Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Die Spieler – Das Schauspielhaus Bochum (06/2020)
Die schönsten Geschichten über das Theater schreibt das Leben selbst. So erreichte die Redaktion, kurz nachdem bekannt gegeben wurde, dass das Schauspielhaus Bochum der diesjährige Preisträger des Martin Linzer Theaterpreises ist, ein Anruf aus Bochum. Ein älterer Herr teilte uns am Telefon seine Freude über die Auszeichnung mit. Seit Jahrzehnten besucht der 86-Jährige mit den Nachwuchsmannschaften des VfL Bochum die Vorstellungen des Theaters. Alles begann mit einer Sportfreizeit auf dem Lande und einer zufällig besuchten Aufführung von „Wilhelm Tell“ … Solche unauslöschlichen Leidenschaften kann das Theater wecken, immer wieder und immer neu. „Das Theater, das man in Bochum sehen kann, handelt von der tragischen oder komischen Selbstverstrickung des Menschen“, heißt es in der Begründung für den Martin Linzer Theaterpreis von Jakob Hayner. „Penthesilea“, „Geschichten aus dem Wiener Wald“, „Hamlet“ und zuletzt „Iwanow“ sind die großen Bühnenstoffe, die in Bochum durch ein beeindruckendes Ensemble zum Leben erweckt werden. Der Intendant und Regisseur Johan Simons spricht in unserer Juni-Ausgabe mit den beiden Schauspielstars Sandra Hüller und Jens Harzer darüber, was das Bochumer Theater so besonders macht. Es braucht die beglückenden Konstellationen, die Kristallisationspunkte des Künstlerischen, damit Theater begeistert. Wie das in Bochum gelingt, zeigt das Porträt des Ensembles. Dessen Mitglieder sind divers, aber nicht divergent, wie Martin Krumbholz schreibt, allesamt leidenschaftliche Spieler einer Kunst, die das Gemeinsame braucht.
Doch das Gemeinsame muss zurzeit zurückgestellt werden. Es flüchtet auf Bildschirme, ins Digitale. Am Schauspielhaus Bochum werden 14 von Dramatikerinnen und Dramatikern verfasste Minidramen – sogenannte Short Cuts – ins Filmische verlagert. Als Stückabdruck veröffentlichen wir die Texte von Bonn Park und Miroslava Svolikova, zwei knappe Ausschnitte einer verrückten Welt. Das Theater in Zeiten von Corona muss ausweichen. Das sieht im Detail ausgesprochen vielfältig aus und reicht von Stücken im Telegram-Chat und Virtual-Reality-Erlebnissen über Webserien und Zoom-Konferenzen bis zu Drive-in-Theater und Audiowalks. Streaming über alles? Mitnichten, wirft Carl Hegemann ein. Das Uraltmedium Theater dürfe nicht in der virtuellen Welt verschwinden, meint der Dramaturg. „Ich will nicht ins Internet, ich bin zu sehr analog. Ich will spielen.“ So drückt es Christian Stückl, der Intendant des Münchner Volkstheaters, in seinem Aufruf aus. Wir sind also wieder beim Spiel, dem Herzen des Theaters. Doch die Sorge, ob die gegenwärtigen Rhythmusstörungen möglicherweise Folgeschäden haben könnten, bleibt. Warum kommen die Reanimationsmaßnahmen bei der Kultur so viel später als bei Industrie, Gastronomie und kommerziellem Sport? Antworten auf diese Fragen und Blicke in die Zukunft wagt Wolfgang Schneider vom Fonds Darstellende Künste im Gespräch mit Sabine Leucht.
Über das „Seuchenbekämpferheldentum“ schreibt Josef Bierbichler in seiner Kolumne. Zeiten, die aus den Fugen sind, interessieren das Theater und die Literatur seit jeher. Der Schriftsteller und Dramatiker Volker Braun hat einen Gedichtzyklus über die Welt im Zustand der Pandemiebekämpfung verfasst, den wir in vollem Umfang abdrucken. „Große Fuge. Aggregat K“ ist eine Erkundung mit Worten, zwischen denen Lücken bleiben. Sie evozieren die Frage, wie diese aus den Fugen geratene Welt wieder einzurichten sei. Das Verhältnis von Ethik und Ästhetik beleuchtet Luise Meier im zweiten Debattenbeitrag unserer Reihe Theater und Moral. Über wessen Moral sprechen wir eigentlich, fragt die Autorin und Theatermacherin, um in der Folge auf die Begriffe Produktion, Parteilichkeit und Proletariat zu stoßen. Der Text liest sich zugleich als ein Aufruf zur Solidarität.
Abschiede haben etwas von Nachrufen, schreibt Christoph Leibold über das Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen: fünf aufregende Jahre – ein Drama in fünf Akten, aber ohne glückliches Ende. Was nicht heißt, dass es nicht glückliche Momente gegeben hätte. Unser Autor hat davon zahlreiche erlebt, die er im Blick zurück nochmals in Erinnerung ruft. Auch Dimo Rieß lässt eine Ära Revue passieren: Am Theater der Jungen Welt in Leipzig verabschiedet sich Intendant Jürgen Zielinski nach 18 ruhmreichen Jahren. Es gibt aber auch Abschiede, die Nachrufe sind. Gestorben ist Rolf Hochhuth, der mit seinem Stück „Der Stellvertreter“ als junger Mann berühmt wurde. Wie er einst mit Frank Castorf heftigst aneinandergeriet, sich aber beide beim Wodka wieder vertrugen, schildert Kerstin Decker in ihrem Nachruf. Und auch das Künstlerinsert dieser Ausgabe ist einem jüngst Verstorbenen gewidmet: dem großen Maskenbildner Wolfgang Utzt. Wie es Utzt gelang, neue Möglichkeiten des Spiels und des Ausdrucks zu eröffnen, indem er die Gesichter der Spieler verbarg, schreibt unser Redakteur Gunnar Decker. //
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