Theater der Zeit

passionsspiele oberammergau

Blick zurück nach vorn

Christian Stückl, Markus Zwink und Stefan Hageneier im Gespräch mit Teresa Grenzmann

von Teresa Grenzmann, Stefan Hageneier, Markus Zwink und Christian Stückl

Erschienen in: Theater der Zeit: Frank Castorf – „Wallenstein“ in Dresden (06/2022)

Assoziationen: Bayern Sprechtheater Passionstheater Oberammergau Passionsspiele Oberammergau 2022

Lebendes Bild – Das goldene Kalb.
Lebendes Bild – Das goldene Kalb. Foto Birgit GuðjónsdóttirFoto: Birgit Guðjónsdóttir

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Die Passion begleitet Sie bereits seit Ihrer Kindheit, in lei­tender Position seit über dreißig Jahren. Inwiefern hat sich Ihre ­Haltung zum Spiel von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verändert?

Christian Stückl (CS): In den Jahren zwischen 1970 und 1984 gab es ständig Auseinandersetzungen um die Passionsspiele. An den Stammtischen im Dorf wurde über den Vorwurf des Antisemitismus, eine Textreform, die Beteiligung jüngerer Oberammergauer und vor allem auch über die Gleichberechtigung der Frauen heftig diskutiert. Irgendwann kam dieses Gefühl: Ich will das machen! Mir wurde klar: Wenn da jetzt nicht etwas passiert, dann wird das kaputtgehen. Ich habe mich zusammen mit Markus Zwink zur Wahl gestellt, und wir wurden vom Gemeinderat für 1990 mit der Spielleitung betraut. Nur verändern konnten wir in unserem ersten Spieljahr fast nichts.

Markus Zwink (MZ): 1990 hatte ich sieben Takte verändert, ein Instrumental-Zwischenspiel, und das war für mich schon mit Skrupeln behaftet. Wir haben gewusst, im Jahr 2000 müssen wir viel offensiver damit umgehen.

CS: 1996 sind wir für das Spiel 2000 durch die Bevölkerung gewählt worden. Wir drei – Stefan Hageneier kam dazu – waren daher mutiger und haben gesagt, wenn wir’s machen, machen wir eine wirkliche Reform.

Stefan Hageneier (SH): Die Präsentation der Bühnenbildentwürfe war dann schon ein Wagnis. Wobei ich mit jugendlicher Leichtigkeit und Naivität darangegangen bin. Ich habe mich vor allem auf die ästhetische Erneuerung konzentriert. Mein Ansatz war sicher nicht revolutionär. Dennoch war es für alle eine Überraschung, dass das Konzept so positiv aufgenommen wurde.

CS: Die Spielerwahl 2000 fand nicht mehr in geheimer Wahl, sondern per Akklamation statt. Trotzdem mussten wir noch jede Veränderung durch den Gemeinderat boxen. Für 2010 haben wir dann gesagt, dass wir ihm kein Mitspracherecht beim Bühnenbild mehr geben und auch die Musiker und die Schauspieler frei ­wählen wollen. Der Gemeinderat bekam lediglich ein Vetorecht. Außerdem haben wir das Nachtspiel durchgesetzt, wodurch wir nun zu einer späteren Uhrzeit mit der Aufführung beginnen und die Kreuzigungsszene dadurch bei Dunkelheit stattfindet. Das ist ja die Aufgabe: das Passionsspiel weiterzubringen, woanders ­hinzubringen.

Behutsame Modernisierung

Tradition oder Veränderung – inwiefern stellt sich Ihnen diese Frage jedes Mal?

SH: Ich habe öfter aus dem Profitheaterbereich die Frage gehört: „Und? Macht ihr’s jetzt mal wirklich modern?!“ Dann müssen wir unsere Herangehensweise eher verteidigen und erklären, warum das in Oberammergau einfach ganz anders ist. Für mich hat sich bisher nicht die Frage gestellt, ob man Jesus besser in heutiger Kleidung zeigt, damit es vielleicht vordergründig zeitgenössischer wirkt. Die Auseinandersetzung mit der Bilderwelt der christlichen Kunstgeschichte reizt mich immer noch mehr als eine oberflächliche Übertragung. 2022 zeige ich Bilder, die nach der Wiederholung von Geschichte fragen, die Geschichte ins Jetzt holen. Dafür braucht es aber keine ­konkreten aktuellen Bezüge – dass die biblische Geschichte weiterhin in ihrer Zeit stattfindet, macht sie ja gerade in vielerlei Hinsicht lesbar.

CS: Es ist schon bemerkenswert: 1750 entwirft der Benedik­tinerpater Ferdinand Rosner eine neue Passionsspielstruktur, und keiner der nachfolgenden Autoren und Regisseure hat ­diese Struktur je wieder verlassen. Es gibt eine unausgesprochene Verabredung, dass man mit den Kostümen und dem Bühnenbild in irgendeiner Weise historisierend verfährt. Dass man Jesus in den Texten nicht ganz neu erfindet, sondern sich am Material der Evangelien orientiert. Trotzdem hat sich natürlich viel getan. Wir fühlen uns schon frei, gehen aber in der Grundstruktur mit der Tradition um, die über die Jahrzehnte entwickelt worden ist.

SH: Ein gewisser Respekt, der auch aus der enormen Erwartungshaltung resultiert, ist da. Und hinterfragt man zum Beispiel die Lebenden Bilder, ob so etwas noch zeitgemäß ist, kommt man schnell darauf, dass sie die Zuschauer nach wie vor ergreifen und wichtig für die Wirkung des Passionsspiels sind. Diese Tableaux vivants kamen im 18. Jahrhundert in Mode und wurden bald auch im Passionsspiel eingeführt. Die Oberammergauer waren also sehr am Puls der Zeit. Nach Johann Georg Langs Version des ­Passionsspiels zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es dann lange keine neuen Impulse mehr.

Veränderung oder Tradition? – Veränderung aus Tradition!

Auch die Veränderung des eigenen Anspruchs und Blickwinkels spielt also eine Rolle?

CS: Natürlich spiegelt sich auch die eigene Veränderung im Spiel. Wir können ja nicht stehen bleiben. Wir sind ja von Berufs wegen gefordert, uns immer wieder neu zu hinterfragen, uns immer wieder auseinanderzusetzen mit dem Ganzen.

SH: Die siebzig Jahre, in denen man die gleiche Aufführung immer nur wiederholt hat, haben dem Passionsspiel nicht gutgetan. Oberammergau als Wiege für schlechtes Sandalentheater? Das hat sich gewandelt: Ich lese oder höre heute oft vom Passionsspiel als Qualitätsbegriff für eine bestimmte Art, aufs Theater zu ­schauen. Genau da dranzubleiben, ist wichtig.

CS: Das „Wir wollen etwas bewahren“ und das „Wir wollen etwas verändern“ stehen eigentlich schon seit Beginn der Tradition gegeneinander. Spannenderweise ist diese Reibung im Dorf letztlich total wichtig und gehört dazu.

Hebräische Spannungsmomente in der Musik

Stellt die musikalische Weiterentwicklung dahingehend eine besondere Herausforderung dar?

MZ: Ja, bei der Musik ist Veränderung schwieriger. Vieles ist textgebunden, und bei neuen Nummern muss man in die Lyrik gehen. Bereits 2010 haben wir die Szene eingeführt, in der das Volk das „Sch’ma Israel“ singt. Die Farbe der hebräischen Sprache bringt eine ganz neue Stimmung ins Spiel. Unsere Intention war es, Jesus auch in seiner jüdischen Umgebung zu verorten und den Leuten klarzumachen, er war nicht der erste Christ, sondern einfach Kind seiner Zeit, seines Landes und Umfelds. 2022 fällt auch die Begleitmusik zum Kreuzweg aus dem üblichen Kontext: Aus Psalm 22 – „Eli, Eli, lama asabtani“ („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“) – habe ich ein paar essenzielle Sätze exzerpiert. – Eine Revolution wär’s natürlich zu sagen, man lässt das „Heil Dir“ weg oder das „Halleluja“. Aber sagen Sie einem Deutschen mal, er soll an Weihnachten nicht „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen, das geht dann einfach auch nicht!

Der Verzicht auf den Prologsprecher, der zweihundert Jahre lang zwischen den Spielszenen und den Lebenden Bildern auftrat, ist eine wichtige Neuerung 2022. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

CS: Die Musik war für die Oberammergauer und das Publikum immer schon sehr wichtig. Die Lebenden Bilder und die Musik sind ein Teil unserer Entwicklung. Ganz am Anfang kämpfte ja noch die Hölle gegen den Himmel. Luzifer hielt in der ersten Szene eine Spottrede auf das Publikum. Mit den Lebenden Bildern verschwand ab 1750, 1780 die Hölle immer mehr, auch aus den Texten. Durch diese Gliederung in zwölf Blöcke bewahren wir eine alte Form, die es fast nirgendwo anders mehr gibt. Die Musik ist da ein fester Bestandteil. Der Prolog aber, der diese Musik mit einem Text unterbricht, tat etwas, das nicht mehr in die Zeit passt: Er drängte dem Publikum Theologie auf, deutete die Szenen aus einer nachösterlichen Sicht und wies ständig darauf hin, dass wir durch Jesu Tod am Kreuz erlöst seien. Er ließ keinen Spielraum zur eigenen Interpretation und – noch schlimmer – er gab dem Publikum eine Art Moralpredigt mit auf den Weg. //

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Begleitband "Passionsspiele Oberammergau 2022", herausgegeben von der Gemeinde Oberammergau, Verlag Theater der Zeit.

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