Theater der Zeit

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Auftritt

Berliner Ensemble: Privilegierter Stillstand

„Drei Schwestern“ von Anton Tschechow – Regie Mateja Koležnik, Bühne Klaus Grünberg, Kostüme Ana Savić-Gecan, Musik Alen Sinkauz, Nenad Sinkauz, Choreografie Magdalena Reiter

von Nathalie Eckstein

Assoziationen: Theaterkritiken Berlin Mateja Koležnik Berliner Ensemble

In einer kalten Militärwelt prallen Sehnsucht, Selbsttäuschung und drohende Katastrophe aufeinander – beklemmend nah an unserer Gegenwart: Anton Tschechows „Drei Schwestern“ in der Regie von Mateja Koležnik am Berliner Ensemble zeigt ein elektrisiertes Schauspieler:innentheater zwischen Stillstand und Eskalation.
In einer kalten Militärwelt prallen Sehnsucht, Selbsttäuschung und drohende Katastrophe aufeinander – beklemmend nah an unserer Gegenwart: Anton Tschechows „Drei Schwestern“ in der Regie von Mateja Koležnik am Berliner Ensemble zeigt ein elektrisiertes Schauspieler:innentheater zwischen Stillstand und Eskalation.Foto: Jörg Brüggemann

Mascha (Constanze Becker) küsst Werschinin (Sebastian Zimmler) zum Abschied, klammernd, verzweifelt. Er bleibt ungerührt, macht sich los und geht. Mascha muss von ihren beiden Schwestern zurückgehalten werden, während sie unter Schreien zusammenbricht. Die Katastrophe der aneinander vorbei mäandernden Desintegrationsmonologe von Tschechows Drama nimmt ihren Lauf. Es ist großes Schauspieler:innentheater, das in der Inszenierung von „Drei Schwestern“ in der Regie von Mateja Koležnik im Berliner Ensemble auf die Bühne kommt. Die Fassung nach der Übersetzung von Angela Schanelec reduziert die Handlung und die Figuren auf das Wesentliche, arbeitet den Kern der Handlung und den Kern der Figuren heraus, behält aber noch genug Text für die Langatmigkeit der Monologe der nur um sich kreisenden Figuren. Und das kommt dem Ensemble in dieser letzten großen Premiere der Spielzeit am Haus zugute.

Olga (Bettina Hoppe) leidet an einem Burnout und häufigen Kopfschmerzen, bleibt hölzern, distanziert von ihren eigenen Gefühlen, für die es keinen Raum gibt. Constanze Becker legt Mascha überspannt an, zerrüttet. Lili Epply lässt Irina ebenso nahbar wie naiv wirken. Die Figuren sind dicht, die Schauspielerinnen überragend, präzise und vibrierend, als stünden sie unter Strom.

Bei Koležnik leben die drei Schwestern in einem Militärkomplex, in der alten Ordnung ihres verstorbenen Vaters, die Militärs gehen ein und aus, Zivilisten werden abgelehnt – die patriarchale Ordnung obliegt. Das Militärgebäude (Bühne Klaus Grünberg) besteht aus schwarzen Wänden, einer Treppe, die nach oben in die Privaträume führt, und einer durchsichtigen Fensterscheibe, die den Blick auf einen Flur freigibt, an dessen Wänden Karten hängen. Eine schwarz-weiße Einöde mit Kälte und Mücken an der polnischen Grenze.

Die Inszenierung legt sich in Zeit und Ort nicht genauer fest, stellt damit auf ihre Universalität der Charaktere ab. Eine nicht näher definierte Bedrohungssituation des 20. Jahrhunderts mit Kabeltelefon und metallisch klingenden Sirenen sowie dem Klang blechernen Kampfjets, die zum Schluss über das Haus fliegen. Die Ästhetik hat Anleihen eines alten Films, als mangele es an der Farbsättigung. Die Kostüme (Ana Savić-Gecan) sind in gedeckten Grün- und Grautönen gehalten. Irina trägt zwei Akte lang ein grüngemustertes Seventies-Kleid, Olga tritt in einem Lederkittel auf, die Militärs tragen Uniformen und Stiefel. Natascha (Marina Galic) durchbricht als einzige das gedeckte Farbmuster mit Lila- und Fliedertönen als Zeichen der neuen Ordnung, die langsam im Haus Einzug hält. Andrej (Paul Herwig) ist der traurige Clown, dessen Maske er zu Fasching trägt. Aber in ihrer selbstauferlegten Gefangenschaft und Isolation in sich selbst lebt keine der Figuren im Jetzt. Sie alle hängen entweder einer Vergangenheit an oder träumen von einer Zukunft, die sich nicht erfüllen wird. Die Sehnsüchte der Figuren nach Liebe, Arbeit, Erfüllung und einer Zukunft müssen unerfüllt bleiben.

„Kein Mensch ist bereit, den Preis für echte Veränderungen zu zahlen, solange die Speisekammer voll und das Zimmer warm ist“, wie Tschebutykin (Tilo Nest) als Tschechows Pistole selbst zu Beginn sagt. Und so wird es kommen. Der nicht näher spezifizierte Krieg dring zunehmend in die Räumlichkeiten der drei Schwestern ein, in Form von prügelnden jungen Männer (Koležniks kluger Bezug zwischen Militarismus, Krieg und Patriarchat – so wird auch der Hauptmann übergriffig), von Sirenengeheul, von Transportkisten und Gasmasken, und eskaliert schließlich als atomare Bedrohung. Die Figuren in ihrer Stasis und ihren Privilegien reagieren darauf nicht.

Damit hält die Inszenierung uns den Spiegel vor. Die drei Schwestern sind wir. Während die nukleare Bedrohung in Europa so aktuell ist wie nie, sich die Weltordnung zu einer des Krieges längst geändert hat, verharren wir, also das Publikum des Berliner Ensembles, in Handlungsunfähigkeit, halten an Ordnungen fest, die längst überholt sind und verharren in den Privilegien einer Situation, die ins Nichts führen muss. Pointiert wird das im Tanzen der drei Schwestern, zu „A far l’amore comicia tu“– trotzig im Angesicht der Katastrophe. Den Song gibt es übrigens auch als Cover auf Deutsch von Tony Holiday – „Tanze Samba mit mir“ – absurd genug, aber nur genauso absurd wie unsere Gegenwart.

Erschienen am 27.4.2026

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