Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Peter Kurth: Die Verwandlung (09/2016)

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September 2016. Zurück aus der Sommerpause, fragt man sich, was dieses Schönwetterwort eigentlich bedeutet: Pause – von was? Vom Alltag? In diesem Sommer sicherlich nicht. Wer nur halbwegs die Medien verfolgte, erlebte eine Reihe von fast (all-)täglichen Schreckensmeldungen. Nizza und die Folgen, der verhinderte Putsch in der Türkei und die Folgen, die Anschläge in Würzburg und Ansbach und die Folgen … Auch unsere Kolumnistin Kathrin Röggla holte die derzeitige Weltlage in einem Fahrstuhl in Thüringen ein. „Jetzt ist München dran“, sagte die Dame neben ihr und schaute sie vielsagend an, „als wäre demnächst eine andere Stadt an der Reihe. Und ist es auch.“

Die Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft und damit, als deren (Zerr-)Spiegel, auch das Theater stehen, scheinen über den Sommer noch einmal gewachsen. „War ich nicht hierhergefahren, um in Ruhe über den Konflikt nachzudenken, also den Konflikt als Motor eines Textes?“, fragt sich unsere Frau im Fahrstuhl Kathrin Röggla. Ja, schon. Aber wie, wenn täglich neue Erschütterungen hinzukommen, wenn der Konflikt in viele kleine, teilweise einander widersprechende Einzelkonflikte zerfällt?

Bezüglich der Türkei gibt es in dieser Ausgabe indes einen Vorschlag: Ersan Mondtag analysiert in seinem Text „Monsterehe“ das Verhältnis zwischen Angela Merkel und Recep Tayyip Erdogan, einem, wie er schreibt, veritablen Gut-Böse-Paar, unter dramentheoretischen Gesichtspunkten. Welche Parallelen finden sich in der Literatur-, Theater- oder Kinogeschichte, fragt der Regisseur und kommt dabei auf „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ – Erdoğan als „laute, vulgäre, zugleich empfindsame, brutale, grelle Martha, und George ist die akademische, wortwägende, alles in sich fressende, beobachtende Merkel“. Eine Lesart, die vor allem viel über George, also Merkel, verrät und den von ihr verwalteten Zustand unserer Demokratie.

Um die Lesbar- und damit Veränderbarkeit von Welt geht es auch in dem Essay von Boris Groys zum Neuen Realismus. Der derzeit in New York lehrende Philosoph beschreibt in einem großen gedanklichen Bogen vom Realismus des 19. Jahrhunderts bis in unser heutiges Internetzeitalter, warum die Avantgarde und Post-Avantgarde mit ihrer Auffassung der Kunst als Technologie, die jenseits aller Psychologie in der Lage sein sollte, die Welt auf technische Weise zu verändern, an ein Ende gekommen sind. Spannende Volte: Es ist tatsächlich der einst verpönte Realismus, der wieder Einzug hält in die Kunst.

Debatten? Peter Kurth sagt, er habe schon so manche Debatte über das Wie des Theaters kommen und gehen sehen. Er versuche lieber, die Dinge direkt auszudrücken. Ohne Gedöns. So schreibt es Otto Paul Burkhardt über den Schauspieler aus Stuttgart. Doch was heißt hier Stuttgart! Peter Kurth „hat zurzeit einen Lauf“, und das nicht nur mit Theaterrollen wie Onkel Wanja und dem Handlungsreisenden, sondern auch im Film: Im Mai gewann er für seine Titelrolle in dem Kinofilm „Herbert“ den Deutschen Schauspielerpreis – und kurz darauf den Deutschen Filmpreis. „Wie fühlt sich das an?“ – „Da freut man sich. Man genießt ein bisschen diese Aufmerksamkeit, und dann sollte man tunlichst wieder weiterarbeiten.“ Ohne Gedöns.

Im Sommer dürften auch viele Berliner Brandenburg durchquert haben, denn „wenn man zur Ostsee will“, witzelte schon Theaterbarde Rainald Grebe vor etlichen Jahren, muss man da durch. Will heißen: nicht hin, kein Halt nirgends. Wie falsch er damit lag, merkte nicht nur Grebe, der jetzt selbst in Brandenburg wohnt, sondern auch unsere Autoren, die für den Schwerpunkt Theater in Brandenburg die Häuser in Cottbus, Senftenberg, Potsdam, Schwedt und Brandenburg an der Havel besuchten. Mit unserem Künstlerinsert möchten wir in dieser Ausgabe der großen deutschen Kostümbildnerin Moidele Bickel gedenken, die am 17. Mai 2016 im Alter von 79 Jahren in Berlin verstarb. Wenige Monate vor ihrem Tod hatten die Kostümbildnerin Florence von Gerkan und Theater-der-Zeit-Cheflektorin Nicole Gronemeyer die Gelegenheit, mit ihr über ihre Arbeit für legendäre Regisseure wie Peter Stein, Luc Bondy und Patrice Chéreau zu sprechen. Schlagt keine Modezeitungen auf, war Moidele Bickels Rat, geht lieber auf die Straße und schaut euch die Leute an.

Zum Schluss noch eine Personalie: Seit August verstärkt als neuer Redakteur Jakob Hayner unser Team. Wir begrüßen ihn herzlich und freuen uns auf die Zusammenarbeit. //

Die Redaktion

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