Theater der Zeit

Auftritt

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: Zwischen Kult, Adoleszenz und fröhlichem Dilettantismus

„Rotmilch Energy Eine romantische Konfession“ von Franz Beil, Susanne Bredehöft, Ann Göbel, Magic Malini, Leonard Neumann, L.E.K.N., Die Spinnen, Prinzessin Feuerwasser, spezialisierten Gästen und einem Embryo – Bühne Leonard Neumann, Kostüme Daniela Zorrozua

von Tom Mustroph

Assoziationen: Berlin Theaterkritiken Volksbühne Berlin

Magic Malini in „Rotmilch Energy“ an der Volksbühne. Foto Selçuk
Magic Malini in „Rotmilch Energy“ an der VolksbühneFoto: Selçuk

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Auf der Bühne tummeln sich unter anderem ein Plastikdrachen, zwei Mütter, eine davon im Rollstuhl und mit Beinprothesen, sowie vier Kinder. Letztere sind allesamt schon ausgewachsen, dabei nicht unbedingt erwachsen. Eine Figur ist schwanger, und wie Darstellerin Ann Göbel mit ihrer zum, naja, Markenzeichen gewordenen Nölstimme wiederholt verkündet, war das „Ficken“ mit acht Männern Ursache der einem bestimmten Erzeuger nicht mehr zuzuordnenden Befruchtung.

Ordinär ist eine Grundstimmung des Abends. „Magic Malini“ – unter seinem bürgerlichen Namen Maximilian Brauer wie Göbel auch einst an der Volksbühnenjugendgruppe P 14 künstlerisch sozialisiert – zieht sich etwa das Mikrofon durch den nackten Hintern, was Partnerin Göbel zu schrillen Schreien animiert. Von ähnlicher Güteklasse sind die Wurstkonserven, die Brauer verteilt – und die bei Göbel ebenfalls Entsetzen auslösen. Das alles spielt sich vor einem klassizistischen Portal ab (Bühnenbild Leonard Neumann, Sohn vom legendären Bert). Auch noch dabei sind ein großer Wagen, der an die Brecht’sche Marketenderin Mutter Courage erinnert sowie die vierköpfige „Band ohne Namen“. Die ist nicht identisch mit der gleichnamig namenlosen Band der 1990er Jahre. Statt des gefällig in die Ohren dringenden Pop der Vorgängerformation dreschen, fingern und pusten diese vier Herren immerhin brachialen Punk Rock aus ihren Instrumenten. Angetan sind sie mit Pluderhosen und ähnlich ausladenden Oberteilen, die im Mittelalter Mode wurden, kurz nachdem die nicht sehr tragefreundlichen metallenen Rüstungen abgelegt wurden (Kostüme Daniela Zorrozua).

Mittelalter ist auch ein gutes Stichwort für die Show. Denn Brauers Figur Simplon ist eine Version von Grimmelshausens Simplicissimus. Das war ein Kriegsheld (oder soll man sagen: Antikriegsheld?) aus der 30-jährigen Schlächterei, die halb Europa so verwüstete, wie es Putins bewaffnete Horden derzeit mit der Ukraine in wesentlich kürzerer Zeit anstellen. Auf den Dreißigjährigen Krieg verweisen selbstverständlich auch der Planwagen sowie die altmodisch gestelzte Sprache, der sich vor allem Brauer und sein Bruderdarsteller Franz Beil immer wieder befleißigen.

Und weil man dem Krieg so schön die niedersten Instinkte zuschreiben kann, suhlen sich Magic Malini & Co. dann eben auch in analen, vaginalen und phallischen Orgien. Das hat teilweise komischen Charakter, wenn Brauer sein Glied durch ein kleines Loch in einem Hocker zu zwingen versucht. Immerhin ödipale Qualitäten werden beim Brustnuckeln an der Mutter (Susanne Bredehöft) erreicht. Aber eigentlich bleibt es pubertär.

Auf die Mittelalterschicht wird im Verlaufe des Abends noch die Romantik draufgelegt. Caspar David Friedrichs Kreidefelsen kommt ins Spiel. Auch aus Heinrich Heines „Harzreise“ wird zitiert. Nicht gesittet zitiert natürlich. Der Text über den Besuch auf dem Hexengipfel Brocken wird vielmehr mikrofonverstärkt in eine Emailleschüssel gebrüllt. Auch Puppenspiel mit Großprojektion auf die Bühne wird geboten, Fingerfarbenmalerei als performative Ausdrucksform benutzt.

All diese Schichtungen sind kultur- und theaterhistorisch nicht uninteressant. Sie deuten die Belesenheit des spiritus rector Magic Malini an. Und auch der Simplicissismus selbst war ja eine Oberschichtsfigur, die selbst im tiefsten Elend noch literarische Funken zu erzeugen wusste.

In welche Richtung der ganze Abend aber driften sollte, wird nicht so recht erkennbar. Immerhin schafft er in Zeiten von Trübnis und latenter Überforderung durch die politischen und sozialen Multikrisen eine Art Freiraum. Derart ästhetisch und intellektuell unterfordert war man seit langem nicht. Und weil die Band auch groovigen Sound erzeugt, der manchen Kopf und manchen Fuß im Publikum zum Schwingen bringt, bleibt man dann doch.

So langsam schälen sich im Chaos sogar Regeln heraus. Die erste lautet: Jeder zweite im Probenprozess entwickelte Gag muss unbedingt vorgestellt werden. Magic Malini droht deshalb wiederholt mit einer und noch einer Extrastunde Performance, um alles unterbringen zu können. Das war auch in Vorgängerproduktionen der Crew, etwa bei „F for Factory“ im Wiener Schauspielhaus, der Fall.  Zweite Regel scheint: So lange spielen zu wollen, bis nur noch ein Minimum an Publikum im Saale ist. Running Gag war der Versuch von Magic Malini, Entweichende noch aufhalten zu wollen. Die genaue Zielmarke des Zuschauerschwunds kann ich allerdings nicht benennen. Bei etwa 30 Personen diesseits der Rampe (von ursprünglich um die 200) verließ er dann, es war noch vor Mitternacht, die am frühen Abend begonnen habende Show.

Denn zu offensichtlich wurde in deren Verlauf, dass alles Wüten gegen Regeln und Konventionen dann doch zu einem eminent reaktionären Machttableau erstarrte. Im Zentrum agiert ein entgrenzter Berserker. Um ihn herum kreisen Gestalten, die teils erstaunt, teils belustigt auf das Geschehen starren, als würden sie es selbst zum ersten Mal an diesem Abend erblicken. Mitunter gaben sie auch Hilfestellungen, waren aber niemals mehr als Hinweisgeber, side acts und Begleiter. Frauenfiguren wurden aufs Nähren und Gebären reduziert, ganz so, als würde auf der Volksbühne schon vorausschauend das Kulturprogramm der immer stärker werdenden Heim- & Herdpartei mit den blauen Symbolen umgesetzt. Etwas Energie führt „Rotmilch Energy“ aber tatsächlich zu. Der Abend bietet, hat man erst die Zorn- und Verwirrungsphase überwunden, Erholung durch Unterforderung.

Erschienen am 22.3.2024

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