Theater der Zeit

Auftritt

neue Bühne Senftenberg: Verwende deine Jugend!

„Düsterbusch City Lights“ nach dem Roman von Alexander Kühne in einer Fassung von Daniel Borgwardt – Regie Daniel Borgwardt, Bühnen- und Kostümbild Gundula Martin, Dramaturgie Richard Pfützenreuter

von Thomas Irmer

Assoziationen: Theaterkritiken Brandenburg Daniel Borgwardt Neue Bühne Senftenberg

Subkultur unter Schirmherrschaft der FDJ? „Düsterbusch City Lights“ nach dem Roman von Alexander Kühne in der Regie von Daniel Borgwardt an der neuen bühne Senftenberg.
Subkultur unter Schirmherrschaft der FDJ? „Düsterbusch City Lights“ nach dem Roman von Alexander Kühne in der Regie von Daniel Borgwardt an der neuen bühne Senftenberg.Foto: Steffen Rasche

Anzeige

DDR-Provinz, Mitte der 1980er Jahre. Ein junger Mann, im Dorf als Außenseiter bekannt, meldet ein Punkkonzert mit 300 Besuchern im Tanzsaal der Gaststätte beim Dorfpolizisten als Polterabend der Schwester an. Aus dem unglaublichen Streich von Alexander Kühne wird ein untergründiges Veranstaltungsnetzwerk, das als Jugendclub „extrem“ zwar unter der vermeintlichen Schirmherrschaft der staatlichen Jugendorganisation FDJ firmiert, aber eigentlich eine ziemlich bunte und schräge Subkultur mit Punk und New Wave vorantreibt. Der Club-Visionär träumt von einem David-Bowie-Flair und unterhält Kontakte in die gerade aufblühende Szene der ‚anderen‘ Bands in Ost-Berlin. In Lugau, drei Kilometer entfernt vom großen Eisenbahnkreuz Doberlug-Kirchhain, womit die logistischen Voraussetzungen für die Anreise aus allen Himmelsrichtungen gegeben sind. 2016 veröffentlicht Kühne seinen Bericht über jene „Düsterbusch“-Jahre im Kreis Finsterwalde, ein Beststeller, der nun, nach Magdeburg und Cottbus, zum dritten Mal für die Bühne adaptiert wurde – und zwar am Originalschauplatz.

Im Saal der ehemaligen Konsum-Gaststätte, heute „Landei Lugau“, hat sich scheinbar nicht viel verändert. Er wirkt klein. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier früher Hunderte Menschen bei Konzerten gefeiert haben und auf der hölzernen Portalbühne ganze Band-Equipments aufgebaut waren. Jetzt ist da nur ein altes Krankenhausbett mit einer bandagierten Person darin. Im Saal, wo das Publikum steht und die Stehschwachen gegen die Wände lehnen, sind auffällig viele Discokugeln aufgehängt. Ein Clown erscheint als Krankenschwester und macht dem Patienten klar, dass er nach seinem alkoholisierten Moped-Crash Wurstbrötchen erstmal nur in flüssiger Form zu sich nehmen kann. Diese Exposition dient einer rasanten Rückblenden-Dramaturgie, in der Richard Fuchs als Kühnes Alter Ego Anton Kummer und Lene Juretzka in mindestens einem Dutzend Clown-als-andere-Figuren vor allem durch die Familien- und Jugendgeschichte jagen, dabei teilweise durch den Saal und mitten durchs Publikum. Das ist für die beiden sehr jungen Spielenden eine extreme Herausforderung, aber für dieses beschränkte Setting ein effizientes Format.

Doch dieser Fokus auf Antons Biografie in Daniel Borgwardts schlanker Fassung lässt vieles außen vor, was an seiner Geschichte als scheiternder Lehrling und Hilfsarbeiter das wirklich Interessante ist: nämlich was er da so organisiert und in was für eine Zeit das fällt. Der Jugendclub „extrem“ steht auch für einen subtil beschriebenen Wandel in der DDR-Jugendkultur, von der Post-Hippie-Generation, zu der Kühne als Jahrgang 1964 selbst noch gehören könnte und die er mit ihrer Neil-Young-Folklore am Lagerfeuer für fantasielos hielt – hin zu einer glamourösen, bisweilen schrillen Postpunk-Kultur, die im Umfeld seines Dorfes natürlich noch exzentrischer und als Veranstaltung in der Provinz geradezu verwegen wirkt. Einmal wird das angedeutet, wenn Anton sich nicht nur unter schulischer und staatlicher Aufsicht wegduckt, sondern auch selbstbewusst ankündigt, dass er in seinen Club auf gar keinen Fall „Langhaarige“ reinlassen will. Distinktionsbewusstsein in Düsterbusch.

Selbstverständlich läuft viel Musik jener Zeit. Mit einer David-Bowie-Schallplatte in der Hand hebt Anton wie mit einem Raumschiff ab – einer der schönsten szenischen Momente. Ganz am Ende läuft „Verschwende deine Jugend“ von DAF, als Hymne an die gute, alte Zeit, die man selbst in einem Ort wie Düsterbusch haben konnte. Das ergraute Zeitzeugen-Publikum am Premierenabend hebt die Gläser.

Genau deswegen versteht sich das Ganze auch als pädagogisches Angebot für Schulen, wo nicht nur ein anderes Bild von DDR-Geschichte vermittelt werden kann, sondern auch die Ermutigung, selbst in abgehängten Landstrichen nicht aufzugeben, was die eigene Kultur angeht. Feine Sache.

Erschienen am 8.4.2026

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Anzeige