Thema
Sogar für Festivalpublikum
Frankreich ist auch im Strafvollzug Kulturnation
von Eberhard Spreng
Assoziationen: Europa

Sie drücken ihren Rücken an eine weiße Wand, bewegen die Wirbelsäule, die Arme, Hände. Ihren Namen sollen sie so zur Darstellung bringen; Körperbewegungen sollen Buchstaben ersetzen, aus Schrift soll ein Tanz werden. Diese Aufgabe gibt Choreograf Angelin Preljocaj seinen Workshopteilnehmerinnen. Sie sind Inhaftierte in der Frauenabteilung des bekannten Marseiller Gefängnisses Les Baumettes. Dort probte der Choreograf 2019 vier Monate lang am Projekt „Soul Kitchen“, festgehalten im Dokumentarfilm „Danser sa Peine“ von Valérie Müller. Die Choreografie wurde in Aix-en-Provence und beim Festival Montpellier Danse aufgeführt – im Olymp des französischen Kulturbetriebs.
Preljocajs Tanzprojekt zeigt exemplarisch, dass sich Frankreichs Topbühnenkünstler:innen nicht zu schade sind, wenn es darum geht, die Theaterarbeit im Knast jenseits ihrer sozialpädagogischen Dimension zu künstlerischen Ereignissen zu machen. Olivier Py, der während seiner Leitung des Festivals von Avignon regelmäßig mit Strafgefangenen des Gefängnisses von Le Pontet bei Avignon arbeitete, soll einmal gesagt haben, seine Mitstreiter seien für ihn keine Gefangenen, sondern Schauspieler. Zusammen mit Co-Regisseur Enzo Verdet inszenierte Py zwischen 2016 und 2020 „Hamlet“, „Antigone“, „Macbeth Philosophe“ und „Othello Astrologue“.
Nach der „Hamlet“-Premiere 2016, die im Sportsaal des Gefängnisses bei den Mithäftlingen auf Begeisterung stieß, wurden Sprechchöre laut: „Libérez Hamlet!“ – „Befreit Hamlet!“ wurde gerufen. Man war sich darüber...

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