Theater der Zeit

Auftritt

Schauspiel Frankfurt: We have learned nothing from history

„Don Carlos“ von Friedrich Schiller in einer Fassung von Felicitas Brucker und Arved Schultze – Regie Felicitas Brucker, Bühne und Kostüme Viva Schudt, Video Florian Seufert, Musik Markus Steinkellner

von Shirin Sojitrawalla

Assoziationen: Theaterkritiken Hessen Felicitas Brucker Schauspiel Frankfurt

„Don Carlos“ von Friedrich Schiller in einer Fassung von Felicitas Brucker und Arved Schultze, Regie Felicitas Brucker am Schauspiel Frankfurt. Foto Thomas Aurin
„Don Carlos“ von Friedrich Schiller in einer Fassung von Felicitas Brucker und Arved Schultze, Regie Felicitas Brucker am Schauspiel FrankfurtFoto: Thomas Aurin

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Am Ende triumphieren die Frauen. Von Schiller gern an den Rand geschrieben, überleben sie in Frankfurt als einzige den fünften Akt. Don Carlos und sein Vater wurden längst über den Haufen geschossen, und auch der Herzog von Alba und der Marquis von Posa liegen blutend auf der Bühne. Ein Großinquisitor ist nicht mehr nötig, das besorgen die Herren und Damen schön selbst. Zumindest in der Fassung von Felicitas Brucker und Arved Schultze, die auch frühere Varianten Schillers berücksichtigt. Die Bühnen- und Kostümbildnerin Viva Schudt gibt dem Ganzen ein modernes Gesicht. Ihr Bühnenraum sieht aus wie ein Labor, weiß und aseptisch. Darin spielen sich die Familienverhältnisse und politischen Machenschaften ab wie eine Partie Schach. Die Figuren sind meist entweder schwarz oder weiß gekleidet, der machtgeile Alba schillert in einem goldenen Oberteil, während der stürmisch drängende Carlos im weißen Unterhemd und in ebensolchen Sporthosen aussieht wie ein zerzauster Hip-Hopper. Sein Vater, der König von Spanien, wirkt bei Matthias Redlhammer wie ein erfolgreicher Mafiosi und kommt mal ganz in Schwarz, mal unschuldig weiß daher, ohne Zwischentöne. Seine Gattin Elisabeth (Tanja Merlin Graf) ist die ehemalige Verlobte seines Sohnes Carlos. Ihr silbrig glänzender, irgendwie gräulich wirkender Aufzug markiert eine Zwischenposition.

Sachte verändert sich die Bühne immer mal wieder, um Ortswechsel anzuzeigen, mal kommt hinten ein Vorhang hinzu, mal fährt ein Tisch aus dem Unterboden, der sich später zum gummizellenartigen Verlies auswächst. Das alles sieht fantastisch und immer mehr nach heute als nach gestern aus. Das Spiel des auf sechs maßgebliche Rollen geschrumpften Personals fügt sich da die meiste Zeit elegant ein.

Große Gefühle treffen in „Don Carlos“ auf den Machthunger der vielen. Niemand verkörpert das emphatischer als der Marquis de Posa mit seiner zur Postkartenparole aufgeblasenen Phrase „Geben Sie Gedankenfreiheit!“. Das ist heute so aktuell wie 1787. Man mag dabei an Putin denken, den Iran oder den Wesenskern der Demokratie. Doch auch der aufsässige Posa entpuppt sich als Propagandist in eigener Mission. Heute plärrte so einer womöglich auf TikTok herum. Christoph Bornmüllers Posa legt dabei einen sensationell atemlosen Monolog hin, eine Spoken-Word-Tirade aus der Feder der britischen Lyrik-Rapperin Kate Tempest: „Europe is Lost“. Dazu flimmern Trümmerfelder über die rückwärtige Wand, Ruinenlandschaften, die sich in der Ukraine, im Gazastreifen oder sonst wo auftürmen. In sagenhaftem Tempo, makelloser Diktion und brillanter Unmittelbarkeit verkörpert Bornmüller seine niederschmetternde Bestandsaufnahme als destruktive Superkraft. „We have learned nothing from history“, schallt es da.

Der zentrale Dialog zwischen Posa und dem König vollzieht sich bei Brucker als spannungsgeladener Wettstreit der politischen Überzeugungen. Als Zuschauerin fühlt man sich, als sei man in einen gut geölten Politthriller geraten. Davor amüsiert Prinzessin Eboli den Saal mit ihrer Hingabe, Don Carlos anzumachen. Sarah Grunert in giftig gelber Gouvernantenbluse versucht ihn, mit einem Lovesong zu erweichen. Herrliche Nummer, auch das, und eine Sarah Grunert, die sehr anders als sonst auf der Bühne steht. Wie überhaupt das Ensemble bei Brucker einen ganz anderen Drive hat. Torsten Flassig agiert als semmelblonder Don Carlos mit Silberblick und Ticks wie ein erheblich psychisch Angeknackster. Alba ist bei Stefan Graf ein eiskalter Killer, und alle wirken wie routinierte Clan-Kriminelle, sind sich für keinen Mord zu schade. Mit wenigen Requisiten, vollmundigem Sounddesign und präzisem Ensemble-Spiel gelingt ein Abend, der bis zur Pause begeistert. Danach fällt die Spannung ziemlich ab. Das eigentliche Ende wirkt dann vergleichsweise läppisch. Die beiden Frauen überleben, und vielleicht tragen sie nicht zufällig Hosen. It’s a Man’s World. Wer da mitspielen will, tickt nach den alten Regeln. Ein mieses Spiel, in Frankfurt schön vorgeführt.

Erschienen am 21.3.2024

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