Kommentar
Volksbühne mit Volksbad
Die Pressekonferenz im wiedereröffneten Prater gab einen Ausblick auf ein extrem gemischtes Programm der ersten Spielzeit von Matthias Lilienthal
von Thomas Irmer
Assoziationen: Berlin Florentina Holzinger Matthias Lilienthal Volksbühne Berlin
Der schönste Auftritt noch vor Beginn der Pressekonferenz: der Pratersaal. Nach jahrelanger Renovierung und bühnentechnischer Erneuerung strahlt er den hereinströmenden Journalist:innen verheißungsvoll entgegen. Die letzten künstlerischen Bewohner waren Vegard Vinge und Ida Müller mit einer Oper, die nie rauskam, das ist mehr als zehn Jahre her. Jetzt würde die 156. Spielzeit eröffnet, sagt Lilienthal einleitend, und hat dabei die Leerstandsjahre mit eingerechnet.
Dann übernimmt Damian Rebgetz mit charmantem Akzent die Moderation, Schauspielkompagnon aus Lilienthals Intendanz der Münchner Kammerspiele. Anta Recke wird den Roman „Perfection“ von Vincenzo Latronico auf die Bühne des Praters bringen, der von zwei Teilzeit-Berlinern der Hipsterjahre von 2000 bis zu Corona handelt und sozusagen ein Berlin-Roman ohne Berliner ist. Das kann man durchaus symbolisch für vieles in dem Programm sehen. Rimini Protokoll beschäftigen sich zwar mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, aber aus der Perspektive von zehn verschiedenen Orten der Welt – zur Eröffnung im ganzen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz als Parcours. Dagegen ist das Drehbuch von Thomas Brasch „Alles Glück der Welt“, das Lena Brasch uraufführen wird, eine echte Groteske-Zukunft-Geschichte aus dem alten West-Berlin mit einem Schuss „Goodbye Lenin“ dazu.
Zwischenzeitlich verschob sich die Veranstaltung zu einem ausgedehnten Arbeitsgespräch mit den beiden brasilianischen Choreografen Wallace Ferreira und Davi Pontes, das in drei Sprachen – aus dem Portugiesischen und Englischen übersetzt – sich immer mehr verzettelte und kaum Erkenntnisse brachte. Man sah viele Kolleg:innen auf ihren Handys rumtippen, wo in einigen Fällen auch die roten Schaltflächen von Spiegel Online hin und her geschoben wurden. Die Volksbühne öffnet sich international dem zeitgenössischen Tanz, das wusste man auch vorher schon, und Marlene Monteiro Freitas saß auch mit vor der Bühne, um ihre Produktion „Blimund“ nach einem kapverdischen Volkserzählung zu erläutern.
Vom Ensemble war niemand mit vorn, im Hintergrund flackerten in endloser Wiederholung TikTok-artige Bilder aus dem Alltag von Lena Brasch, Satoko Ichihara und Ferreira/Pontes. Der Hausherr verkündete in gewohnter Nonchalance, dass er sich in einer Mischung aus Verzweiflung und Vorfreude befinde. Die Ausrichtung verschiebt sich von Ost zu Süd mit der Erweiterung zum Tanz, brachte er es auf den Punkt. Spartengrenzen seien ihm sowieso wurscht. Ein echtes As hatte er dann doch noch im Ärmel seines T-Shirts: Das Volksbad, ein 25-Meter-Schwimmbecken auf dem Rosa-Luxemburg-Platz wird am 7. August eröffnet, auch als Protest gegen den Verfall öffentlicher Einrichtungen in Berlin. Und ja, da wird auch Florentina Holzinger, deren Wasserbecken-„Ophelia“ im Repertoire bleibt, mal zum Planschen vorbeikommen. Man darf gespannt sein.
Vollständiges Programm unter Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – zur Spielzeit 2026/2027
Erschienen am 2.6.2026




















