Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Frau Kulturstaatsministerin Grütters – greifen Sie ein!? (05/2016)

Freitag, 1. April, Bundeskanzleramt. Die erste Hürde auf dem Weg zu Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist geschafft: fünf Polizisten in schusssicheren Westen. Der Sicherheitscheck unserer Daten hatte offenbar nichts Auffälliges ergeben. Wir sind drin – nun heißt es warten. Im Foyer springt uns im Tagesspiegel eine Schlagzeile entgegen. Der IS hat ein neues Video produziert, darin zu sehen: das Bundeskanzleramt, wie es von einem Panzer angegriffen wird. So ist die Lage. Terrorangst vermischt sich mit Populismus vermischt sich mit Fremdenfeindlichkeit vermischt sich mit Hass. Und das Theater fängt all dies auf?

Wir haben die oberste Frau im Staat in Sachen Kultur zum großen Gespräch gebeten. Monika Grütters ist seit Dezember 2013 Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Ihr Büro liegt im achten Stock des Bundeskanzleramtes, der Panoramablick gewährt Aussicht auf nahezu jeden, der sich nähert. Vielleicht daher ihre Zuversicht. Im Interview mit Dorte Lena Eilers und Gunnar Decker erläutert die Kulturstaatsministerin, warum sie in der momentanen Situation ganz besonders an die Kraft der Kultur glaubt. An die Theater als „Seismografen“ der gegenwärtigen Verwerfungen. Und an die Künstler als „Stachel im Fleisch der Gesellschaft“. Doch wie geht diese Auszeichnung von oberster Stelle einher mit dem immer existenzieller werdenden Überlebenskampf einiger Theater? „Kultur ist Ländersache“, sagt Monika Grütters. Der Bund tue, was er darf und kann.

Als Vorbild in Sachen Finanzen gilt seit langem das Kulturraumgesetz in Sachsen. Doch wer genau hinschaut, entdeckt auch hier Ecken und Kanten. Vom 18. bis zum 22. Mai findet in Bautzen/ Budyšin das 9. Sächsische Theatertreffen statt. Wir nehmen diese Leistungsschau zum Anlass für eine groß angelegte Exkursion durch die sächsischen Theater – von der Landesbühne bis zum Staatstheater, von Plauen bis Görlitz, von Zittau bis Leipzig. Die Beiträge beleuchten nicht nur die strukturellen Herausforderungen, sie zeigen vor allem den künstlerischen Anspruch der Häuser, ihren Willen zur Einmischung und zum Dialog mit dem Publikum.

Neben Sachsen liegt Sachsen-Anhalt – liegt Nordkorea? Kathrin Röggla beschäftigt sich in ihrer Kolumne mit dem Parteiprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt. „Die Bühnen des Landes“, heißt es darin, „sollen (…) stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“ Besser könne man das in Nordkorea auch nicht machen, zitiert Röggla eine Rede von Ulrich Matthes anlässlich der Verleihung des großen Kunstpreises des Landes Berlin an Frank Castorf. Was also tun? Sich in der eigenen Crowd sicher fühlen, die doch wiederum nur aus einer Art Konsensgefühl besteht? „Permanentes Echtzeittheater“ zelebrieren, „ irgendwo im Echtzeittunnel von Spiegel Online entlang“?

Lothar Trolle, unser Stückautor im Mai, liefert einen Gegenentwurf dazu. Er hat Inge Müllers Prosafragment „Ich Jona“ fortgeschrieben. „Jona“ ist die Geschichte einer jungen Frau in und nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Gespräch mit Thomas Irmer erläutert Trolle: „Jona steht, wenn wir die Gegenwart betrachten, den Flüchtlingen, die aus dem Krieg kommen, näher als unsereiner. Du bist konfrontiert mit Konflikten, die kaum lösbar sind. Entwurzelt, wie du bist, hast du nur noch deine nackte Existenz. Und das macht die Figur der Jona so zeitgenössisch.“

Diese radikal-existenzielle Verlorenheit ist auch in dem neuen Stück des britischen Regisseurs Simon McBurney zu finden. „The Encounter“ handelt von dem National-Geographic-Fotografen Loren McIntyre, der sich in den Tiefen des Amazonas verirrt. McBurney hat daraus ein luzides Hörstück entwickelt, das einen, wie Renate Klett in ihrem Porträt beschreibt, in „einen inneren Dialog treten“ lässt, „der ohne Worte auskommt“. McBurney ist ein Regisseur, der ganz aus seiner Kunst heraus operiert. Theater, schreibt Klett, sei für ihn der letzte Ort der Kommunikation. //

Die Redaktion

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