Theater der Zeit

Kommentar CORRECTIV-Recherche

„Emre“ is not amused

von Ayşe Güvendiren

Assoziationen: Debatte

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Eingerichtet ist ein langer, weiß gedeckter Tisch an diesem Theaterabend. Das szenische Setting, ein nobles Ambiente. Final performativ zurecht- und hübschgestutzt durch die letzten Handgriffe jene:r, die an diesem Abend nach und nach in die in aller Kürze erarbeiteten Rollen schlüpfen werden, um mit den Mitteln des Theaters weitere bislang nicht öffentlich gemachte Recherchergebnisse des Investigativ-Kolletivs Correctiv zu dem rechtsextremistischen „Geheimplan gegen Deutschland“ dem Publikum im Theater vor Ort und in der Liveübertragung vor den Bildschirmen sitzen zu offenbaren. 

Ich nehme, wie viele andere, gespannt vor dem Bildschirm Platz.
Das Warten, kaum auszuhalten.

Was nun folgt, ist die theatrale Darbietung der Schlüsselszenen des Geheimtreffens von Politiker:innen und Rechtsextremist:innen, die eine politisch-rechtliche Grundlage für Massen(zwangs)remigration (kurzum Deportation) von Bürger:innen dieses Landes schaffen wollen: Es ist eine Art Reenactment, künstlerisch übersetzt in eine Mischung aus Lesung, Szenenschauspiel und Kommentaren, dass das geheime Treffen ohne den genauen Wortlaut der Reden der Akteur:innen des Treffens wiederzugeben, nachstellt. Die Protokolle der Gespräche seien aus der Erinnerung herausgeschrieben, manches sei gar fiktional, heißt es. Jede:r Darstellende betont repetitiv die Identität als Schauspieler:in, bevor es zur jeweiligen Rolle übergeht. Wahrscheinlich auch und vor allem, um sich rechtlich abzusichern und womöglich eingehende Klagen und Anzeigen abzuwehren. 

Eins liegt auf der Hand: Es ist ein Abend, der sich große politische Wirksamkeit verspricht. Es ist der Versuch, in Form einer szenischen Lesung investigativen Journalismus und Theater miteinander zu verbinden. Es ist die Bereitschaft, mit Mitteln und Ressourcen des Theaters das Grauen rechter und rassistischer Gewalt sichtbar, erkennbar und vor allem erfahrbar zu machen. Der Wunsch, Haltung zu zeigen; ein Wille, den ich hoch anrechne und verteidige. Denn die Sehnsucht, Theater (wieder) als politisch-gesellschaftsrelevanten Ort zu etablieren, teile ich: Es ist wichtig, dass Kunst- und Kulturinstitutionen sich Themen wie diesen annehmen, sich damit auseinandersetzen und das Publikum sowie sich selbst dem inhaltlich aussetzen.

Und doch: So respektabel die Intention sicherlich auch gewesen sein mag, dieser Abend hat mich, deren Verschwinden aus Deutschland organisiert werden soll und viele weitere der fünfundzwanzig Millionen vermeintlich zu Deportierenden, ganz gleich, ob mit oder ohne deutschen Pass, zutiefst verletzt. Darf ich mich vorstellen? Anders als jene, die den Abend als – ich zitiere – „einen Abend, der Mut macht“ empfanden, bin ich eine von denen, die von der Ironie dieses Abends verschluckt wurde. Dieser Abend hat mir nicht Mut gemacht. Er hat mir Mut genommen. 

Statt einer Ernsthaftigkeit, die zu dem Anlass des Abends geboten, oder zumindest einer anderen Grundhaltung, die der Thematik zu rechter und rassistischer Gewalt gerecht(er) geworden wäre, habe ich knapp sechzig Minuten geballte Ironie, Sarkasmus, gar zynische Darbietung deutscher Theaterkunst miterlebt. Durch anmaßendes, teils übergriffiges Witzeln wurde die Realität der Gewalt schlichtweg banalisiert. Man verlor die Schwere der Thematik aus den Augen, während sich manch einer sogar an seinen Lachern verschluckte. Mein Fazit: Diese Leichtigkeit hat die Message des Abends untergraben. Leider. Lasst es mich erklären. 

Theater hat Macht. Theater hat Verantwortung. Theater hat Tragweite. Doch es ist die Hybris, die Held:innen zu Fall bringt. Was als politisches Statement gedacht war, wurde zum Schauplatz einer Tragödie. Denn, mit Verlaub, unsere Deportation wurde zu eurer Unterhaltung.

Meine Schwester sucht seit Tagen immer wieder mein Zimmer auf, um zu fragen „ob wir jetzt denn wirklich alle abgeschoben werden.“ Meine Mutter rätselt, ob ihr Hijab „als Zeichen von nicht-assimiliert-genug“ zählen könnte. Mein Vater macht sich Sorgen wegen seiner Sprachkenntnisse. Während sich manche für den Unterhaltungsfaktor „Tschüsseldorf!“ – Witzchen erlauben, bangen Andere also ganz real um ihre Liebsten und fürchten sich vor dem faktisch möglichen Abschiednehmenmüssen. So schaut die Realität meiner Familie und die der Familien von Millionen in diesem Land aus; ein Alltag mit Ängsten und Verletzlichkeiten. Ganz ohne Witz.

Dieser Humor hat mich nicht unterhalten, er hat mich entsetzt. Das gesellschaftliche Verlachen von rechter und rassistischer Gewalt hat mich nicht erleichtert, es hat mir zugesetzt. Das Verwitzeln der Gefahr hat mir keine Kraft gegeben, es hat mich in überwältigender Ohnmacht, Hilflosigkeit und Wut zurückgelassen. Beklatscht und umjubelt vom zu einem Großteil weiß-bürgerlichen Abopublikum gab es Standig ovations für einen Abend, der Informationen um die akute Gefahr durch Rassist:innen und Rechtsradikale in diesem Land dermaßen ins Lächerliche zog, dass es den Inhalt nahezu aushöhlte und die reale Bedrohung durch Humor verklärte. Ich frage mich, wieviel Humor zulässig und wieviel Humor fahrlässig ist. Und damit bin ich (nicht) allein.

Bevor mich jemand belehrt: Kunst darf ironisieren. Kunst darf überspitzen. Gesichert durch die im Grundgesetz verankerte Kunstfreiheit, muss sie das auch dürfen. Ich weiß. Ich habe sechs Jahre Jurastudium hinter mir. Kunst darf. Aber muss Kunst? Muss sie ironisieren, muss sie überspitzen? Sie darf, richtig und wichtig, aber muss sie Karikaturen schaffen? Muss sie verlachen, was viele von uns potenziell so sehr schmerzt? Diese Frage drängt sich mir an diesem Abend mehr denn je auf. Muss sie sich lächerlich machen über politische Zustände, die große Ängste und Verletzlichkeiten in Millionen von Menschen in diesem Land auslösen? Während ein Teil unserer Gesellschaft, an diesem Abend markiert durch den Namen „Emre“, sich tagein tagaus blutige Nasen holt, kann und darf manch Einer (als nicht Betroffener) „red-nose-Rudolph“ Renntierwitze reißen, klar. Aber musst du das? Musst du das wirklich? Kannst du „Emre“ nicht einfach verdammt nochmal ein Taschentuch reichen, ohne dabei auf seine Kosten zu witzeln?

Das Theater sei der Spiegel der Gesellschaft, sagen manche verträumte Theaterromantiker:innen. Ein Spiegel war Theater auch an jenem Abend. Der Ton dieses Abends, bissig. Zynisch. Selbstsicher. Gefällig. Und vor allem: eitel. Man fühlte sich moralisch erhaben. Die vermeintliche Überlegenheit schwang permanent mit. Nicht nur auf und hinter der Bühne. Sondern auch davor. Im Theatersaal. Im Publikum. Hinter den Bildschirmen: Gelächter. Wir haben sie reingelegt und mit den Mitteln der Kunst geschlagen. Wir haben Rassisten entlarvt! Das ist der Eindruck, der bleibt. 
Durch unsere Hybris haben wir es (erneut) versäumt, das Ausmaß der Gefahr, das in Deutschland von rassistischer und rechter Gewalt ausgeht, zu erkennen und sie ernst zu nehmen. Wir haben sie belächelt. Uns in Sicherheit gewähnt. Wir haben es nicht geschafft: Weder im Bundestag noch in Bildungsinstitutionen. Weder auf dem Spielplatz noch auf dem Arbeitsmarkt. In den Behörden. In den öffentlichen Verkehrsmitteln. In den Medien. Nirgends. Weder Büro noch im Theater. Nicht in unseren Talkshows, nicht in unseren Bestsellerlisten. Und das ist Teil des Problems. Wir sind Teil des Problems. Die Kulissen dieser Kämpfe sind überall. Aber wir haben es nicht gesehen. Wir haben weggeschaut. Es war fahrlässig. Wir waren nachlässig. Wehret den Anfängen heißt es, doch rechte und rassistische Gewalt beginnt nicht erst bei einer Deportation, sie endet dort. Oder in einem Brandanschlag; in einer Shishabar; in einem Mc Donalds. Oder. Oder. Oder.

Der Einwand: Ironie als vermeintliches Allheilmittel. Denn Ironie mache die Dunkelheit erträglicher, so die Theorie. Theater sollte aber kein Versteck für die Realitätsflüchtigen, sondern ein intersektionaler Raum für Reflexion von Realitätsverweigernern sein. Wir als Theaterlandschaft haben auch die Verpflichtung, in unseren inszenatorischen Ansätzen, die komplexen Dimensionen der Befindlichkeiten marginalisierter Menschen in diesem Land mitzudenken. Dafür braucht es eben nicht nur Solidarität, sondern auch und vor allem Sensibilität. Ironie ist in diesem Fall, für diejenigen, die rechte und rassistische Gewalt am eigenen Leib erfahren, nämlich mehr als Witz. Es sind Lacher auf Kosten ihrer gelebten Wirklichkeit. Diese Realität, die migrantisch markierte Menschen Tag für Tag heimsucht, ist real. Eine Realität, die schon viele Menschen gezeichnet, sie ihre Gesundheit gekostet und Menschenleben genommen hat. Eine Wirklichkeit die mitnichten von dieser Inszenierung eingefangen und reflektiert wurde. Oder gar verstanden. Denn die Bühne ist nicht nur ein Ort der Unterhaltung, sondern auch ein Ort unserer kollektiven Verantwortung. Nicht nur den jenen gegenüber, deren Aussortierung noch in Planung ist, sondern auch jenen gegenüber, die – und das mag jetzt zugegeben hart klingen – bereits „aussortiert“ wurden. In Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, München. In Halle, Dortmund, Kassel, Berlin. In Dresden, in Mannheim. Nürnberg. Die Landkarte der BRD ist ein einziger großer Friedhof.

Enver Şimşek, Oury Jalloh, Ferdane Satır, Mehmet Kubaşık, Bahide Arslan, Theodoros Boulgarides, Can Leyla, Gökhan Gültekin, Gülüstan Öztürk, Ayşe Yılmaz, Guiliano Kollmann, …. die Liste von Menschen, die Opfer von rechter und rassistischer Gewalt wurden, ist lang. Ob ihre Familienangehörigen, die Überlebenden und Hinterbliebenen über den Witz dieses Theaterabends lachen konnten?
Ich glaube kaum. Nein, ich weiß es: Sie haben nicht gelacht.

In diesem Sinne Tschüsseldorf!
Euer „Emre“, eh. Ayşe
Eure Ayşe

Erschienen am 24.1.2024

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