Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Blackfacing (10/2014)

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Eine Hafenstadt in Europa. Zwei illegale Einwanderer stehen am Strand: Fadoul und Elisio. Der eine im Anzug, der andere in Unterhosen, die dicken roten Lippen leicht geöffnet, die Schminke im Gesicht glänzend schwarz. Dieser Bildausschnitt, zitiert aus Michael Thalheimers Inszenierung von Dea Lohers „Unschuld“ am Deutschen Theater Berlin, hat mittlerweile Geschichte geschrieben. Eine Protestgeschichte. Eine Wutgeschichte. Und langsam, aber sicher auch eine Debattengeschichte. War den meisten in Deutschland lebenden weißen Theaterkennern das Wort Blackfacing lange unbekannt, wisse das deutsche Theater jetzt zumindest, wie man es schreibt, erklärt Matthias Dell. Indes: Was es bedeutet, wisse man nicht.

Der Schwerpunkt im Oktober geht der Debatte um das Thema Blackfacing nach, diskutiert den Einsatz dieses Theatermittels im Zeichensystem deutschsprachiger Inszenierungen und verweist auf seine Entstehungsgeschichte: auf das Blackfacing in amerikanischen Minstrel Shows, in denen weiße Schauspieler, überdeutlich schwarz geschminkt, in tumber Derbheit Afroamerikaner parodierten. Ein rassistisches Bild, das, wie Matt Cornish zeigt, auch in Deutschland nicht unbekannt ist. „Noch heute verwendet Machwitz-Kaffee das Logo von drei identisch gezeichneten lächelnden Frauen mit (…) rabenschwarzen Gesichtern und riesigen Lippen.“ Nun sei jedoch das Blackfacing als Theatermittel nicht per se zu verurteilen, biete es als – beispielsweise – Verfremdungseffekt doch ein reichhaltiges Instrumentarium, um alte und neue Rassismen zu erkunden. Doch sei das Theater darin derzeit ziemlich naiv. Zu diesem Fazit kommt auch Matthias Dell in seinem Einleitungstext, der unter anderem Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ unter die Lupe nimmt. Sein Gespräch mit der Schauspielerin und Autorin Elizabeth Blonzen und dem Schauspieler Ernest Allan Hausmann macht jedoch deutlich, dass sich die Debatte eben nicht nur um schwarze Schminke dreht. Es gehe schon bei den Stücken los, „wo Schwarze oft ganz Afrika repräsentieren sollen bzw. das Problem, das Afrika für uns Deutsche hat“, erklärt Blonzen. „Also: Ich möchte gerne Asyl (…). Aber nie: Ich suche eine Kita für meine Tochter (…).“ Die typischen Fallen der Bildkonstruktion: Einseitigkeit und bloße Oberflächen.

Der Berliner Fotograf David Baltzer ist ein Experte in Sachen Bild, seine Arbeit daher das genaue Gegenteil. „Ich suche den extrem verdichteten Moment, angeschnittene Schauspieler, zeichenhafte Reste aus dem Bühnenraum, die sozusagen das Innenleben der Figuren, ihre Seelenlage im Außen aufnehmen“, beschreibt er im Gespräch mit Ute Müller-Tischler. In unserem Künstlerinsert zeigen wir Arbeiten aus zwei Bereichen, die ihn interessieren: Theater und politische Demonstrationen.

Von verdichteten Momenten spricht auch Thomas Oberender in seiner Replik auf Frie Leysens Festivalkritik in der September-Ausgabe. „Festivals (…) sind unter den geistigen Antrieben der Kunstwelt die Explosionsmotoren. (…) Die Struktur, in der ein Jahr lang vorbereitet und aufgebaut wurde, legt den Hebel um, und das Programm schleudert das Material seiner Verknüpfungen nach draußen (…) aus diesem Zuviel kann sich der Besucher für wenige Tage ein sonst unerreichbar dichtes Feld von Erlebnissen und Inspirationen bauen.“ So erlebten es auch Mirka Döring beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel und Michael Helbing beim ersten Kunstfest Weimar unter Christian Holtzhauer.

In Schwerin hat man derweil von explosiven Zeiten so langsam genug. Seit Jahren tickern immer wieder neue Horrormeldungen vonseiten der Kulturpolitik durch die Leitungen. Erst kürzlich empfahl die von Bildungsminister Mathias Brodkorb beauftragte Metronom-Unternehmensberatung München, aus einigen Vierspartenhäusern in Mecklenburg-Vorpommern Einspartenhäuser zu machen – das sei günstiger. Wobei sich später herausstellte, dass sich die Münchner um einige Millionen verrechnet hatten. Doch Joachim Kümmritz, Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin, ist „beinhart und clever, wenn es darum geht, schon verloren geglaubte Spiele noch zu drehen“, berichtet Gunnar Decker. Er kontert die desolate Kulturpolitik – mit Kunst.

Die Redaktion

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