Theater der Zeit

Auftritt

Theater Duisburg: Humor vor dem Höllensturz

„Girls & Boys“ von Dennis Kelly, Deutsch von John Birke, Regie und Bühne Alexander Vaassen, Kostüme Christina Berger

von Stefan Keim

Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Alexander Vaassen

Friederike Becht in „Girls & Boys“ von Dennis Kelly, Regie Alexander Vaassen am Theater Duisburg. Foto Sascha Kreklau
Friederike Becht in „Girls & Boys“ von Dennis Kelly, Regie Alexander Vaassen am Theater DuisburgFoto: Sascha Kreklau

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Sie steht schon im Bühnenhintergrund, während das Publikum den Saal betritt. Das schafft Atmosphäre, eine Grundspannung. Dann springt die Schauspielerin Friederike Becht an die Rampe, Jeans und T-Shirt, eine Frau aus dem Alltag. Wie sie heißt, erfahren wir in den nächsten anderthalb Stunden nicht. Hinter ihr fährt eine weiße Leinwand herunter. „Girls & Boys“ heißt der Monolog des britischen Dramatikers Dennis Kelly. Das klingt harmlos. Doch der Theaterabend tut richtig weh.

Dabei ist er Tonfall zunächst fröhlich. Die Frau berichtet, wie sie ihren Mann kennengelernt hat und wie unsympathisch er ihr zuerst war. Wie sie sich vorher mit Sex, Drugs und Rock’n’Roll von einem Kick zum anderen gevögelt hat und nun bereit für Veränderungen war. Für Mutterschaft, Kinder, Familie. Auf der Bühne liegen Kuscheltiere und ein großer rosa Teddybär. Immer wieder spielt die Frau Szenen mit ihren Kindern, eine überforderte Mutter, die Tochter will Matsch ins Haus bringen, der Sohn saut sich ein, es gibt Streit, was gespielt werden soll. Immer hängt sie dazwischen. Irgendwann laufen zwei junge Leute über die Bühne, sind nur für Sekunden zu sehen, tauchen später als Schatten hinter der Leinwand wieder auf. Dann kommt der erste große Bruch in dieser lebensnahen und unterhaltsamen Geschichte. Die Frau schaut direkt ins Publikum und sagt, sie wisse, dass ihre Kinder nicht da sind. Ein Satz, der die Stimmung völlig ändert. Ein Satz, in dem eine Menge mitschwingt. Und nach dem jeder weiß, dass es kein glückliches Ende geben wird.

Bei solchen Monodramen wird die Bedeutung der Regie oft unterschätzt. Man rühmt die klare, alltagsnahe Sprache des Autors – und hier auch des Übersetzers John Birke –, ebenso die schauspielerische Leistung. Doch hier sei mal zunächst der junge Regisseur Alexander Vaassen erwähnt, vor kurzem erst hat er das Studium an der Folkwang Universität der Künste abgeschlossen. Er setzt die Brüche präzise, schafft mit den stummen Schatten stimmungsvolle Akzente, sorgt für einen nie abreißenden Spannungsbogen. Die Regie dient dem Text, erfasst seine Struktur, kitzelt Feinheiten und Details heraus. Keine Ironisierungen, keine besserwisserischen Kommentare. Auch das immer wieder zu hörende blöde Gequatsche, dass ein junger Regisseur sich mit einer unverwechselbaren Handschrift etablieren muss, hat Alexander Vaassen souverän ignoriert. Er schafft herausragendes, packendes Theater, indem er genau das tut, was der Text braucht.

Natürlich funktioniert das nur mit einer phänomenalen Darstellerin. Friederike Becht ist als Protagonistin vieler Filme und Serien bekannt, war lange am Schauspielhaus Bochum fest engagiert, kehrt immer wieder auf die Bühne zurück, auch in freien Produktionen. Sie wirft sich mit unglaublicher Energie in alle emotionalen Facetten des reichen Textes. Dabei behält sie stets den Kontakt zum Publikum, erzählt, durchlebt die Geschichte, deutet andere Figuren an, bleibt aber stets die Frau ohne Namen, der man sich schnell sehr nah fühlt. Weil sie auch gnadenlos eigene Fehler benennt und sich – wenn es richtig schlimm wird – um Objektivität bemüht. Was die Wirkung am Ende noch steigert.

Denn – man ahnt es, aber das macht die Erzählung nicht erträglicher – es geht um Familienmord. Die Beziehung erkaltet, stirbt, sie hält das lange aus. Als ihr Mann sich völlig verändert hat, will die Frau die Scheidung und verlässt mit den Kindern das Haus. Einige Monate passiert nichts, dann tötet er die Kinder. Auf bestialische Weise, alle Einzelheiten werden benannt. Die Frau hat das Publikum vorher gewarnt, dass es nun sehr heftig wird. Auch das ist wieder so ein enorm präziser Moment. Es berührt zutiefst, dass sie vor dieser Schilderung an uns, die Zuschauenden, denkt.

Die Spielerinnen der Schatten stammen übrigens aus dem Jugendclub „Spieltrieb“ des Theaters Duisburg, Das Haus wird zur Hälfte von der Deutschen Oper am Rhein bespielt, die Schauspielsparte wird von Gastspielen abgedeckt. Das hat dem Intendanten Michael Steindl nicht gereicht. Mit unglaublich engagierten Jugendlichen hat er über viele Jahre hinweg eine Gruppe aufgebaut und zusätzlich ein Repertoire aus Eigeninszenierungen erarbeitet. Oft kommen professionelle und manchmal sogar prominente Schauspielerinnen und Schauspieler dazu wie jetzt Friederike Becht. In „Girls & Boys“ spielen die Jugendlichen nur Nebenrollen, aber ohne diese Vorgeschichte wäre die ganze Produktion kaum denkbar. Und so ist eine großartige Aufführung im eigentlich ensemblelosen Theater Duisburg entstanden, die das Publikum durchschüttelt und begeistert. Applaus im Stehen an einem gut besuchten Montagabend.

Erschienen am 13.3.2024

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Das Ding mit dem Körper. Zeitgenössischer Zirkus und Figurentheater
Theaterregisseur Yair Shermann