Magazin
Romeo und Julian
Erschienen in: Theater der Zeit: Theater Thikwa Berlin: Ungezähmtes Spiel (06/2018)
Drei Tage in Südkorea, dem diesjährigen Gastland des Heidelberger Stückemarkts
Seoul. Eine der pulsierendsten Städte dieser Erde. Innerhalb weniger Jahrzehnte, nach dem zerstörerischen Koreakrieg (1950–53), wurde die Stadt mithilfe ihrer Bewohner wiederaufgebaut. Sie ist dabei in rasanter Geschwindigkeit zu einer hochtechnologisierten Megacity avanciert: Häuser wurden hochgezogen, um Wohnraum und Bürogebäude zu schaffen, die zahlreichen zerbombten Geschäfte wiedereröffnet, öffentliche Einrichtungen, vor allem Kulturstätten, neu aufpoliert. Auf das Wirtschaftswunder folgte ein farbenfroher Kapitalismus. Südkorea, einst eines der ärmsten Länder der Welt, transformierte in Rekordzeit zu einem gewaltigen Handelszentrum. Richtung Norden liegt die Stadt etwa fünfzig Kilometer unterhalb des 38. Breitengrades, der demilitarisierten Zone, welche die beiden Koreas nicht nur sinnbildlich voneinander trennt.
In Seoul, der Hauptstadt des Südens, scheint das Leben nie still zu stehen. Lichter, Lebendigkeit, dichter Verkehr und die Digitalisierung des Alltags bestimmen die Atmosphäre unter der smogverhangenen Glasglocke, die sich wie ein staubiger Vorhang über die schillernde Welt der Großstadt legt. Auf den Märkten herrscht buntes Treiben. Eine knallige Fusion aus Kommerz und Tradition trifft hier in friedlicher Koexistenz aufeinander. Der Puls der Stadt schlägt zwischen den unzähligen Verkaufsständen, an denen es rohen Tintenfisch, scharfen Kohl (Kimchi), wohltuenden Reisschnaps (Soju) und heiße Nudelsuppe für nur wenige Won zu kaufen gibt. Unter bunten Flaggen verschiedenster Länder, die die Dächer der Markthallen zieren, ist es leicht, sich zu verlaufen. Allerdings ist das nicht weiter schlimm. In der Metropole, die etwa elf Millionen Einwohner fasst, wirken die Menschen offen, freundlich und hilfsbereit. Selbst wenn man den nachgefragten Weg nicht kennt, wird trotzdem hochmotiviert in irgendeine Himmelsrichtung gewunken.
Die Bahnsteige der U-Bahntunnel im Seouler Untergrund sind durch Glasplatten von den Gleisen getrennt – eine Sicherheitsmaßnahme, damit niemand vor die einfahrenden Züge springen kann. Noch immer führt Südkorea eine der höchsten Selbstmordraten weltweit. Der stets arbeitende Mensch schläft hier durchschnittlich nur etwa viereinhalb Stunden pro Nacht.
Südkorea, ein farbenfrohes Land voller Extreme und historisch geprägter Gegensätze. Eine Wiedervereinigung mit dem totalitär geführten Nordkorea ist trotz der derzeitigen Entspannungspolitik bislang nicht in Sicht – der Wunsch danach beständig groß. Könnte das ehemals geteilte Deutschland dafür ein Vorbild sein? Das Interesse am kulturellen Austausch zumindest ist offensichtlich, wie die große Anzahl an Journalisten zeigt, die zur Pressekonferenz des Heidelberger Stückemarkts 2018 in Seoul gekommen sind. Südkorea ist in diesem Jahr Gastland.
Die beiderseitigen Erwartungen sind dabei sehr hoch, die Stimmung euphorisch, nahezu optimistisch. „Unser Anliegen ist es, Theaterszenen miteinander zu vernetzen und den Dialog zu fördern“, sagt Marla Stukenberg, die Leiterin des Goethe-Instituts Korea. Gemeinsam mit dem Arts Council Korea soll ein langfristiges Netzwerk geschaffen werden. Es geht um Austausch und gegenseitige Unterstützung. In Südkorea wird Theater mit dem Herzen gemacht. Wer die gesellschaftlichen Probleme verstehen will, fängt zunächst bei sich selbst an.
Unter der Regierung der 2016 abgesetzten Präsidentin Park Geun-hye wurde eine „schwarze Liste“ erstellt, auf der mehrere Tausend Künstler zu finden waren, die sich entweder regierungskritisch geäußert hatten oder in ihren Arbeiten vermeintliche Anspielungen gegen das südkoreanische Staatsoberhaupt versteckt hielten. Der dadurch erfolgte systematische Ausschluss von staatlichen Förderungen erschwerte auch die Produktionsbedingungen zahlreicher Theaterschaffender der Hauptstadt.
Auch die zum Heidelberger Stückemarkt geladene Theaterautorin Yeon-ok Koh fand sich zunächst unwissentlich auf dem Index wieder. Die 1971 in Seoul geborene Dramatikerin bezeichnet ihre Stücke als Mythen. In „Das Gespür einer Ehefrau“ verbindet sie etwa den südkoreanischen Gründungsmythos über den ersten König Dangun – der das Kind des Gottes Hwanung und einer menschgewordenen Bärin war – mit der Medea-Sage und der daran angeknüpften Frage: Was bringt Mütter dazu, ihre Kinder zu töten? „In Korea“, sagt sie, „passiert das sehr oft.“
Eine andere Tragödie, welche das gesamte Land zutiefst erschütterte, war der Untergang des Fährschiffs Sewol im Jahr 2014, das aufgrund einer Überladung etwa vierzig Meter vor der südwestlichen Insel Jindo gesunken war, 295 Menschen verloren dabei ihr Leben. Die meisten der mittlerweile geborgenen Leichen waren Schüler, neun Menschen gelten bis heute als vermisst.
Die damalige Präsidentin Park Geun-hye hielt die Gründe für das Unglück verdeckt und distanzierte sich von den Geschehnissen, indem sie sich wenig verantwortlich für die dringend notwendige Durchführung der Bergungsarbeiten zeigte. Ein Staatsversagen – darin scheinen sich zumindest die Theaterschaffenden einig. Im Zuge der Kerzenlicht-Demonstrationen im Jahr 2016 klagten mehr als hunderttausend Menschen, darunter zahlreiche Künstler, die Präsidentin öffentlich an und forderten die längst überfällige Einführung einer direkten Demokratie. Der Untergang der Sewol steht als Sinnbild für den traurigen Abgesang einer Regierung.
Der Regisseur Kyungsung Lee thematisiert in seinem Werk „Before After“, das in Heidelberg zu sehen sein wird, die kollektive Trauer einer Gesellschaft um ihre verstorbenen Kinder. Wie verändern sich die Menschen, wenn ihnen Schreckliches widerfährt? „Man muss über alles sprechen können“, sagt Kyungsung Lee. Die Zeiten der staatlichen Zensur sind zwar vorbei, trotzdem werden viele Theater in Seoul von großen Wirtschaftsunternehmen finanziert, wie etwa das Doosan Art Center, welches Kyungsung Lee und seiner Kompanie Creative VaQi eine gut ausgestattete Spielstätte zur Verfügung stellt.
Ob die Perspektiven der Künstler sich immer mit der Firmenphilosophie überschneiden, ist fraglich – es gilt jedoch, stets freundlich zu bleiben und niemanden zu sehr zu provozieren. Bei dem Geldgeber Doosan handelt es sich um einen mächtigen Konzern, der unter anderem auch Technologien für die Nuklearindustrie herstellt. Nebenbei unterhält die Firma eine betriebseigene Baseballmannschaft. Das Maskottchen der Doosan Bears, ein freundlich dreinblickender Bär, sitzt in Gestalt eines Plüschteddy auf nahezu jeder Bank im Foyer des Theaters. Er fungiert als optimales Selfie-Objekt. Spaß muss sein.
In dem bewegten Land, welches von Krieg, Diktatur, Kolonialisierung, Befreiung und Aufbruch gezeichnet ist, befindet sich eine erstaunlich breitgefächerte Theaterszene. Zwischen firmengeleiteten Privattheatern, einem Nationaltheater, beliebten Opernhäusern sowie einer ausgeprägten freien Szene sind Themen wie Überarbeitung, kollektive Identität, Liebe und Trauer, aber auch Klassiker wie die ebenfalls nach Heidelberg eingeladene queere Adaption von Shakespeares „Romeo und Julia“ in der Regie von Jungung Yang feste Bestandteile der vielfältigen Spielpläne in Südkoreas Theaterhauptstadt Seoul. Theater wird hier sehr ernst genommen, ist immer persönlich und arbeitet stets entgegen des Vergessens. Kyungsung Lee ist, wie er sagt, in einem „geteilten Land“ aufgewachsen. Sein künstlerisches Motiv für die Zukunft ist der Frieden.
Paula Perschke

















