Theater der Zeit

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Bloß keine seichte Spielplanrevolution!

Sächsische Bühnen klagen weniger über Publikumsschwund

von Michael Bartsch

Erschienen in: Theater der Zeit: Publikumskrise (11/2022)

Assoziationen: Sachsen Staatsschauspiel Dresden Theater Chemnitz Schauspiel Leipzig Eduard-von-Winterstein-Theater Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau

Die „Gas“-Trilogie am Staatsschauspiel Dresden in der Regie von Sebastian Baumgarten.Foto: Sebastian Hoppe

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Ein typischer Feuilleton-Hype, ließen sich die Kommentare sächsischer Intendanten zur Debatte um Publikumsrückgewinnung durch Spielplankonzessionen zusammenfassen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass die Leiter selbstverständlich nur Gutes über ihre Häuser sagen, klingen ihre Erfahrungsberichte relativ gelassen, jedenfalls weniger alarmiert als teils aus westdeutschen Regionen. Erstaunlich, hatte doch die sächsische Kulturlandschaft kaum Zeit, sich vom letzten Winterlockdown zu erholen. Den verhängte Sachsen als einziges Bundesland wegen der hohen Infektionszahlen und geringen Impfquoten bis zum 14. Januar. Kaum sechs Wochen später begann der russische Überfall auf die Ukraine und damit die nächste Krise.

Der erhoffte erlösende Ansturm auf die endlich wieder geöffneten Häuser blieb größtenteils aus, Sommerbespielungen und teils lang aufgeschobene Großinszenierungen ausgenommen. Thea­ter, Kinos oder Konzertveranstalter beobachten jedoch auch hier nach zweijähriger Abstinenz und Ungewissheit bei potenziellen Besuchern Erscheinungen wie Müdigkeit, Entwöhnung, Zurückhaltung und schärfere Ausgabenkalkulation. Diese Begleiterscheinungen von Viruskrise und Krieg verstärken den schon länger bekannten Trend weg von festen Abonnementbindungen hin zu spontanen Entschlüssen für einen Theater- oder Konzertbesuch.

Insofern spricht Daniel Morgenroth, Intendant des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau, sogar von einer „glücklichen Lage“, wenn er einen Abo-Rückgang von nur acht Prozent konstatieren muss. Sein Kollege Joachim Klement vom Staatsschauspiel Dresden beklagt zwar keinen Einbruch, aber „einen größeren Rückgang als in den vergangenen Jahren“. Die Theatercard hingegen, mit der für einmalig fünfzig Euro alle Tickets nur noch die Hälfte kosten, ist in diesem Jahr schon fünfhundertmal verkauft worden.

„Aktuell nicht beklagen“ kann sich auch der Leipziger Schauspielintendant Enrico Lübbe. Das Abo spielt hier ohnehin eine untergeordnete Rolle, dafür ist das neugierige Publikum an den Abendkassen im Durchschnitt erst 35 Jahre jung. Anfang ­Oktober wurde die Premiere von „Luna Luna“ nach Maren Kames in Lübbes Regie bejubelt. Die auf Gegenwartsstoffe ausgerichtete Spielstätte Diskothek im Schauspielhaus und das freie Labor Residenz werden weiterhin gut angenommen.

„Das erzgebirgische Publikum ist sehr treu“, lobt auch Intendant Moritz Gogg in Annaberg die Stammgäste des Winterstein-­Theaters. „Die Abonnements sind nur gering geschrumpft.“ In die Naturbühne Greifensteine kamen im Sommer mit 30 000 Besuchern sogar 7000 mehr als im Vorjahr. Christoph Dittrich, verantwortlich für das Chemnitzer Fünfspartentheater, berichtet von „gemischten Erfahrungen“. Aboverluste einerseits, „erheblicher Zulauf“ an den Abendkassen andererseits.

Spätfolgen des sächsischen Kulturlockdowns

Auf mögliche Unterschiede zwischen den Kulturraumtheatern und den Großstadtbühnen angesprochen, sieht Dittrich bei den kleineren Stadttheatern eine stärkere Bindung des Regionalpublikums. „In großen Städten hingegen ist der internationale Kulturtourismus überhaupt noch nicht wieder angelaufen.“ Das Leipziger Schauspiel hingegen kann das dank einer jungen und erfreulich kulturaffinen Stadtgesellschaft so nicht bestätigen.

Der Chemnitzer Intendant schreibt aber den Kampf um das Publikum kaum noch den Auswirkungen des sächsischen Kulturlockdowns zu. Dessen Nachwirkungen hält er für „bereits bewältigt“, überall sei man inzwischen mit einer „Mischung aus Zutrauen und Vorsicht“ konfrontiert.

Anders urteilt der Dresdner Joachim Klement. „Die Theater in anderen Bundesländern hatten die Chance, sozusagen ihre Kundenbindung kontinuierlicher zu pflegen!“ Carena Schlewitt, Intendantin am Europäischen Zentrum der Künste im Festspielhaus Hellerau, pflichtet ihm bei. „Der dritte Lockdown in Sachsen hat zu mehr Beschädigungen geführt als in anderen Bundes­ländern!“ Besucher, die gerade dabei waren, die Spielstätten wiederzuentdecken, seien in die Resignation getrieben worden. Von ­Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU), sonst nicht eben für verwertbare Aussagen bekannt, gibt es immerhin die klare An­sage, dass sich solche monatelangen Schließungen während einer möglichen neuen Coronawelle nicht wiederholen werden.

Stadionkarten kosten mehr als Theatertickets

In der erst seit Mitte September angelaufenen Spielzeit beobachten alle im Vertrieb und an den Kassen ein neues Preisbewusstsein. Angesichts materieller Existenzsorgen erscheinen Ausgaben für die Künste manchen als Luxus. „Vor der Pandemie haben wir stets zuerst die höheren Preiskategorien verkauft“, berichtet Christoph Dittrich. „Jetzt sind die preiswerten Plätze gefragt.“ Nur Enrico Lübbe in Leipzig relativiert solche Beobachtungen. „So teuer ist eine Theaterkarte nicht“, vergleicht er mit den Preisen im Zoo oder bei den Rasenballern im Stadion, die die Bürger offenbar weiterhin uneingeschränkt zu zahlen bereit sind. Das sind Events, und die Dresdner Produzentin und Veranstalterin Isolde Matkey von tristan Production beobachtet, dass deshalb Festivals weiterhin funktionieren. Das Angebot an „kultureller Alltagskost“ hingegen habe es schwerer, zumal derzeit geradezu ein kulturelles Überangebot herrsche.

In dieser Konkurrenz steht auch die freie Szene. Das Dresdner Netzwerk Kultur konstatiert gleichfalls ein verunsichertes Publikum und weist zugleich darauf hin, dass Off-Bühnen nicht einfach auf Klassiker wie den „Nussknacker“ ausweichen können. Wäre es überhaupt eine Alternative, Spielpläne in Richtung Komödie zu verschieben, um einem gestressten Publikum Anreize zu bieten und ein befreiendes Lachen zu versprechen? Dass die Sehnsucht danach groß ist, zeigte artistische und zugleich intelligent-sympathische schwei­zerische Clownerie im Zirkuszelt, Ausweichspielstätte des im Umbau befindlichen und sonst sehr ambitionierten kleineren ­Societaetstheaters Dresden.

Die Diskussion um weniger anstrengende Spielpläne, die Staatsschauspielintendant Klement für mediengemacht hält, zeigt vor allem, dass auch die kommunalen und staatlichen Theater der Krise um den Preis der Selbstaufgabe nicht mit einem Schwenk ins Seichte begegnen dürfen. Sie unterscheiden sich darin im Grunde nicht von der freien Szene oder vom Festspielhaus Hellerau.

„Wir wollen den Spielplan nicht bunter servieren oder nur leichte Kost bieten. Das wäre tödlich für ein Stadttheater“, ist Daniel Morgenroth in Görlitz überzeugt. „Keine geschmacklichen Konzessionen! Qualität entscheidet“, heißt es in Chemnitz. „Wir haben keinerlei Veranlassung, unsere Zuschauer zu unterschätzen“, pointiert Staatsschauspielintendant Klement und zitiert ­Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

„Ob das politisch korrekt ist oder nicht, zyklisch oder antizyklisch, sollte man den Kunstschaffenden überlassen“, kommentiert der neue Intendant des Mittelsächsischen Theaters Freiberg/­Döbeln Sergio Raonic Lukovic die entfachte Spielplandebatte. „Eine grundsätzliche Entscheidung darüber beschränkt die künstlerische Kreativität und Diversität des Theaters.“ Der Leipziger Lübbe prägt den bedeutungsschwangeren Satz: „Wir müssen nur aufpassen, dass eine sinkende Bereitschaft, Themen oder Inhalte außerhalb des ­eigenen Themenkreises, der ­eigenen Diskursblase zu akzeptieren, nicht zu einem Be­sucher:innen- und Relevanzproblem wird!“

Nicht allein Lübbe plädiert jetzt dem Grunde nach für Kontinuität, und zwar ausdrücklich in der bisherigen Vielfalt und Breite. Unterhaltung, bekannte „Klassiker“ eingeschlossen, aber bitte keine Korrekturpanik bei den Spielplänen. Kleinere Konzessionen an das Krisenverhalten der Gäste, Akzentverschiebungen haben sich schon eingeschlichen. Am Staatsschauspiel Dresden leistet man sich beispielsweise weiterhin Publikumsdiskussionen nach den Vorstellungen der „Gas“-Trilogie. Neunzig Prozent des Premierenpublikums blieben dazu sitzen. Was Wunder, andererseits ist Christian Friedels „Macbeth“ hier bis Mai des kommenden Jahres ausverkauft, könnte man einwenden. Ein kleines Zugeständnis aber bedeutet ein Sommerspektakel am Japanischen Palais zum Ausklang der Spielzeit. Und mit einer öffentlichen Generalprobe von Rainald Grebes „Münchhausen“ kehrte man jetzt zu einem alten Brauch der Publikums­bindung zurück. Das Angebot für zehn Euro nutzten aber nur etwa hundert Theaterfreunde.

Eine „leichte Verschiebung weg von existenziellen Stücken“, räumt Christoph Dittrich in Chemnitz ein. „Aber nicht unkritisch, das wäre der Untergang des Theaters“, fügt er hinzu. Am weitesten geht Moritz Gogg in Annaberg. Ein vorgesehenes zeitgenössisches Stück, das er noch nicht nennen will, kam nicht in den Spielplan, Millers „Hexenjagd“ wurde kurz nach der Premiere vorerst eingefroren. Stattdessen ist ein neu aufgelegter Abend über den Erzgebirgssänger Anton Günter in der Studiobühne stets ausverkauft. Und die „Zauberflöte“ und „Hänsel und Gretel“ finden im Musiktheater garantiert ihre Zuschauer.

„Wir dürfen das Publikum nie aus den Augen verlieren“, mahnt heute Gogg, der doch in seiner ersten Spielzeit die Erz­gebirger auch mit ambitionierten Stoffen herausforderte. „Sie ­stehen im Zentrum, nicht irgendwelche selbstreflexiven Dinge.“ Enrico Lübbe pflichtet ihm bei: „Es gibt nur gutes oder schlechtes Theater.“ Mit agitatorischen Stücken Säle leerzuspielen, sei kein Erfolg. „Wir spielen auch für die Mehrheitsgesellschaft!“ //

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