Theater der Zeit

Laudatio

Die Königin

Gabriela Maria Schmeide erhält den Tilla-Durieux-Schmuck und Luk Perceval laudatiert

von Luk Perceval

Erschienen in: Theater der Zeit: Thema Ukraine: Serhij Zhadan „Lieder von Vertreibung und Nimmerwiederkehr“ (04/2022)

Assoziationen: Sprechtheater Akteure

Gabriela Maria Schmeide bei der Preisverleihung des Tilla-Durieux-Schmucks am Thalia Theater Hamburg. Foto Peter Bruns
Gabriela Maria Schmeide bei der Preisverleihung des Tilla-Durieux-Schmucks am Thalia Theater Hamburg.Foto: Peter Bruns

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Liebe liebste Gabriela,

es ist mir eine besondere Ehre, heute anlässlich des Tilla-Durieux-Schmucks eine Laudatio auf dich zu halten. Eine ganz besondere Ehre, für die ich im Planungschaos dieser postpandemischen Zeit alles stehen und liegen gelassen habe, um nach Hamburg zu kommen.

Es ist nicht nur eine Ehre, weil ich dein besonderes Talent loben kann: weil du die einzige Schauspielerin bist, die ich kenne, die es schafft, in ein und derselben Vorstellung, an ein und demselben Abend, dem Publikum Tränen des Lachens und auch des Schmerzes zu entlocken. Oder wie du in „Jeder stirbt für sich allein“ mit dem Abschiedsmonolog von Frau Rosenthal das Theater in eine ohrenbetäubende Stille gehüllt hast und eine halbe Stunde später mit Kriminalrat Zott das Publikum zum Lachen brachtest. Wer kann das schon? Wer verbindet so viel Ironie mit so viel Abgründigkeit? Unvergesslich ist deine Interpretation des Zerfalls der gutherzigen Gervaise zur alkoholkranken Straßenratte in Zolas „Bestie Mensch“. Ich kenne nur eine, die das kann, und das bist du. Und da habe ich noch nicht einmal dein unübertroffenes Multitalent als Sängerin, Filmschauspielerin und die unzähligen verschiedenen Rollen, die du für andere Regisseure gespielt hast, erwähnt.

Aber dein begnadetes Talent ist nicht der einzige Grund, warum ich dankbar bin, diese Laudatio halten zu können. Was mir in all den Jahren unserer Zusammenarbeit am meisten in Erinnerung geblieben ist, und was meiner Meinung nach auch das Geheimnis deines großen Talents ist, ist deine Freude am Spielen, deine Freude daran, dich auf die Suche nach dem Unbekannten zu begeben, auf die Suche nach Imagination, auf die Suche nach Verbindung mit deinen Kollegen und dem Publikum. Wenn ich an unsere oft intensive Zusammenarbeit zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an die Freude an der Arbeit, die Freude an der Entdeckung, die Freude an dem „Nicht-Wissen“, an der Suche nach der reinen Freude des Schaffens.

In einer Zeit, in der immer mehr Druck auf unseren Schultern lastet, ist es eine tägliche Aufgabe für jeden von uns zu entscheiden, welche Seite des Lebens wir sehen wollen. Die hoffnungsvolle Seite oder die desillusionierte Seite. Die Entscheidung für die Hoffnung, für die Freude, für die Fantasie, für den Glauben an die Menschheit ist zu einem politischen Akt geworden. Trotz des Schmerzes an die Kraft des Lebens zu glauben, an die Intuition und an die Kreativität. Trotz ihrer Verzweiflung, ihrer von Angst getriebenen Dummheit an die Menschheit zu glauben. In jedem Augenblick die Möglichkeit in der Unmöglichkeit zu sehen, das ist dein großes ­Talent, liebe Gabriela, deshalb verdienst du nicht nur dieses „Tilla-Durieux-Collier“, sondern bist du für mich die Königin der Königinnen, die Mutter der Mütter von Hamlet. //

Dein Luk P.
Hamburg, 4. März 2022

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