfährt er, dass diese Erziehung lediglich dazu diente, das Erbe vor seinem Cousin Astolphe zu schützen. Denn der Thron darf nur an männliche Nachfolger weitergegeben werden. Gabriels biologisches Geschlecht ist jedoch weiblich. Aus Rache gegen seinen Großvater – der ihr die Wahl zwischen einem herrschaftlichen Leben als Mann oder eine Klosterexistenz als Frau zu führen gibt – beginnt er bzw. sie ein Doppelleben, sucht Astolphe auf, der sich in Gabriel verliebt oder vielmehr: zunächst erstmal in die Frau in ihm, die er sieht und – auf zugegebenerweise auf sehr fragwürdige Art – versucht, während eines Kostümballs herauszukitzeln. Cousin und Cousine finden schließlich zusammen, teilen ihr Leben zwischen ländlicher und städtischer Umgebung auf. In der Öffentlichkeit erscheint Gabriel als Mann, doch im Privaten lebt sie als Frau. Astolphe schwankt zwischen der Faszination für seine Geliebte in männlicher Verkleidung und der eifersüchtigen Sorge, sie an andere zu verlieren. Gabriel weist jegliche Ansprüche auf Besitz und Heirat als „Tyrannei“ zurück, was ihre Beziehung zerbrechen lässt. Währenddessen setzt der Großvater seine Handlanger auf sie an.

Gabriel, gespielt von Annemarie Hörold, ist also längst schon freier als die Gesellschaft um sie herum. Sie stellt binäre, geschlechtliche Konventionen in Frage. Für sie ist Geschlecht schon 1839 Performance, Rolle, in die geschlüpft und mit der experimentiert werden darf. Aber nicht nur das. Generell entzieht sich die Figur Polaritäten: Sie ist weder frei noch gefangen, weder glücklich noch betrübt, weder vollständig mutig, noch ängstlich. Hörold gelingt das insbesondere in ihrer Kontrastlosigkeit – zwischen Gabriel als Mann und Gabriel als Frau sei dazu gesagt, denn an Polemik und Bedeutung fehlt es im Gesagten definitiv nicht. Fast gehen die Betonung unter, so betont ist alles, was gesagt wird. Die Schauspieler:innen wirken in dem gut zweihundert Jahre alten Text wie gefangen. Es wird in „Trunkenheit geliebt“ und die „Liebe ist in der Brust gefangen“. Doch nicht nur sprachlich scheint der Ansatz überholt. Und das merkt man der Inszenierung leider an. Den Text, der so stark gefärbt von der Zeit ist, in der er geschrieben wurde, ins Heute zu übertragen und Bilder dafür zu finden gelingt nur selten.

Der Ansatz: zeitloser Werkstattcharakter. Das Bühnenbild lässt sich modifizieren, besteht aus einem silbergrauen Lametta-Vorhang und drei verstellbaren halbrunden Bühnenteilen, die sich zu einem ansteigenden Hufeisen zusammensetzen lassen. Zunächst ist der Bühnenraum in die Tiefe begrenzt durch den Vorhang. Nur sanft schimmert das Dahinter hindurch. Dann wird er geöffnet: Auf der Bühne ist auch hinter der Bühne. Dort stehen Schminktische, Scheinwerfer und Kleiderstangen. Und die sind für die Kostümschlacht, die darauffolgt, dringend notwendig. Nicht nur Gabriels Wechsel zwischen Frau und Mann müssen schließlich optisch nachvollzogen werden, sondern auch für Hagen Ritschel, der in ungefähr fünf Rollen zu erleben ist, die, wie Sibylle Kreß und Rico Stempel auch, nur als „Die Welt“ überschrieben sind. Als Ritschel irgendwann ironisch anklingen lässt, er habe den Überblick verloren, wird auch im Publikum dankbar erleichtert gelacht. Man zieht sich also ständig um, schiebt die Bühnenteile hin und her, es wird gesungen, gefochten, eine Orgie gefeiert, Modenschau, ein Platzpatronenschuss, Kunstblut und derbe Dialekte. Das Ganze wirkt oft grobhumoristisch, was dem Thema nicht besonders guttut, insbesondere nicht, da die Premiere auf den 08. März, den internationalen feministischen Kampftag gelegt wurde.

Momente, die ehrlich berühren oder zum Lachen anregen: solche hätte man sich mehr gewünscht. Wie zum Beispiel, als Hagen Ritschel Astolphes Mutter spielt, hoch auf einem der Bühnenteile sitzend, mit einem langen Vorhang als Rock, an dem gleichsam sie und Gabriel sticken, wobei letztere nicht weit kommt. Oder als Sibylle Kreß Gabriel zusingt: „Leb dein Leben es ist deins, ich bin für dich da“, was fast wie ein Schlaflied klingt. Oder als Gabriel kurz vor der Selbsttötung sagt: „Niemand wird mehr lüstern meinen nackten Körper betrachten.“ Ansonsten schwimmt der Abend zeitlos diffundierend zwischen Entstehung und heute, klammert sich an die ungelenke Sprache, veraltete Diskurse und slapstickhafte Szenen. Natürlich ist es ein historisches Zeugnis, natürlich werden Shakespeare & Co auch noch gespielt. Die Frage ist doch aber, wenn wir unseren Kanon überarbeiten und neu definieren, sind es dann solche Stoffe, die uns aus der Vergangenheit etwas über die Zukunft verraten?

Erschienen am 15.3.2024

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Das Ding mit dem Körper. Zeitgenössischer Zirkus und Figurentheater
Theaterregisseur Yair Shermann