Auftritt
Schauspiel Leipzig: Deutschland im Märchenwald
„Deutsche Märchen (& Super Creeps)“ von Thomas Köck (UA) – Regie Elsa-Sophie Jach, Bühne Jessica Rockstroh, Kostüme Sibylle Wallum, Musik Max Kühn
Assoziationen: Sachsen Theaterkritiken Dossier: Uraufführungen Thomas Köck Elsa-Sophie Jach Schauspiel Leipzig

„Die vornehmste Aufgabe aller Kunst besteht darin, kulturelle Identität zu pflegen“, schreibt die AfD in ihr Wahlprogramm für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Aber was passiert, wenn das Theater diese Erwartungshaltung ernst nimmt? Thomas Köck beantwortet die Frage in seinem neuen Stück „Deutsche Märchen (& Super Creeps)“, das als Auftragswerk am Schauspiel Leipzig uraufgeführt wurde.
Darin geht es um die ganz großen Fragen: Wer sind wir als Deutsche? Auf was gründen wir unsere Identität? Und was macht uns als Nation aus? Thomas Köck wählt für dieses Framing die Zeit der Brüder Grimm, als sich die deutschen Länder zum Nationalstaat formten. Die Grimms sammelten passend dazu ihre Märchen ein, die bei Köck schnell ihr Attribut „deutsch“ verlieren, wenn Schneewittchen und Co von französischen, „fremdländischen Urfassungen“ berichten. Köcks Botschaft lautet: Das Märchen von den „deutschen Märchen“ bleibt ein Märchen. Und das Gruseln, das der Untertitel „super creeps“ ins Spiel bringt, ist die Gewissheit, dass jene deutschen Wurzeln, die sich in Grimms Märchen finden, ein aufgesetztes Konstrukt bleiben.
Mehr noch: Bei ihrer Wurzelsuche treffen die Protagonisten im Laufe des Spiels haufenweise auf moderne Märchen, vor allem in der Politik. Die gesellschaftliche Mitte, der es gut gehen soll, ist ein solches Märchen, weil es inzwischen an Grenzen stößt und damit zum Stoff für ein neues Märchen wird. In ihnen sind die „Altparteien“ die Bösewichte. Mit dieser Identitätssuche bezieht sich das Stück deutlich auf das sogenannte „Regierungsprogramm“ der AfD in Sachsen-Anhalt, in dem für das Theater folgende „Aufgabe“ formuliert wird: Theater soll einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leisten, denn: „Die deutsche Identität ist auch das Resultat deutscher Kunst, vor allem der sich im öffentlichen Raum vollziehenden Bühnenkunst.“ Nur so ein Theater verdiene künftig Staats- und Steuergeld. Indem Köck spielplanmäßig genau auf AfD-Linie liegt, führt er die erwartete „Aufgabe“ ad absurdum. Allerdings: In Köcks Text taucht an keiner Stelle die AfD auf. Köck bleibt der analytisch-kritische – auch zynische – Beobachter der Gesellschaft und auf Distanz – wie hier: Cinderella, die amerikanische Form des Aschenputtels, wirft Aschenbrödel, der ostdeutschen Version aus dem DEFA-Film, vor: „Check mal deine Aggressionen und dein Wahlverhalten.“
Zu Beginn spielt das Stück vor dem roten Vorhang. In einem winzigen Spotlicht treten die Brüder Grimm auf und nacheinander allegorische Figuren: der Anfang, die Form, das Thema, der Sinn, die Argumente und auch der Punkt. Es entwickelt sich eine großartig gespielte Szene über gegenseitiges Zuhören, Verstehen und gesellschaftliches Miteinander, die dadurch konterkariert wird, dass jeder im viel zu kleinen Lichtkegel stehen will und die anderen notgedrungen wegdrängeln muss. Danach zeigt die Bühne (Jessica Rockstroh) einen betongrauen, portalfüllenden Bunker mit grünem Moosboden. Im Moos ist ein kreisrundes Loch. Das ist manchmal die Hölle und manchmal ein Teich und gleichzeitig ein Spiegel. Aus ihm wird Schneewittchen hervorkriechen. Oben hat der Bunker auch ein kreisrundes Loch, durch das Aschenputtel hinabschwebt, mit einem Heiligenschein aus weißen Friedenstauben. Am Ende verschwindet der Bunker komplett auf den Seitenbühnen und im Schnürboden. Dann sehen wir einen runden, romantisch gemalten Waldhorizont, der am Ende auch noch in Flammen aufgeht. Wagners „Götterdämmerung“ lässt grüßen.
Schneewittchen, Cinderella, Aschenputtel und Aschenbrödel kleiden sich sehr bewusst in schwarz, wie Witwen, weil sie sich von ihren Prinzen emanzipiert haben. Wie nebenbei fördert Köck die eigentlichen Wurzeln der Grimm’schen Märchen zutage, die auf patriarchalen Strukturen gründen oder – Beispiel Aschenputtel – Armut sakral verklären, um damit die realen, sozialen Missstände und Ursachen zu kaschieren. Die These lautet also, salopp gesagt: Wenn schon Identität, dann doch eher eine linke! Deswegen muss ab der Stückmitte Rotkäppchen ran, die feuerwehrrot hier ganz in Leder kommt. Sie hält dagegen, entpuppt sich als rechtspopulistische Influencerin, hat „gelernt zu lächeln, dort, wo das Geld zu Hause ist.“
Auch die modernen Märchenerzähler treten auf: ein sogenannter TV-Zwerg mit riesiger Zipfelmütze, der wie Thomas Gottschalk oder Markus Lanz deutsche Befindlichkeiten und Seelenlandschaften erkundet. Und es gibt mehrere Rheintöchter, die im Chor das aktuelle Bild einer deutschen Flusslandschaft „zwischen Chemikalien und Mikroplastik“ zeichnen. Sibylle Wallum hat Kostüme entworfen, die sich an der Epoche der Romantik orientieren und hier durch sichtbare Korsetts das Behauptete und Statuenhafte dieser Zeit betonen, dadurch Witz haben und hervorragend geschneidert sind. Und die Maske türmt wunderschöne Biedermeierfrisuren. So ausgestattet können die Schauspielerinnen und Schauspieler mit dem Stück viel anfangen und gut umgehen. 15 Personen stehen auf der Bühne und sind alle in Topform, wie sie das schnelle Pingpong der Dialoge sinnfällig gestalten.
Es sind auch zwei Livemusiker auf der Bühne, die Cello und Geige spielen und allerlei andere Sounds und Effekte beisteuern. Es gibt also eine durchgehende Tonspur – eine sehr zurückhaltende, die auch nur einmal eine bekannte Melodie zitiert: „Der Mond ist aufgegangen“, vorgetragen als trauriger Chor. Das passt zum deutschen Wald und zur deutschen Romantik. Im Grunde ist die Aufführung auch zeitgenössisches Musiktheater. Der ganze Abend wirkt mit der ständigen, kammermusikalischen Untermalung sehr melancholisch, wie ein Requiem aus Sprache und Musik. Ein Requiem auf Deutschland, das an einer langjährig eingeübten Realitätsverweigerung scheitert. Damit gelingt Regisseurin Elsa-Sophie Jach ästhetisch ein großer Wurf: Bild, Text, Ton, Licht, Video – alles ist präzise gearbeitet und mit vielen Querbezügen ineinander verzahnt. Ein toller Theaterabend!
Erschienen am 21.4.2026





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