Theater der Zeit

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Theater der Weltveränderung

Milo Rau schreibt in zwei neuen Büchern vom Handeln mit ästhetischer und sozialer Fantasie

von Michael Helbing

Erschienen in: Theater der Zeit: Millennials im Theater – Eine Generation auf der Suche (11/2023)

Assoziationen: Buchrezensionen Milo Rau

„Die Zeiten fester Ensembles sind vorbei“, sagt Milo Rau und kritisiert „eine monolithische Vorstellung von künstlerischer Exzellenz“. Das Stadttheater gehöre „als Institution allen Menschen der Stadt“ und so, als „inklusiver Ort für alle“, sei es in seinen Anfängen auch gemeint gewesen, bevor es „wieder zu einem Ort für die Eliten“ geworden sei. In der Theaterwelt lebe immer noch „eine akademische Schauspieltradition“ weiter, „die zu einem vergangenen bourgeoisen Zeitalter gehört“. Im Übrigen findet er, „dass der Prozess wichtiger ist als die Premiere“, weshalb das Publikum nicht erst zum Endprodukt geladen werden darf. Und Kunst nur um der Kunst willen interessiert ihn sowieso nicht.

Das sind ein paar Schlaglichter auf die erhellendsten 115 von insgesamt dreihundertachtzig ja auch sonst immer sehr klugen, belesenen, reflektierten und pointierten Textseiten von, mit und zu Milo Rau, mit denen der Theaterregisseur seine üppige Personalbibliografie um zwei Bände anwachsen lässt. Es handelt sich hier um vier Gespräche, die der Kritiker Marijn Lims im Juni 2022 mit ihm führte und die Rau vielmehr als ihn selbst auch als praktizierenden Theaterkritiker zutage treten lassen. Ohnehin träumt er davon, „Kunst und Kunstkritik irgendwie zu kollektivieren und zu vergesellschaften…“

So lesen wir es in „Was Theater kann“, worin im Frühjahr neben diesen Gesprächen Raus Eröffnungsvortrag zu den Hannah Arendt Tagen 2018 und seine Ehrendoktor-Dankesrede in Gent 2021 publiziert wurden. Darauf folgte nun „Die Rückeroberung der Zukunft“: drei Zürcher Poetikvorlesungen vom November 2022. Da bleiben Dopplungen und Wiederholungen nicht aus. Rau dreht in der Gesamtschau mitunter Schleifen, sich aber kaum im Kreis.

Milo Rau, seit 2018 Intendant des NTGent – die erste Festanstellung im Leben des 46-jährigen Schweizers – und designierter Chef der Wiener Festwochen, behauptet in Theorie und Praxis sowie mit einem linearen (Kunst-)Geschichtsbild im Kopf im Grunde etwas, das landläufig bestritten wird: dass sich im oder mit dem Theater die Welt verändern ließe. Dabei rekurriert er wiederholt auf seine Arbeiten der Handlung und des Handelns, wie etwa das Theater- und Filmprojekt „Das Neue Evangelium“ im süditalienischen Matera, das mit Arbeitspapieren und Wohnungen für über tausend afrikanische Migrant:innen einherging, die zuvor auf mafiös geführten Plantagen schufteten, sowie mit einem gerechten Vertriebssystem für Tomaten. Und „Orest in Mossul“ zeitigte eine Filmausbildung vor Ort.

Dergleichen folgt dem „Globalen Realismus“, den der erklärte linksradikale Künstler und Aktivist Rau als sozialrevolutionäre Kunstform propagiert, in der ästhetische und soziale Fantasie sich gegenseitig bedingen. Das läuft selbstverständlich auf ein Programm der Indienststellung und Zweckbindung der Kunst hinaus. Und bisweilen lauert die Gefahr, Rau rede denjenigen, die im Theater einen Wert an sich hochhalten, eine Formalismusdebatte an den Hals. Das hat aber mit seinen Erfahrungen zu tun. Über die Bewegung brasilianischer Landarbeiter:innen ohne Boden, mit denen er „Antigone im Amazonas“ realisierte, erzählt er: „Sie wollen nur dann eine Geschichte erzählen oder Kunst produzieren, wenn es ihrem Anliegen dient“. So hätten sie „Antigone“ sofort „durch die Brille ihres Aktivismus’ gelesen.“

Engagierte Kunst oder politisches Theater, ließe sich sagen, sind für Milo Rau weiße Schimmel. Auf dem Weg zurück ins Theater reitet er auf ihnen aus ihm hinaus. „Meine Arbeit besteht darin, so zu tun, als wäre ein Raum (…) die Welt“, sagt er im Arendt-Vortrag. Zugleich wird ihm die Welt zum Theaterraum. Und seine Poetik, die Protest und Revolte einschließt, beschreibt er so: „Sie überwindet die Abgrenzungen, sie schafft unerwartete, unwahrscheinliche, schmerzhafte, aber eben auch wundervolle Solidaritäten“.

Der Theaterregisseur, der von der Soziologie zur Bühne kam, denkt jedenfalls in realistischen Dimensionen der Tragödie. Er sucht die Konflikte, preist das Scheitern ein und regt an zum Widerspruch. Sein Leitmotiv dafür hat er sich bei Pasolini geborgt: „Ich weiß sehr wohl, wie widersprüchlich man sein muss, um wirkliche konsequent zu sein“.

 

Milo Rau, „Was Theater kann“, Geparden Verlag, Zürich 2023, 192 Seiten, Print 26 Euro

Milo Rau, „Die Rückeroberung der Zukunft“, Rowohlt Verlag, Hamburg 2023, 176 Seiten, Print 22 EuroE-Book 19,99 Euro

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