Theater der Zeit

Thema

Ich meine ich weine

Gerade erschien Schorsch Kameruns neues Album „Der Mensch lässt nach“. Eine Songtextkritik

von Arno Raffeiner

Erschienen in: Theater der Zeit: Frontmann Hamlet – Der Dresdner Musiker-Schauspieler Christian Friedel (03/2013)

Assoziationen: Dossier: Musik im Schauspiel

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Ich weine um Japan und um meine Ernährung

Ich weine um Ägypten

Scheiß Steuererklärung

Ich weine um Chinas Ai Weiwei

Was? Ich bin wieder mal nicht mit dabei?

Ich weine ausdrücklich um Persien

„Unser Kiez“? Viel zu oft im Fernsien!

 

Ich bin wütend, empöre mich fürchterlich

Ich meine ich weine hier auch um dich

Ich klage an, beschwere mich aufrichtig

Ich weine um mich, ich weine an sich

 

Ich weine um Jemen, wegen der Scheiß DB

Ich weine um Syrien, zuviel Milch im Kaffee

Ich weine um Tunesien und ums Schauspielhaus

Ich weine um Libyen und in Tokyo die Lichter aus

Ich weine um Kabul, wegen Schalke 04

Ich weine dort, trauere hier

 

Ich bin wütend …

Vielleicht reicht das Geweine einfach nicht

 

 

Direkt um die Ecke vom Edeka gibt’s dieses Graffito. „Zu viel Ärger / Zu wenig Wut!“ Grün auf Grau steht es da, eher mit zu viel Sorgfalt als mit zu viel Schmackes hingesprüht an eine Hauseinfahrt in diesem Kiez, der ziemlich oft Thema „im Fernsien“ ist. Die Parole ist wohl als Aufstachlung für ein bisschen mehr Rumms im täglichen Grummelhaushalt gedacht. Aber das leuchtet erst dann ein, wenn man wieder in der Schlange vor der Supermarktkasse steht und genug Zeit hat, zu grübeln, warum hier zwei ungute Gefühle so haarspalterisch gegeneinander ausgespielt werden – beim John-Lydon- Slogan „anger is an energy“ fielen sie doch noch wunderbar in eins.

Wenn man ein klein wenig mehr Rumms im Bauch hätte, könnte man später eigentlich mal runtergehen und einen anderen Zweizeiler drübersprühen. Sowas wie „Ich weine um Syrien, zuviel Milch im Kaffee“ zum Beispiel, das wäre doch inhaltlich auch näher dran am Edeka. Vielleicht sollte man überhaupt das ganze Viertel rundum mit Versen aus Schorsch Kameruns „Ich meine ich weine“ verzieren. Unser Durchhaltealltag aus News und Papierkram und milden Aufputschmitteln erscheint in diesem Song, den der Sänger der Goldenen Zitronen im Herbst 2011 für das Theaterprojekt „Der entkommene Aufstand“ am Schauspiel Köln schrieb, in der ihm angemessensten Form: ganz volksnah nämlich, Merksatz-mäßig hübsch in Paarreime gegossen, wie gemacht für den Chor der Wutbürger und das Kamerun’sche Sprechgesangsstakkato.

„Ich meine ich weine“ ist ein Lied über die Ökonomie des Mitgefühls, so gleichmäßig, präzise und gerecht wie eine Waage. Sehr schön zu erkennen ist das in Strophe drei: Die Welthistorie (linke Schale) wird abgewogen gegen privates Befindlichkeitskleinklein (rechte Schale). Das ist dann nicht mehr bloß Gegensatzpaar und Oxymoron, das ist Wettkampf. Welche Katastrophe ist katastrophiger? Welche Revolution blutiger? Welcher ICE-Ausfall fataler?

Das Gerangel um die Top-Platzierung in den Jammer- Charts deutet schon darauf hin, dass in der Ich-weine-Welt natürlich auch die Trauerarbeit der allseits beliebten Burn-out-Logik des Spätkapitalismus gehorcht. Und so folgt, in den letzten beiden Zeilen, unweigerlich der Totalkollaps. Die Form implodiert, Rhythmus, Reim, Repetition – alles, was uns noch ein bisschen Halt gab, geht vor die Hunde. Es bleibt nur das große Vielleicht des Zweifels. Und für die Glas-halb-voll-Fraktion eventuell ein klitzekleines bisschen Hoffnung: Zu viel Geweine / Zu wenig Wut? //

 

Die Songtextkritik erscheint parallel in SPEX 343 / März 2013

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