Auftritt
Theater der Stadt Aalen: Komödienkunst wie ein Windhauch in den Wipfeln
„Eschenliebe“ von Theresia Walser – Regie und Bühne Tina Brüggemann, Kostüme Stephanie Krey
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Theresia Walser Theater der Stadt Aalen

Mit zwei Wassereimern läuft ein Mann durch die Stadt. Mitten in der Nacht steigt er in die Linie 5, um an den Stadtrand zu fahren, Da gießt er einen Baum. Er sei „einer, der glaubt, dass er mit zwei Eimern die Welt retten könne“, sagt sein Arbeitskollege Albert. Eine Welt, die nicht nur wegen des Klimawandels aus den Fugen geraten ist. In solch unsicheren Zeiten arbeitet Luc Teichmann als Versicherer. In ihrem Monodrama „Eschenliebe“ erzählt die Dramatikerin Theresia Walser nicht nur die Geschichte eines Menschen, der eins werden will mit der Natur. Mit ihrer Sprachkunst erschafft sie das Porträt eines Mannes, der dem Gefängnis seiner Büros entflieht. Dabei entfaltet sie einen Humor, der ansteckt. Die Regisseurin und Dramaturgin Tina Brüggemann fördert in ihrer Inszenierung am Theater der Stadt Aalen die erotische Komponente des Textes zu Tage.
Auf diesen Spagat lässt sich der Schauspieler Philipp Dürschmied mit enormer Kraft ein. Dass seine Figur mehr ist als der frustrierte Sachbearbeiter, der gefangen ist auf seinem Bürostuhl, das spürt man schnell. Mit leiser Stimme flirtet er mit seinem Baum, den er liebevoll „Ash“ nennt. Das ist die englische Übersetzung für Esche – das Wort hat aber eine doppelte Bedeutung und steht auch für Asche. Frühlingserwachen und Zerstörung, die beiden Gegenpole für die bekannte Dramatikerin Theresia Walser dicht beieinander. Diese Tiefendimension haucht der Schauspieler Dürschmied dem Text mit kraftvollem Körpertheater wunderschön ein. Im Feinripphemd steht er da und sagt „Ash“, dass er lieber das fliederfarbene Hemd angezogen hätte. In diesen Augenblicken ist er ein Liebender, der seiner Angebeteten gefallen will. Nur, dass die Schöne ein Baum ist. Stephanie Kreys Kostüme sind schlicht und einfach, holen den Liebesträumer auf den Boden der Wirklichkeit zurück.
Doch in seinen Träumen, da fliegt er davon. Auf der kleinen Bühne im Alten Rathaus in Aalen geizt Regisseurin Brüggemann nicht mit großen Bildern. Auf die leere Bühne ist das Bild einer riesigen Esche projiziert. Aus diesem Wunderwerk der Natur tritt der Schauspieler heraus. In dem 60-minütigen Theaterabend zoomt die Regisseurin das Naturbild näher heran. Dann wird der Schauspieler eins mit der knorrigen Rinde. Die Schönheit von Walsers Sprache bringen Brüggemann und Philipp Dürschmied ebenso schön zum Klingen wie den bodenständigen Humor, der dem Text innewohnt. Denn der Alltag des Protagonisten Luc Teichmann könnte düsterer nicht sein. Auf der Herrentoilette wird er von seinen Kollegen gedeckelt. Den Beruf erlebt er in Zeiten er Klimakatastrophe und politischer Krisen als sinnentleert. Theresia Walser zeichnet das Bild eines Menschen, er von seinem eigenen Leben entfremdet ist. Das gelingt ihr mit einer Komödienkunst, die so leicht ist wie ein Windhauch in den Wipfeln.
Dass das bemerkenswerte Monodrama nun nach seiner Uraufführung beim Kunstfest Weimar im Jahr 2023 am kleinen Theater Aalen auf der Ostalb herauskommt, hat eine besondere Vorgeschichte. Im Rahmen der Baden-Württembergischen Theatertage, die im Mai 2023 in Aalen stattfanden, stellte Walser den Text im Rahmen eines Stückemarkt vor, den Harald Müller von Theater der Zeit kuratiert hat. Der Herausgeber von Theater der Zeit und Verleger brachte damals neue Dramatik mit szenischen Lesungen und Gesprächen ins Festival ein. Damit unterstrich die innovative Bühne, die Tina Brüggemann und Tonio Kleinknecht gemeinsam leiten, die Bedeutung neuer Stück für das Gegenwartstheater. Zur Premiere von „Eschenliebe“ kam die Autorin auch selbst nach Aalen.
„Eschenliebe“ ist großes Schauspielertheater. Dass Philipp Dürschmied die Komplexität seiner Figur so großartig erfasst, macht den Reiz des 60-minütigen Abends aus. In der Nebenspielstätte des Aalener Theaters im Alten Rathaus, in dem schon Napoleon zu Gast war, ist Regisseurin Brüggemann ein zeitloses Plädoyer für die Liebe zur Natur gelungen. In Zeiten von Krieg und Zerstörung ist diese Botschaft größer und bedeutender denn je.
Erschienen am 26.3.2025