Das Problem
von Wolfgang Engler
Erschienen in: Authentizität! – Von Exzentrikern, Dealern und Spielverderbern (03/2017)
Authentizität, das gibt es nicht.
Das lernt man in der
Schauspielschule.
Devid Striesow
(Berliner Morgenpost, 2016)
Vor geraumer Zeit blätterte ich während eines Aufenthalts in einem Quartier der Hotelkette Motel One in einem Werbekatalog des Hauses und stieß alsbald auf eine Doppelseite. Dort versammelten sich neun Angestellte des Unternehmens auf einem Gruppenfoto. Durchgehend in ihren Zwanzigern, präsentierten sie sich dem Betrachter offenen Gesichts, dezent lächelnd, in charakteristischer Dienstkleidung: türkises Hemd unter braunem Anzug die beiden Männer und in türkise Bluse zuzüglich Halstuch und braunes Kostüm gefasst die Frauen. Die Anordnung der Gruppe vermittelte den Eindruck wechselseitiger Vertrautheit; drei Mitarbeiterinnen hatten, wie gute Freundinnen das tun, ihren Arm über die Schultern der anderen gelegt. Tatsächlich arbeiteten die neun in Niederlassungen quer durch Deutschland, eine war sogar in Wien beschäftigt. Diese Zusatzinformation erschloss sich über Zahlen, die den Einzelnen zugeordnet waren und auf nummerierte, die Figuration einrahmende Textblöcke verwiesen. Dort waren Arbeitsort und Alter der Personen zu erfahren sowie ihre Kurzantworten auf Deutsch und Englisch auf die Frage, die in Großbuchstaben links oben auf der Doppelseite stand: WARUM MOTEL ONE?
„Weil Motel One ein verantwortungsvoller Arbeitgeber ist, der mir als alleinerziehender Mutter die nötige Sicherheit für mein Leben gibt“, sagt eine 27-Jährige von der Service Lounge. Andere preisen die flachen Hierarchien, die den Mitarbeitern schnelles Weiterkommen ermöglichen, die harmonische Atmosphäre in jungen Teams, nennen das Unternehmen „supercool“ oder streichen die Anmutung eines Designs heraus, das haargenau dem eigenen Geschmack entspricht. Die verbalen Kundgaben bekräftigen die visuelle Botschaft: Erwerbsarbeit unter solchen Umständen hat den einst ihr anhaftenden Fluch, von fremder Hand verfügt zu sein, gebannt. Warum also letztlich Motel One? „Weil wir einen super Spirit in der Belegschaft haben. Da macht das Arbeiten vor allem eines: Spaß!“, freut sich die 25-jährige Juliane. Und dann noch Toni, Rezeptionist aus Berlin. Die ihm zugeschriebene Antwort fasst den allgemeinen Wohlfühlgestus in denkwürdige Worte: „Weil ich mich bei der Arbeit nicht verstellen muss und so sein kann, wie ich wirklich bin. Wo gibt’s das noch?“
Wir befinden uns in der Welt des Marketings; Gestus und Äußerungen der jungen Angestellten dienen dem leicht durchschaubaren Zweck, Gäste zum Wiederkommen zu bewegen, den expandierenden Geschäften Nachwuchs zuzuführen. Dennoch, gerade deshalb ist die Präsentation von durchaus theoretischem Interesse. Sie verweist auf einen kulturellen Code, der die Kommunikation des Unternehmens mit seiner Umwelt auf lehrbuchhafte Weise regelt. Mitarbeiter vorzuführen, die ihre Aufgaben ‚ordentlich‘ erfüllen, liefe auf dasselbe hinaus, wie Waren feilzubieten, in denen ‚solide Arbeit‘ steckt. Die Ware soll ein inniges Band mit ihrem Käufer, der Mitarbeiter ein ebensolches mit seiner Stelle knüpfen. Arbeitnehmer anzuhalten, sich mit ihrer Arbeit pflichttreu anzufreunden, reicht nicht aus. Gefragt sind Individuen, die die Grenzen zwischen ihrem Eigensten und ihrem Wirken für die Firma räumen, ihren Beruf offenherzig praktizieren. In Funktion und gleichzeitig man selber bleiben, sein, wie man „wirklich“ ist, so geht man zeitgemäß zu Werke.
Keine Verstellung im anstelligen Dasein, Tonis Tagtraum, wer teilte ihn nicht gern? Von der Verwandlung der Arbeit in ein Lebensbedürfnis träumten Sozialisten, Kommunisten schließlich seit Jahrhunderten. Das Vorrecht der freien Berufe, der gebildeten Stände – Arbeit, die den Menschen ausfüllt, in der er sich bewähren kann – sollte gebrochen, All gemeingut werden, eine Aristokratie für jedermann. Nun träumt das Kapital den Traum und viele, die ihm Dienste leisten, träumen mit. Daran ist nichts Verwerfliches. Das in unabweisbare Notwendigkeiten eingespannte Leben bevorzugt seit jeher Pflichten, die sich zu den eigenen Wünschen neigen.
Nur mit der Wunscherfüllung haperte es von allem Anfang an. Elementare Not zu wenden, darin erschöpfte sich der Sinn der Arbeit für unzählige Generationen, und für die weitaus meisten Erdbewohner gilt das noch heute. Man wählt nicht, wird vielmehr erwählt und schätzt sich glücklich, wenn die Wahl auf einen selber statt auf den Nächsten fällt. Die gesamte geschriebene Menschheitsgeschichte berichtet von Herren der Arbeit und vom Arbeitsvolk. Die Seiten, auf denen dieses durchatmen, selbst bestimmen durfte, was welche Mühe lohnt, bestehen aus Fragmenten und wappnen den Leser mit einiger Skepsis bezüglich der Aussichten arbeiterlicher Selbstbestimmung. Mitbestimmung auf Grundlage einer bürgerlichen Form der Lohnabhängigkeit – das war der Beitrag des Westens zur Chronik „humaner“ Erwerbsarbeit. Der Osten steuerte eine Staatsform lang die „volkseigene Erfahrung“ bei. Herrenloses Eigentum, herrische Arbeitsplatzbesitzer, unkündbare Machtbesitzer obenauf, so war das „Reich der Freiheit“ nicht zu pflanzen.
Arbeitern, Angestellten Starrsinn und deplatzierte Herrschsucht auszutreiben, geht umso leichter von der Hand, wenn man ihnen das Eigentum der Eigentümer auch als unternehmerisch Denkenden, Waltenden anvertraut. Die Offerte knüpft an ein tief verwurzeltes Bedürfnis der populären Klassen an und unterstellt es der Kapitalregie. Gelingt der Kurzschluss zwischen Eigenem und Fremdem, stehen die Leute unter Strom? „Entfremdung verboten!“, das ist der Wahlspruch unserer Zeit, eine recht verquere Art, nichtentfremdetes, authentisches Sein zu denken und zu leben. Der Gegensatz wird überbrückt, nicht überwunden, wandert aus in die Latenz und züchtet dort Symptome bald diffuser, bald greifbarer Unzufriedenheit. Die Komplizenschaft zwischen Arbeitsherren und Arbeitsvolk beruht auf der Funktionalisierung des Wunsches nach unverstelltem, authentischem Sein in allen Lebenslagen. Dass nicht jede Lebenslage dazu taugt, das Innerste zu offenbaren, ist so offenkundig wie die Verführungskraft neuer Medien und Technologien, die eine ungeschützte Selbstbeziehung unterstützen; man fängt sich da leicht Viren ein.
Authentizität als Problem, unser Problem – das ist das Thema der folgenden Überlegungen. Das Besondere, Zeitbedingte unserer Art der Problematisierung herauszustellen, verlangt ein teils systematisches, teils historisches Vorgehen.
Wie wir „wirklich“ sind, „wirklich“ zu sein glauben – den Realitätsbezug dieser Selbstwahrnehmungen zu ermessen, müssen wir von uns ab- und auf das hinsehen, was in allen steckt, die „wir“ sagen konnten und können: das Menschsein. Wie Individuen, die dieses Menschsein in sich tragen, gebaut, beschaffen, wozu sie disponiert sind, damit setzt die Darstellung ein.
Geschichtlich erfahrbar wird das Wirklichsein von Menschen in ihrem Wirklichwerden, ihrer Verwirklichung unter sich wandelnden Bedingungen. Unter allen möglichen Praxisformen, die darüber Aufschluss geben können, ragt das Handeln heraus. Handelnd enthüllen sich Menschen vor anderen wie vor sich selbst. Welche Handlungskontexte und Handlungsweisen diese Selbstenthüllung fördern oder hintertreiben, das Handeln in authentische oder entfremdete Bahnen lenken, ist näher zu betrachten.
„Kleider machen Leute“, sagt man. Gilt das noch immer, für alle? Und welche Aufmachung trägt dem heutigen Komment, unverstellt ‚man selbst‘ zu sein, genügend Rechnung? Die Darstellung des Selbst ringt vor dem Hintergrund einer aufkommenden Rollen- und Funktionsscham mit aufschlussreichen Widersprüchen.
Wie offenbart man sich auf eine Art und Weise, die bezeugt, dass man es wirklich selbst ist, der sich offenbart, statt nur Klischees der Offenbarung abzuspulen, Kopie statt Original? Die Fragestellung greift die vorherige auf und treibt sie weiter in Richtung auf einander ablösende Grundspielarten authentischen, weil selbst verfertigten Lebens. Authentizitätsbestrebungen gewinnen ein sehr verschiedenes Aussehen je nachdem, worauf sie ihren Fokus richten: auf das Individuum, auf das Kollektiv oder auf die Kapitalisierung der Persönlichkeit. Wo wir derzeit stehen, lässt sich sagen, und ahnen, wohin die Reise gehen könnte.



















