Theater der Zeit

Anzeige

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Alexander Kluge: Tschukowskis Telefon – Umwege zum Realismus (12/2015)

Anzeige

Wieder beginnt ein Editorial in diesem Heft mit einem großen Unbehagen. Wieder fallen die Wörter Paris und Terror. Und wieder fühlt man sich den Ereignissen sehr nah. Bei den Attentaten am 13. November 2015 wurden Menschen getötet, die im Konzert waren, zum Sport gingen, im Café saßen, so wie man eben auch ins Theater geht, in die Oper, ins Tanzhaus. Die Auswirkungen der Anschläge lassen sich täglich aus den Medien ablesen: Ausnahmezustand in Frankreich, erhöhte Alarmbereitschaft in Europa, Terroralarm in Hannover, der französische Präsident François Hollande spricht von Krieg.

Den Pegida-Demonstranten in Dresden brachten die furchtbaren Ereignisse in Paris zunächst keinen neuen Zulauf – anders als nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo Anfang dieses Jahr. Dennoch steht Falk Richters Stück „FEAR“, das wir in diesem Heft abdrucken, wie eine schrille Warnung in diesem Kontext. Das Stück über Phobien, Hassprediger und die „neue Rechte“ in Deutschland, das an der Schaubühne Berlin zur Uraufführung kam, wurde kontrovers diskutiert; es gab Anfeindungen und Drohungen gegen Autor und Theater.

Begleitet wird dieser Stückabdruck von zwei Porträts: Renate Klett hat mit dem kongolesischen Tänzer und Choreografen Faustin Linyekula gesprochen; Dorte Lena Eilers war am Theater an der Ruhr in Mülheim zu Gast. Zwei Beispiele für Kunst, die es schafft, Leitungen zu legen über die hohen Mauern, mit denen sich Europa zunehmend abschottet. Es sind Leitungen, die in die Welt gehen: in den Kongo während und nach der Diktatur Mobutus, nach Algerien (und Frankreich) während des Unabhängigkeitskriegs, um Geschichte, Mechanismen und Geopolitik zu verstehen, die das Zusammenleben der Kulturen gefährden.

„Es gibt nicht nur den Engel der Geschichte, (…) der mit Blick auf die Schrecken der Vergangenheit rückwärts in die Zukunft geweht wird, sondern in den Vereinigten Vergangenheiten stecken so viele Kräfte, (…) dass wir unterhalb der Schwelle unseres Bewusstseins klüger sind, als es der Verstand erlaubt.“ Solche Sätze nimmt man nur wenigen ab. Alexander Kluge ist einer davon. Der Filmemacher und Schriftsteller legt in einem langen Gespräch mit Nicole Gronemeyer in unserer Reihe Neuer Realismus dar, welche Umwege ihn als eigentlichen Illusionisten zum Realismus führen. „Die Fähigkeit, Realist zu sein, heißt, dass ich gewissermaßen in dem Moment, in dem der Kasperle falsch läuft, ihm das Richtige zurufe.“

Darin trifft sich Kluge mit einem weiteren Jahrhundertkünstler in diesem Heft: Der große Dramatiker Tankred Dorst feiert am 19. Dezember seinen 90. Geburtstag. Ralph Hammerthaler hat ihn und seine Ehefrau Ursula Ehler in ihrer Berliner Wohnung besucht – auch um einen erneuten Versuch zu starten, in ihren Apothekerschrank zu schauen, der voll ist mit „Notizen, Zeitungsschnipsel( n), Fundstücke(n), jede Schublade ein mögliches Projekt. Genau betrachtet ist es ein Schrank der Utopien, was man sich am besten auf der Zunge zergehen lässt, denn Tankreds Werk erzählt vom Scheitern aller Zukunftsentwürfe.“ In Graz wurde zum Auftakt der Intendanz von Iris Laufenberg Tankred Dorsts „Merlin“ gespielt. Christoph Leibold berichtet darüber.

Gunnar Decker und Thomas Oberender porträtieren mit der Schauspielerin Inga Wolff und dem Regietrio Bianca van der Schoot, Suzan Boogaerdt und Susanne Kennedy in diesem Heft Künstlerinnen, die eigenwillig ihre ästhetischen Entwürfe auf die Bühne bringen: Wolff als Schauspielerin am Volkstheater Rostock, van der Schoot/Boogaerdt/Kennedy als Regisseurinnen enigmatischer Installationen. Im Künstlerinsert zeigen wir ihre Produktion „Hideous (wo)men“, die sich in einem „Akt abenteuerlicher Forschung in jenem Grenzland der neuen Fusionen (aus Natur und Künstlichem) bewegt, wo andere Daseinsformen entstehen (…), welche wir der Ökonomie und Politik wieder entwenden müssen, da sie grundsätzlich auch aus alten Fesseln hinausführen können“.

Kommen Sie gut ins neue Jahr. //

Die Redaktion

teilen:

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger