Theater der Zeit

Auftritt

Pfalztheater Kaiserslautern: Und die Welt ist nichts als Zement

„Untröstliche Schatten“ nach dem Roman „Dreihundert Brücken“ von Bernardo Carvalho (UA) – Regie Elina Finkel, Bühne und Kostüme Elena Bulochnikova, Musik Victor Solomin

von Björn Hayer

Erschienen in: Theater der Zeit: Semantik des Schönen – Eine unterschätzte Kategorie (03/2024)

Assoziationen: Rheinland-Pfalz Theaterkritiken Pfalztheater Kaiserslautern

Marius Petrenz als Andrej und Phillip Brehl als Ruslan in „Untröstliche Schatten“ in der Regie von Elina Finkel am Pfalztheater Kaiserslautern. Foto Thomas Brenner
Marius Petrenz als Andrej und Phillip Brehl als Ruslan in „Untröstliche Schatten“ in der Regie von Elina Finkel am Pfalztheater KaiserslauternFoto: Thomas Brenner

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Die Entscheidung für den Text steht von Anfang an fest: für seine Drastik, seine Schonungslosigkeit, seine Härte. Weniger gespielt als eindringlich erzählt, soll er werden. So zumindest in seiner Uraufführung am Pfalztheater Kaiserslautern. Immer wieder wenden sich nämlich die Figuren in der Inszenierung von Bernardo Carvalhos „Untröstliche Schatten“ dem Publikum zu, um in den jeweiligen Situationen ihre Gedanken und Gefühle zu schildern. Dass es diesen imaginären dritten Raum gibt, mag auf den ersten Blick eine nachvollziehbare Setzung der Regisseurin Elina Finkel sein, weil ihre Protagonist:innen sich nach außen eine (scheinbar!) unverletzliche Haut zugelegt haben. Nur wie weit trägt dieses Konzept für die Bühne? Gerade auch dann, wenn die Handlung emotional aufwühlend ist und deswegen einer intensiven Darstellung bedurfte?

Sie führt uns jedenfalls zurück in das Jahr 2002. Während man in St. Petersburg das dreihundertste Stadtjubiläum vorbereitet, Glanz und Gloria des alten, russischen Reiches zelebriert, tobt in Grosny der Zweite Tschetschenienkrieg. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hatte sich die ehemalige, autonome Teilrepublik der Sowjetunion für unabhängig erklärt. Mit schweren Folgen: Nachdem Russland zunächst die Milizen gegen die dortige Regierung zu mobilisieren versuchte, beschloss Boris Jelzin 1994 den Angriff. Nach Waffenstillständen und Friedensabkommen griffen sodann wiederum Terroristen andere Teilrepubliken an – ein guter Vorwand für Jelzin, um mit dem zweiten tschetschenienkrieg 1999 erneut in das kleine Land einzumarschieren. „Untröstliche Schatten“ zeigt die Invasion mit allerlei Brutalität für die Zivilbevölkerung. Um die Rebellen zu schwächen, prügeln sich Moskaus Militärs durch die Dörfer. Für den eigentlich zu ihrer Front gehörenden Andrej (Marius Petrenz) keine Option. Er desertiert und reist unerkannt an die sich gerade selbst feiernde Metropole an der Newa, wo er auf einen weiteren Kriegsverweigerer trifft: Ruslan (Phillip Brehl), ein wiederum aus Tschetschenien geflüchteter Mann, der überdies Sohn einer mittlerweile in einer erzkonservativen, russischen Ehe lebenden Mutter ist. Zu diesem Tabubruch, dem „unmännlichen“ Verzicht auf Gewalt in einem durch und durch patriarchalen System, gesellt sich sodann ein weiterer, nämlich die erwachende Liebe zwischen den jungen Entrechteten. Dass diese homoerotische Romeo-und-Julia-Story in einem repressiven Regime nicht folgenlos bleiben darf, ist erwartbar. Tod und Schrecken prägen daher das beklemmende Ende.

Nur überträgt sich die Finsternis dieses Plots erst in den letzten Minuten auf die Zuschauer:innen, als der Verlust in tatsächlich eindringlichem Spiel zum Ausdruck kommt. Ansonsten verfehlt der Abend seine Wirkung, weil die Regie kaum treffende Bilder entwickelt und zu ausgiebig auf die reine Erzählung setzt. Was diesen Eindruck der Statik verstärkt, ist – buchstäblich – die schwere Zementkulisse. Anfangs gibt sie nur eine Mauer mit Graffiti und Einschusslöchern zu erkennen. Später, nach der Demontage der Vorderwände, schauen wir auf ein Mosaik mit einem Astronauten in der Mitte, der möglicherweise ironisch die Größe der russischen Geschichte symbolisieren könnte. Davor steht eine Betonbank. Zwar dient dieses Bühnenbild (Ausstattung Elena Bulochnikova) hin und wieder als Interieur. Deutlicher erinnert es an eine Haltestelle, einem Nicht-Ort für den endlosen Transit der beiden heimatlosen Helden aus. Sie mögen sich im Dunkeln bewegen, gleichzeitig droht die ständige Entdeckung durch Wachen und Verfolger. Auch vor dem Hintergrund dieser allgegenwärtigen Observation passt der halbe und möglicherweise auf Lenin hinweisende Kopf mit den großen Augen oberhalb des Kulissenbaus.

Überhaupt gilt für diese Inszenierung durch eine aus Odessa stammende Regisseurin: Vieles, mithin auch die atmosphärische Live-Gitarrenmusik von Victor Solomin, trägt den Text. Auch vor allem die diversen Frauenfiguren, die gerade am Anfang und Ende des Stücks über ihre verlorenen Söhne sprechen, die vom Leben gezeichnet sind. Besonders ragt aus der Gruppe indes Maria Schubert heraus. Sie verkörpert Ruslans Mutter, die zwischen den Kriegsfronten sowie ihrem Mann und ihrem offiziell nicht anerkannten Kind steht. Retten können die Darsteller:innen den Abend nicht. Sie dürfen kaum spielen und erweisen sich letztlich als Dekor des Dramas. Abgesehen von einigen gefühlsechten Szenen mutet der Text so unterkühlt an wie die Wände, vor denen er aufgesagt wird. Wie schade, zumal er im Schatten der aktuellen, russischen Invasion in die Ukraine das Potenzial zu dem Zeitdokument schlechthin hätte! 

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