Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Thema Ukraine: Serhij Zhadan „Lieder von Vertreibung und Nimmerwiederkehr“ (04/2022)

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Wie kann eine Theaterzeitschrift auf diesen Kriegsbeginn reagieren? Wenn man ukrainische Theaterleute, die in Kellern sitzen oder fliehen müssen, persönlich kennt? Wenn man russische Theaterleute kennt, die ebenfalls fliehen müssen, die mutig auf Demonstrationen gehen und dafür verhaftet werden oder eben mit zusammengepressten Lippen fassungslos zuschauen, wie ihre in der ganzen Welt geschätzte Theaterkultur innerhalb weniger Wochen in diesem Krieg mit untergeht?

Serhij Zhadans Text „Lieder von Vertreibung und Nimmerwiederkehr“, dessen Uraufführung noch im letzten Heft als „aktuell brisanteste Produktion“ der Münchner Biennale für neues Musiktheater angekündigt war, hat sich als prophetisch erwiesen. Als erschreckend prophetisch. Aber auch als Gabe der Literatur, die mehr sieht als alle Medien (und wohl auch Geheimdienste) zusammen. Zhadan, der in Charkiw lebt und dort momentan bei der Evakuierung hilft, dabei sein Leben riskiert, hat nicht nur in diesem Theatertext das Entsetzliche vorausgesehen, sondern auch schon in seinem letzten Gedichtband „Antenne“ von 2020. Nur eine Zeile als Bespiel: „Die Welten der Mietwohnungen kippen.“

Marina Dawydowa, die wichtigste Theaterkritikerin Russlands, künstlerische Leiterin des internationalen Theaterfestivals NET in Moskau und Chefredakteurin der Zeitschrift Teatr, veröffentlichte auf deren Facebook-Seite einen Aufruf gegen den Krieg in der Ukraine. Sie musste fliehen, nachdem man an die Tür ihrer Moskauer Wohnung ein „Z“ geschmiert hat, jenes ominöse Zeichen in diesem Krieg. Dawydowa gelangte nach ihrem von einer geheimpolizeilichen Befragung eingeschüchterten Grenzübertritt nach Vilnius. In einer ersten E-Mail schrieb sie: „Wir brauchen Verträge, Arbeitsmöglichkeiten, Geld.“ Nicht nur die symbolische Solidarität, die freilich auch wichtig ist. Und erwartet wird das Erkennen derjenigen russischen Künstler und Intellektuellen, die sich nicht im Putin-System die Hände und den Geist schmutzig gemacht haben und dafür belohnt wurden. Die in St. Petersburg geborene Autorin Lena Gorelik kommentiert nebenstehend diese Frage von Boykott und Beziehungen. Junge ukrainische Theaterkünstler:innen sprechen über ihre Situation, nach der Flucht oder hier bereits in den Theatern angekommen, aber deshalb ja nicht weniger mit der Not dort verbunden, oder gar aus einem Versteck in der Ukraine. Es ist zu erwarten, dass sich ein Theater der ukrainischen Emigration bilden wird, nicht allein deshalb, weil es in diesem Krieg auch um die Bewahrung der ukrainischen Kultur und Sprache geht. Wie konkrete Hilfe dafür aussieht, da ist auch die Kulturpolitik gefordert. //

Thomas Irmer

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