Gespräch
Die Zerlegung eines Teebeutels
Grünschnabel 2024 an Moritz Praxmarer
von Sibylle Heiniger und Moritz Praxmarer
Erschienen in: double 51: Worte formen – Zum Verhältnis von Puppe und Text (04/2025)
Assoziationen: Akteur:innen

Objekte, Gegenstände, Materialien ... Ich weiss gar nicht genau wieso, aber mich haben diese Dinge schon immer irgendwie magisch angezogen. Ich schaue, was ein Gegenstand alles kann, woran er mich erinnert, was er mir erzählt. Außerdem höre ich zu. Stories, Anekdoten, absurde Alltagsmomente, Situationskomik, Antihelden – gute Geschichten faszinieren mich. Dass ich jetzt Objekttheater mache, folgt nicht einer langjährigen Planung – sondern der Logik einer künstlerischen Entwicklung.
Früher habe ich noch viel mehr mit Video gearbeitet. Mit einem Auge nahe an etwas herangehen, mein Auge anderen zugänglich machen, das interessiert mich. In meinem B.A. in Prozessgestaltung in Basel entstand das Kollektiv „Hotel Regina“. Wir machen viele Performances im öffentlichen Raum und versuchen die Menschen zu einem Perspektivwechsel auf ihre Umgebung einzuladen. Danach habe ich in Frankreich Schauspiel studiert, alles andere habe ich mir selbst beigebracht.
Im Masterstudium „Expanded Theatre“ an der Hochschule der Künste Bern hoffte ich, all meine vorherigen Kunstformen zu verbinden. Der Studiengang ist sehr offen, drängt einem keine Richtung auf und so fand ich diese Verbindung im Objekttheater. Hier erlebe ich die Grenzen zwischen verschiedenen Disziplinen fliessender und deshalb auch offener für Generalist*innen wie mich. Objekttheater folgt weniger einer Tradition, das klassische Schauspiel hat eine längere, verbindlichere Geschichte.
Den Dingen auf den Grund gehen
Über längere Zeit in meinem Leben hatte ich immer einen Leatherman dabei. Ein multifunktionales, handliches Werkzeug, mit dem ich alles aufschrauben oder entzweischneiden konnte. Das gab mir ein Gefühl von Kompetenz – ich konnte mit der Umgebung, den Dingen interagieren.
So entdecke ich die Welt um mich: durch Anfassen, Ausprobieren, Spielen, Testen. Über Prokrastination vielleicht auch.
Das Material lügt nicht, es verhält sich; es tut, was es eben tut. Und so fängt es an, zu spielen, etwas zu erzählen, mit eigenen Regeln und Qualitäten. Ich kann seine physikalischen Eigenheiten nicht manipulieren. Aber ich kann mich dazu verhalten und dadurch entsteht ein Dialog. Mir liegt dieses „Sprechen“ mit dem Material. Ich beobachte. Wann bricht es? Verbiegt es sich? Brennt es? Wo ist der Balancepunkt?
Wir alle haben einen Bezug zu Material, ich würde es als einen nicht-intellektuellen Zugang beschreiben. Wenn etwas mit dem Material auf der Bühne geschieht, haben alle einen körperlichen Bezug dazu. Jede*r weiss, wie es sich anfühlt.
Bei „The Story of Larry“ sitzt das Publikum mit mir an einem Tisch und trinkt Tee. So wie ich, als ich die Geschichte zum ersten Mal hörte, denn es ist eine wahre Geschichte. Drei Uhr morgens, alle kommen zurück nach einer durchzechten Nacht, man trinkt am Tisch noch einen Tee und dann kommen die Geschichten. In so einen Abend wollte ich das Publikum führen.
Wenn ich an einem Tisch sitze, dann spiele ich mit allem, was da rumliegt. Larry sitzt am Tisch und will fliegen. Wenn man an den Teebeutel bläst, dreht er sich und klingt wie ein Hubschrauber, das passt.
Gyula Molnàr sagte mal, dass du einem bestimmten Gegenstand folgen musst, um ihm auf den Grund zu gehen. Also zerlege ich den Teebeutel: Da ist eine Schnur, das Teepulver, ein Stück Stoff. Daraus entsteht unter anderem das Figürchen, Larry. Und vollgesogen mit Tee, verdreht sich sein Körper, das konnte ich mir nicht im Voraus ausdenken.
Aber wir alle hatten schon mal einen Teebeutel in der Hand – der Logik der Bilder, die daraus entstehen, können alle folgen. Ich denke, dadurch wird Objekttheater für Kinder wie für Erwachsene interessant. Wir gehen alle vom Gleichen aus. Und ab da übernimmt die individuelle Fantasie.
Sehgewohnheiten hinterfragen
Wieso ist ein Teebeutel so gebaut? Das ist für mich auch eine politische Frage. Ich untersuche mit meiner Arbeit die Dinge und fordere dazu auf, ein zweites Mal hinzusehen und sich zu fragen, was sehe ich noch? Ich möchte sagen: Schaut hin, lasst uns die Dinge nicht einfach so akzeptieren, wie sie sind, bloss weil sie so offiziell daherkommen. Ordnet neu an, lasst uns schauen, ob es nicht auch anders geht.
Objekttheater ist für mich ein Appell. An den Wandel. An neue Blickwinkel. Eine Erinnerung, dass alle menschlichen Dinge und Strukturen einmal gestaltet wurden und immer wieder neu gestaltbar sind.
Dieser Blick, dieses Anliegen, steckt in allem drin, was ich tue. Was ist der Sinn von dieser Regel? Warum ist das so gemacht? Es sind immer diese kindlichen Warum-Fragen dahinter, obwohl ich heute natürlich nicht mehr ganz so ahnungslos bin, wie ich es als Kind war. Deshalb ist mein Humor wohl auch abgründiger.
Und dann erzähle ich die Geschichte. Larrys Geschichte ist tragisch und tiefgründig, aber sie kommt mit viel Leichtigkeit und Humor daher, sodass sie für jede*n zugänglich wird. Bei Larry funktioniert das viel über Slapstick. Er fliegt los mit seinem Stuhl, schiesst auf Wetterballons, verliert seine Brille, seine Knarre … der klassische Antiheld. Jede Überlegung, jeder nächste Schritt ist nachvollziehbar. Larry will etwas Besonderes sein, etwas Ausserordentliches erschaffen – das kennen wir alle. Das ist extrem menschlich und doch unerreichbar.
Gute Geschichten verbinden uns. Wie zuvor das Material: Wir gehen vom Gleichen aus, alles Weitere ist dann individuell.
Die Reduktion ist unglaublich spannend. Mit wenig und konsequent etwas umsetzen – das fasziniert. In meiner Schauspielausbildung lernte ich „to stay with the problem“. Das gehört zum Prozess. Du fängst an und plötzlich kommst du nicht mehr weiter. Und da wird es spannend. Wenn ich es schaffe weiter zu gehen, entstehen daraus die stimmigen Momente in einem Theaterabend.
Den Grünschnabel-Preis zu erhalten, ist eine Ehre und ein tolles Gefühl. Für mich, der viel autodidaktisch gelernt hat und sich als Generalist und weniger als Spezialist versteht, ist eine solche Anerkennung eine Bestätigung. Sie macht noch mehr Lust auf diesem Weg weiterzuarbeiten. Das tut gut. – www.moritzpraxmarer.ch